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"Hart aber fair": Wo sich Dänemark und Deutschland bei Omikron unterscheiden

Lungen-Facharzt bei „Hart aber fair“ : „Wo Dänemark seine Lücken geschlossen hat, stehen sie bei uns noch offen“

Corona ist einmal mehr das Thema bei „Hart aber fair“ im Ersten. Als Oberarzt auf einer Corona-Station kann Cihan Çelik davon berichten, welche Faktoren bei einer Überlastung der Krankenhäuser eine Rolle spielen.

In der Talkshow „Hart aber fair“ ist für den Montagabend die Frage: „Die Pandemie in uns: Wann kommt die Zeit, von Corona loszulassen?“ vorgesehen.

 Die Gäste:

  • Markus Blume, CSU-Generalsekretär
  • Katrin Göring-Eckardt (Grüne), Bundestags-Vizepräsidentin
  • Kristina Schröder (CDU), Unternehmerin und Ex-Familienministerin
  • Cihan Çelik, Lungen-Facharzt
  • Christina Berndt, Wissenschaftsjournalistin
  • Marc-Christoph Wagner, Abteilungsleiter im dänischen Louisiana Museum

 Darum ging’s:

Um Corona-Politik in Deutschland und in Dänemark, um die Aussagekraft von Inzidenz-Zahlen und die Auswirkungen der Pandemie auf Krankenhäuser.

 Der Talkverlauf:

 Beim Corona-Talk bei „Hart aber fair“ ist die neueste Wendung in der Impfpflichtdebatte ein Thema. Nach der Ankündigung des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, die Umsetzung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht hinauszuzögern, steht der Sinneswandel des CSU-Politikers im Fokus. Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt erinnert daran, dass solche Kehrtwenden nichts Neues seien. „Wahrscheinlich würde die olympische Disziplin ‚Ich ändere meine Meinung ständig‘ in Bayern bei einer Goldmedaille landen.“

Söders Parteigenosse, der CSU-Generalsekretär Markus Blume, wiegelt ab. Früher sei die Lage anders gewesen, über eine Impfpflicht habe man ja noch in der Delta-Welle gesprochen. Und: „Wir waren vorsichtig, als Vorsicht gefragt war.“ Statt eben jener Vorsicht fordert Blume nun Pläne für einen „Einstieg in den Ausstieg“. Dabei scheint er zu überhören, dass auch Göring-Eckardt von einem Stufenplan spricht. Sie stellt dabei aber die Frage nach dem richtigen Moment: „Was lockern wir wann?“

Die Unternehmerin und ehemalige Familienministerin Kristina Schröder kritisiert, dass die Ziele der Corona-Maßnahmen unklar seien. Infektionen verhindern, niedrige Inzidenzen erreichen, Überlastung vermeiden: Die CDU-Frau sieht die Verhinderung einer Überlastung der Intensivstationen als „einzig sinnvolles, realistisches Ziel“. Damit begründet sie auch ihre Überzeugung, bald schon seien Lockerungen möglich.

Diese Logik setzt sich in der Talkrunde aber nicht durch. Die Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt weist darauf hin, dass die Neuaufnahmen auf den Intensivstationen derzeit zunehmen. Das lasse sich per Intensivregister verfolgen. Nun ist ein Erfahrungsbericht von Cihan Çelik gefragt, der als Oberarzt auf einer Corona-Station in Darmstadt arbeitet. Er möchte den Blick zunächst auf die Fortschritte während der Pandemie lenken. „Der größte Punkt, warum wir auf der Station mildere Verläufe sehen, ist die steigende Immunisierung der Bevölkerung“, sagt Çelik. Das sei ein großer Erfolg der Impfkampagne und der Wissenschaft. Bereits in der Delta-Welle seien die Kurven von Inzidenz und Hospitalisierung auseinandergegangen. Nun müssten diese Grafiken anders interpretiert werden als zu Beginn der Pandemie. Wichtig sei etwa eine Unterscheidung nach Altersgruppen. Würde die Inzidenz beispielsweise bei Kindern sinken, aber in der Risikogruppe über 60 steigen, mache sich das bald im Krankenhaus deutlich bemerkbar. „Für uns ist die Inzidenz immer noch ein sehr wichtiger Frühmarker.“

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Çelik erklärt, warum Omikron sich stark auf Krankenhäuser auswirkt, auch wenn deutlich weniger mit der Variante infizierte Menschen schwer erkranken. Damit sie niemanden anstecken, müssten alle Corona-Infizierten im Krankenhaus isoliert werden – auch jene, die wegen ganz einer anderen Erkrankung eingeliefert würden. Das bedeute Mehraufwand, zudem falle mehr Personal aus, das sich selbst wegen einer Ansteckung isolieren muss.

Moderator Frank Plasberg lenkt die Aufmerksamkeit nun auf Dänemark, wo gerade trotz einer Inzidenz von 5000 alle Corona-Maßnahmen aufgehoben wurden. „Das kann man ja auch machen, wenn die Menschen gut geschützt sind“, sagt Berndt mit Verweis auf die hohe Impfquote in dem Land. Angesichts neidischer Blicke relativiert der in Dänemark lebende Marc-Christoph Wagner diesen Schritt der dänischen Regierung. Deutschland stünde in der Omikron-Welle gerade dort, wo Dänemark bereits vor Weihnachten gestanden hatte. „Da hat bei uns niemand über Lockerungen nachgedacht“, sagt Wagner. Die dänische Regierung hatte verfügt, dass zu Weihnachten alle allein zu Hause feiern. Das Fallenlassen der Maßnahmen sei von dem Hinweis begleitet gewesen, dass im Herbst vielleicht wieder geschlossen werden müsse. „Es wird nicht signalisiert: Das ist jetzt ein für allemal vorbei.“ Diese Ehrlichkeit gegenüber der Bevölkerung sieht Wagner als einen der Gründe, warum er dort mehr Vertrauen in die Politik beobachtet.

Der Lungenarzt Çelik bringt die dazugehörigen Zahlen: Die Booster-Quote bei den über-60-jährigen Dänen liege bei 96 Prozent. „Wo Dänemark seine Lücken geschlossen hat, stehen sie bei uns noch offen“, sagt er. Am Schluss kommt Plasberg auf die Überschrift seiner Sendung zurück und fragt, wann die Pandemie in den Köpfen seiner Gäste vorbei ist. Dazu sagt Çelik: „Diese Phase der Pandemie ist vorbei, wenn plötzliche Inzidenzanstiege nicht mehr zu vielen Patienten im Krankenhaus führen, und endgültig ist sie vorbei, wenn es auch zu diesen starken Inzidenzanstiegen nicht mehr kommt.“

(peng)