Hart aber fair über Sterbehilfe: "In Bielefeld ja, in Wuppertal nein" — TV-Kritik

"Hart aber fair" diskutiert Sterbehilfe : "In Bielefeld ja, in Wuppertal nein"

Dürfen Ärzte unheilbar kranken Menschen beim Sterben helfen? Diese Frage diskutierte Frank Plasberg in seiner aktuellen Talkshow "Hart aber fair" mit seinen Gästen. Das Ergebnis: zwei unversöhnliche Lager, Holland als ein abschreckendes Beispiel, eine aktuell untragbare Situation und in Kaffemühlen gemischtes Gift.

Der kurze Einspieler dauert nicht einmal anderthalb Minuten, bietet aber verstörende Bilder. Mediziner und Sterbehelfer Uwe-Christian Arnold steht in der kleinen Einbauküche eines Patienten und hantiert mit einer handelsüblichen elektrischen Kaffeemühle. Mit dem Brummen der Maschine im Hintergrund erklärt Arnold: "Man sollte immer 80 Tabletten nehmen."

Es sind Medikamente, die in ihrer Kombination tödlich wirken, die Arnold zerkleinert. Das Pulver muss der Patient eigenständig einnehmen. "Man kann es unter Apfelmus rühren, man kann es in Himbeersaft trinken", sagt Arnold. Zusätzlich gibt er ein Medikament, damit der Patient sicher einschläft, bis dann der Herzstillstand einsetzt. Nach eigenen Angaben hat Arnold 200 todkranke Menschen in ganz Deutschland so bei ihrem Suizid unterstützt.

Die Reaktionen in der Fragerunde, in der auch Arnold sitzt, sind deutlich. Die sonst so schlagfertige Medizin-Journalistin Marianne Koch verweigert kopfschüttelnd einen Kommentar. Sie sagt nur: "Ich will es nicht machen. Es entspricht nicht meiner Vorstellung vom ärztlichen Beruf."

Ähnlich äußert sich auch Peter Hintze (CDU), Vizepräsident des deutschen Bundestages. "Ich möchte nicht in einem Staat leben, wo man mit der Kaffeemühle herumfährt", sagt er. Lieber solle sich der vertraute Hausarzt um den Patienten kümmern, wenn diese die Sterbensqualen nicht mehr aushielte. Allein Bettina Schöne-Seifert, Professorin für Medizinethik an der Universität Münster, springt Arnold bei. "Ich bin dankbar, dass es Herrn Arnold gibt und dass er Patienten hilft, den anders nicht geholfen wird", sagt sie.

Dass Arnold durch ganz Deutschland reist, hängt mit der rechtlichen Situation zusammen. Wer anderen beim Suizid hilft — dabei muss aber die Handlung von der betreffenden Person begangen werden — wird strafrechtlich zwar nicht belangt. Aber Ärzte können berufsrechtliche Probleme bekommen, wenn sie Menschen bei der Umsetzung ihres Todeswunsches helfen. Theoretisch können sie ihre Approbation verlieren. Den Beschluss der Bundesärztekammer ist allerdings nicht in allen Ärztekammern in den Bundesländern übernommen worden. Besonders verzwickt ist die Lage in Nordrhein-Westfalen. Die Ärztekammer Nordrhein verbietet es, während es in Westfalen unter besonderen Bedingungen zulässig ist, wie Peter Hintze erklärt: "In Bielefeld ja, in Wuppertal nein."

"Wir wollen die Ärzte aus der Unsicherheit befreien, die sie im Moment haben", erklärt Hintze. Daher arbeite er fraktionsübergreifend an einer neuen Regelung der Sterbehilfe. Wenn trotz allen medizinischen Bemühungen sich unheilbar Kranke an den Arzt ihres Vertrauens wenden, der es als Gewissensentscheidung mit sich vereinbaren kann zu helfen, sollen sie nicht abgewiesen werden, unabhängig in welcher Ärztekammer der Arzt ist, so Hintze. Verschieden Bedingungen seien dafür zu erfüllen.

Für eine Reform der Sterbehilfe sprechen sich auch Arnold und Schöne-Seifert aus. Arnold gibt zu bedenken: "Das offene Gespräch über den Freitod hilft den meisten Menschen weiterzuleben." Dr. Klaus Reinhardt, Allgemeinmediziner und Vorsitzender des Hartmannbundes, hält trotzdem nichts davon, Ärzten Suizidbeihilfe zu erlauben. "Im Einzelfall kann es sein, dass es der geeignete Weg ist, aber es kann kein standardisiertes Verfahren sein, das von Patienten einzufordern ist." Auch Koch ist strikt dagegen: "Ein guter Tod ist nicht durch Selbsttötung möglich", sagt sie.

Während sich in dieser Frage die beiden Lager unversöhnlich gegenüberstehen und auch während der Debatte nicht annähern, sind sich in einer Frage einig: Wie in den Niederlanden, wo aktive Sterbehilfe — also Tötung auf Verlangen — praktiziert wird, soll es in Deutschland nicht laufen. In einem emotionalen Interview erzählt der niederländische Journalist Gerbert van Loenen, wie auf seinen schwer kranken Lebenspartner sozialen Druck ausgeübt wurde, um sein Leben ein Ende zu setzen. Van Loenen richtet ein Appell an die Fachleute und den Politiker. "Bitte bedenken Sie, wie weit sie gehen soll", sagt er. Hintze versichert, dass es eine aktive Sterbehilfe nicht geben werde.

Falls die Beihilfe zum Suizid kommen werde, hat Arnold Konsequenzen angekündigt: "Dann kann ich meine Kaffeemühle einrosten lassen."

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