1. Panorama
  2. Fernsehen

Hart aber Fair: Wut auf unseriöse Anbieter im Energiemarkt - „Im Stich gelassen und betrogen“

Energiediskussion bei „Hart aber fair“ : „Im Stich gelassen und betrogen“

Unseriöse Anbieter machen mit hohen Energiepreisen Profit, die Kunden haben das Nachsehen. Frank Plasberg diskutiert am Abend in der ARD auch über Kosten der Energiewende, Gas aus Russland und die Nachhaltigkeit von Atomkraft.

Darum ging es

Frank Plasberg nahm sich am Abend bei „Hart aber Fair” in der ARD den Energie-Preisschock vor: „Welche Mittel hat die Politik um gegenzusteuern, wenn Strom und Gas tiefe Löcher in die Haushaltskasse reißen?” fragte er zwei Politiker, zwei Journalisten und eine Energiewirtschaftsexpertin. Wie stark treibt die Energiewende die Preise? Bleiben die Heizungen kalt, wenn Russland den Gashahn zudreht? Die NRW-Verbraucherberatung hatte praktische Tipps.

Die Gäste

  • Jürgen Trittin, Die Grünen
  • Kerstin Andreae, Bundesverband der Energie- und Wassserwirtschaft
  • Harald Lesch, Wissenschaftsjournalist und Astrophysiker
  • Tilman Kuban, CDU, Vorsitzender der Jungen Union
  • Wolfram Weimer, Publizist und  Verleger

Der Talkverlauf

„Kalt erwischt”, so Frank Plasberg, müssten sich Hunderttausende Stromkunden gefühlt haben, als ihr Billiganbieter plötzlich die Lieferungen einstellte. Zumal sie nun beim Grundversorger zum deutlich höheren Tarif einsteigen müssen. Zuschauerin Caterina Essberger-Brenscheidt bestätigt: Ihr sei ohne Vorwarnung gekündigt worden, sie fühle sich „im Stich gelassen und betrogen”.

Kerstin Andreae vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft stimmt der Wuppertalerin zu: Unseriöse Anbieter hätten ein Geschäftsmodell ausgenutzt, das nun zu Lasten der Kunden gehe. „Da fühlen sich Menschen zurecht nicht ordentlich behandelt”, sagt sie. Bei der Suche nach einem günstigen Stromanbieter sei wichtig, nicht nur Preise zu vergleichen, sondern auch Bonität und Seriosität des Unternehmens zu prüfen. Sie erklärt auch, warum die Grundversorger, die nun plötzlich etwa 70.000 neue Kunden beliefern sollen, dies zu einem höheren Preis machen müssen: Der Grundversorger müsse nun teurer einkaufen und wolle damit natürlich seine Stammkunden nicht belasten.

„Ein Großteil dieser Kündigungen ist schlicht rechtswidrig”, stellt Jürgen Trittin fest, vor allem wenn ein Anbieter wie Stromeo noch solvent sei. Praktische Hilfe bietet Christina Wallraf von der NRW Verbraucherzentrale Betroffenen an: „Sie können schon jetzt Schadenersatzforderung gelten machen”, sagt sie, das lohne durchaus, denn teilweise gehe es um vierstellige Beträge. Den Wettbewerb auf dem Markt hält Walraff für sinnvoll, doch leider gebe es schwarze Schafe, die die Belieferung einstellten, obwohl sie es nicht dürften. Bei solchen Kündigungen bestehe dringend Regulierungsbedarf.

  • Frank Plasberg spricht mit seinen Gästen
    TV-Nachlese „Hart aber Fair“ : „Hart gegensteuern oder durchlaufen lassen?“
  • Neukunden der NEW-Grundversorgung zahlen gut 80
    Wirtschaft im Kreis Viersen : Verbraucherschützer kritisieren NEW
  • Das Forschungsprojekt „Electric City Neuss“ beschäftigte
    Forschungsprojekt in Neuss : Electric City: Ein Plan für die Energiewende

Für ein „Riesenproblem” hält es Autor Harald Lesch, wie grundsätzlich mit den Strompreisen umgegangen werde. „Mit der Transformation zur Energiewende können wir uns diese Art von Wildem Westen von verschiedenen Firmen auf dem Strommarkt nicht mehr erlauben”, ist er überzeugt. Vor Schwankungen, die immer mal passieren können, müssten Kunden geschützt werden. „Wir haben gar nicht verstanden, wie teuer Energie ist und haben sie zur reinen Ware gemacht, die einen Preis hat aber keinen Wert.” Wolle man die Pariser Klimaziele erreichen, müsste der Verbrauch halbiert werden. „Ich habe den Eindruck, dass sich viele hier nicht ehrlich machen”, sagt er Richtung Politik.

Tilman Kuban schlägt vor, die Regierung müsse „was bei Stromsteuer und Mehrwertsteuer tun, das würde den Leuten helfen”, denn am Ende gehe es um die Frage: „Wie rasant steigt ein Energiepreis an?” Für viele Menschen gingen diese höheren Kosten an die Existenz, so der CDU-Politiker. Eine Senkung der Energiesteuer hält auch Wolfram Weimer für den richtigen Weg. Er kritisiert: „Wir sind mit Blick um die Welt die Teuersten beim Strompreis”, und das habe natürlich mit der Politik zu tun. „Wir haben zwei Millionen Deutsche, die ihre Wohnung nicht richtig heizen können und frieren, weil die Energiepreise zu hoch sind”, sagt der Verleger. Diese Preise lösten eine „grüne Inflation aus”, die vielen Leuten weh tue.

Autor Lesch hat eine andere Idee, wie Energiekosten umverteilt werden könnten. Er schlägt vor, zunächst umweltschädliche Subventionen abzuschaffen und das Geld für „Übergangsprobleme” zu nutzen. Das Bundesamt in Dessau habe schon vor zehn Jahren eine Liste umweltschädlicher Subventionen zusammengestellt. Die Politik könne diese zwei Millionen Haushalte unterstützen, indem sie etwa das Dienstwagenprivileg abschaffe und Kerosin besteuerte.

Jürgen Trittin bietet noch andere Lösungen an: „Wir werden in einem erstem Schritt die EEG-Umlage abschaffen und in einem zweiten Schritt die Heizkostenpauschale erhöhen”, verspricht er, damit werde Menschen geholfen, die ernste Probleme haben. Wenn die Fortsetzung der CO2-Bepreisung auf europäischer Ebene komme, werde auch das versprochene Klimageld gezahlt. Weimer macht Ökosteuern und Klimageld nieder: „Das Konzept ist vom Ansatz her falsch”, sagt der Publizist. Man solle nicht erst Menschen Geld abnehmen und es dann zurückgeben. „Wir brauchen sofort Entlastung.”

Als hätte er noch nicht genug heiße Eisen im Feuer, bringt Plasberg auch noch die Atomkraft ins Spiel: Nachdem Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen Silvester vom Netz gingen, seien nur noch drei Kernkraftwerke in Deutschland in Betrieb. Er will wissen, was seine Gäste vom Vorschlag der EU-Kommission halten, die weiter auf Atomstrom setzen und ihn als ‘nachhaltig und klimaneutral’ werten will. „Ich habe gedacht, die sind verrückt”, sagt Lesch. Man müsse schon einen sehr schrägen Nachhaltigkeitsbegriff haben, wenn man zukünftigen Generationen ein solches Erbe auflaste. Andreae sieht das ähnlich: Eine Energie, die den nächsten Generationen so viel Atommüll hinterlasse, sei alles andere als nachhaltig.

Die Vorsitzende des Energieverbandes teilt beruhigendes angesichts der beunruhigenden Situation in der Ukraine mit, als Plasberg wissen möchte: „Was passiert, wenn es kein Gas mehr aus Russland gibt?” Andreae erklärt, dass es in solchen Situationen Sicherungen gebe. Öffentliche Einrichtungen und Privatleute seien geschützte Kunden, die als erste versorgt würden. Dann griffen Vereinbarungen mit der Industrie, gewisse weniger wichtige Produktionsbereiche abzuschalten oder auf andere Versorger zu umzusteigen. Zudem könne aus LNG-Terminals in Europa mehr Gas etwa aus Übersee auch nach Deutschland fließen. Im Übrigen sehe sie an den Energiemärkten eher eine Entspannung.

(juju)