"Hart aber Fair" zu "Implant Files": Sind OPs noch zu empfehlen?

„Hart aber Fair“ zu Implantat-Problemen : „Die Ärzte waren davon überzeugt, etwas Gutes zu tun“

Die Recherche „Implant Files“ hat große Probleme bei Medizinprodukten deutlich gemacht. Bei „Hart aber Fair“ hinterfragten die Gäste, ob Patienten sich überhaupt noch guten Gewissens operieren lassen können.

Darum ging’s

Ein weltweites Recherchenetzwerk hat sich die Zulassung und die Kontrolle von Medizinprodukten angesehen. NDR, WDR und „Süddeutsche Zeitung“ waren Teil dieses Netzwerks aus 60 Medien. Das Ergebnis von „Implant Files“: Medizinprodukte werden von staatlichen Stellen nicht kontrolliert, Probleme nicht systematisch erfasst. Moderator Frank Plasberg diskutierte darüber mit seinen Gästen und fragte, was sich am gegenwärtigen Zustand ändern muss.

Gäste

  • Heiner Brand (ehem. Handballspieler und Handball-Bundestrainer)
  • Jens Saß (Geschäftsführer eines Medizintechnik-Unternehmens)
  • Gerald Gaß (Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft)
  • Britta von der Heide (NDR-Journalistin)
  • Peter Sawicki (ehem. oberster Arzneimittelprüfer Deutschlands)
  • Jürgen Thoma (erkrankte nach Implantation einer künstlichen Hüfte)

Bemerkenswertester Gast

Jürgen Thoma wurde eine Hüftprothese eingesetzt, die nicht ausreichend erprobt war. Thoma arbeitet selbst als Technischer Leiter und überzeugt nicht nur mit Humor, sondern auch mit Fachwissen. Den Zuschauern kann er praktischerweise gleich persönlich erklären, dass seine Prothese schon rein physikalisch keinen Sinn gemacht habe.

Frontverlauf

Die Rollen in der Diskussion waren klar verteilt. Die NDR-Journalistin Britta von der Heide war an den Recherchen zu fehlerhaften Medizinprodukten beteiligt und somit die logische Chefanklägerin der Runde. Unterstützt wurde sie von Peter Sawicki, dem ehemaligen Leiter der Arzneimittelprüfbehörde IQWIG. Gemeinsam attackierten sie Gerald Gaß, den Präsidenten der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) und Jens Saß, Geschäftsführer des Medizintechnik-Unternehmens „implantcast“. Dazu gesellte sich mit Jürgen Thoma und dem ehemaligen Handball-Bundestrainer Heiner Brand ein Patientenduo. Der eine (Thoma) mit schlechten, der andere (Brand) mit guten Prothesen-Erfahrungen.

So ausgeglichen die Runde besetzt war, so klar war die Diskussionsrichtung. Die Ergebnisse der Recherche „Implant Files“ drängten Saß und Gaß stellvertretend für alle Hersteller und Ärzte in die Defensive. Im vergangenen Jahr seien demnach allein in Deutschland mehr als 14.000 Fälle gemeldet worden, bei denen es im Zusammenhang mit Medizinprodukten zu Verletzungen, Todesfällen oder anderen Komplikationen gekommen sei.

„Das Grundproblem ist, dass es sich um ein komplett privates System handelt“, sagte von der Heide. Die Hersteller bezahlen selbst eine „benannte Stelle“, die ihr Medizinprodukt prüft. Unabhängigkeit sehe anders aus. Sawicki stimmte ihr zu. „Die ganze Struktur der Prüfung ist nicht richtig und dagegen wehrt sich die Industrie“, sagte er.

Die fehlende Unabhängigkeit ist nicht das einzige Problem der Prüfstellen. „90 Prozent der Hochrisiko-Medizinprodukte werden nicht am Menschen getestet, sie werden rein auf Papiergrundlage zugelassen“, sagte von der Heide. Immerhin hier ist jedoch Besserung in Sicht. Bis 2020 müssen in allen EU-Ländern neue Standards gelten. Vor der Zulassung von Hochrisikoprodukten, wie Herzschrittmachern oder künstlichen Gelenken, sind klinische Studien erforderlich. Bislang reichte es, sich auf den Test eines ähnlichen Produktes zu berufen.

Eine derart misslungene Hüft-Operation wie bei Jürgen Thoma wird es dann hoffentlich nicht mehr geben. Dem Technischen Leiter wurde eine Hüftprothese eingesetzt, die falsch konstruiert war. „In meinem Fall waren sicherlich die Ärzte genauso überrascht über das Versagen“, sagte er. „Sie waren davon überzeugt, etwas Gutes zu tun.“ Und das, obwohl dem Hersteller schon länger klar war, dass es mit dem Hüftsystem Probleme gibt. Dennoch dauerte es Jahre, bis das Produkt vom Markt genommen wurde. Heute liegt Thomas Hüfte als Beweismittel bei Gericht. Er verklagt seit Jahren den Hersteller. „Das wird erfolgreich. Das ist sicher“, sagte er.

Es ging jedoch nicht nur um Medizinprodukte, sondern auch um die Frage, ob Ärzte wirklich noch am Wohl ihrer Patienten interessiert sind. Der ehemalige Arzneimittelprüfer Sawicki stellte das in Frage. „Der ökonomische Druck in den Krankenhäusern verunsichert die Patienten“, sagte er. „Einige Patienten gehen nicht ins Krankenhaus, weil sie Angst haben.“ Gaß hält solche Aussagen für fahrlässig. „Das verunsichert 20 Millionen Patienten, die jährlich in deutsche Krankenhäuser kommen“, sagte er. Er musste jedoch auch zugeben, dass noch immer einige Chefärzte nach Zielvorgaben für bestimmte Operationen bezahlt werden.

Unterstützt wurde der DKG-Chef von Ex-Handballbundestrainer Heiner Brand. Er hielt nichts davon, den Ärzten Profitstreben vorzuwerfen. Nach acht Jahren Schmerzen hatte er sich selbst für ein künstliches Hüftgelenk entschieden und ist damit sehr zufrieden. „Ich bin in keiner Weise zu meiner Entscheidung gedrängt worden“, sagt er. Für ihn ist die neue Hüfte ein großes Stück neuer Lebensqualität.

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