Hart aber fair: Schlagabtausch von Union und SPD

TV-Talk "Hart aber fair": "Freies Schießen", aber mit zu wenig Pulver

Wenn die Themenideen ausgehen, spielt man einfach im Jahresrückblick einige Politikerzitate ein und hofft das Beste. Immerhin war der Schlagabtausch bei "Hart aber fair" zwischen den womöglich baldigen Koalitionspartnern CDU und SPD noch relativ kurzweilig.

Darum ging's:

Zum Thema "Flopjahr 2017, erst Wahl, dann Qual: Womit haben wir das verdient?" lässt Moderator Frank Plasberg die Gäste "frei schießen". Er wolle möglichst wenig Fragen stellen, nur den Ringrichter machen und auf die Zeit achten, während zwei Politiker, ein Comedian und zwei Journalisten über die Themen des Jahres diskutieren.

Darum ging's wirklich:

Nach der vielversprechenden Ankündigung des "freien Schießens" dürften sich die meisten Zuschauer mehr Action und mehr Unterhaltung gewünscht haben. Stattdessen gerät die Sendung zu einem plan- und lieblos gewürfelten Durcheinander von allen Themen, die der "Hart aber fair"-Redaktion offenbar gerade zufällig vor die Flinte gekommen waren. Den interessantesten Schlagabtausch liefern sich ausgerechnet die Vertreter von Union und SPD — die derzeit über eine große Koalition verhandeln.

Die Gäste:

Der Frontverlauf:

Wenn man bei "Hart aber fair" am 18. Dezember verfolgt hat, wie der SPD-Vertreter Thomas Oppermann und die CDU-Politikerin Julia Klöckner miteinander umsprangen und über die jeweils andere Partei sprachen, hätten man wohl nicht vermutet, dass die beiden Parteien gerade darüber verhandeln, gemeinsam eine Regierung zu bilden. Oppermann sagt, er wisse nicht, was Merkel wirklich wolle. Sie habe sich auch immer noch nicht zu den Vorschlägen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron geäußert. "Ich finde das unmöglich." Die Jamaika-Gespräche nennt er "die peinlichsten drei, vier Wochen der deutschen Politik".

"Ja, weil Sie nicht wollten", kontert Klöckner neben ihm. "Das ist keine peinliche Veranstaltung, das ist Demokratie, und in der Demokratie sondiert man." In Anspielung auf die vielen Balkon-Fotos bei den Jamaika-Verhandlungen in Berlin kündigt sie im Hinblick auf die laufenden Gespräche an: "Herr Oppermann, wir werden uns nicht auf einem Balkon treffen."

Kurz kommt das Gespräch auf FDP-Parteichef Christian Lindner, der seine Partei mit dem Satz "Es ist besser nicht zu regieren als falsch zu regieren" aus der Jamaika-Affäre gezogen hat. "Er hat sich ins Lager der Maximalisten und Populisten gestellt", sagt Oppermann und wirft dem liberalen Politiker indirekt Feigheit vor. "Ich finde Herr Lindner hat ein ganz schlechtes Beispiel für die Demokratie geliefert."

Die "taz"-Korrespondentin hakt ein: "Ich bin verwirrt, gibt es das bei der SPD nicht auch?" "Doch, aber mit dem Unterschied, dass Lindner sechs Prozent gewonnen, aber wir fünf Prozent verloren haben", sagt Oppermann, der an jenem Abend von allen Seiten unter Beschuss kommt.

Schlaflos vor Lachen

Die CDU-Politikerin Klöckner glaubt, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier der SPD das Gesicht gewahrt habe, indem er Martin Schulz ins Schloss Bellevue bestellt hat, um diesem quasi ins Gewissen zu reden. Die SPD wisse ja weiter nicht, ob sie regieren wolle, solle, könne oder dürfe, schiebt Klöckner nach. Gaus relativiert diese Aussagen: "Der Bundespräsident hat nicht der SPD das Gesicht gerettet, sondern die Verfassung geachtet. Und da war ich sehr dankbar. Es gibt kein Selbstauflösungsrecht des Bundestages."

Klöckner führt im Hinblick auf den aktuellen politischen Schwebezustand fort: "Es wäre unverantwortlich, wenn dann die Sozialdemokratie sagen würde, uns ist es egal. Die einzigen, die vor Lachen nicht mehr in den Schlaf kommen,wären dann die AfDler, und das sollten wir nicht zulassen."

Moderator Plasberg spielt eine Szene ein, die den SPD-Parteichef Martin Schulz bei seiner Wahl zum Kanzlerkandidaten zeigt, als er 605 von 605 Stimmen bekam. "Das ist ja fast wie im Irak. Das muss man erstmal hinkriegen", kommentiert Comedian Abdelkarim, den Plasberg während der Diskussion immer wieder ein wenig aus der Reserve locken muss. Abdelkarim unterstellt dem SPD-Politiker einen gewissen Hang zur Selbstverliebtheit. "Er hat sich an sich selbst besoffen reden lassen." Oppermann bleibt zurückhaltend, das Ergebnis sei ein Zufall gewesen und habe sich später nicht annähernd so wiederholt.

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Auf die Frage, welche Fehler die SPD gemacht habe, räumt er ein: "Ein Fehler war, dass wir im Wahlkampf zu oft das Thema gewechselt haben." Außerdem habe die SPD das Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität nicht bedient sowie das Einwanderungsgesetz zu wenig in den Mittelpunkt gestellt. Klöckner will nachsetzen, ihm weitere Fehler vorhalten. "Haben Sie denn keine Fehler gemacht?", fragt er schlagfertig zurück. "Sie haben ja noch viel mehr verloren als die SPD."

"Verfall der politischen Kultur"

Auch der Journalist Alexander kritisiert die SPD mit Genuss: "Die SPD hat kein Gewinnerthema mehr." "Sie haben doch offensichtlich Angst vor einer GroKo", sagt Oppermann. "Ja, weil ich glaube, dass beide Parteien erschöpft sind", sagt Alexander.

Plasberg legt neue Holzscheite ins Feuer, als er in einem Einspieler die Äußerung der SPD-Politikerin Andrea Nahles Revue passieren lässt. Diese sagte in Bezug auf den einstigen Koalitionspartner Union: "Und ab morgen kriegen sie in die Fresse!" Was Oppermann als nicht ernst gemeinten Scherz verstanden sehen will, bewertet Klöckner als "desillusionierend" und als "Verfall der politischen Kultur". Auch die beiden Journalisten kanzeln Nahles für ihre Wortwahl ab.

Beim Thema Neuwahlen ist sich die Runde jedoch recht einig. Das möchte niemand. Plasberg zeigt Ergebnisse einer Umfrage, wonach die Wahl gleich ausgehen würde. Nur die Grünen würden drei Prozentpunkte zulegen. Oppermann sagt, dass sich die SPD eine Minderheitsregierung vorstellen könne, aber er sei gegen Neuwahlen, "man darf den Wahlvorgang nicht so abwerten". "Wir dürfen den Wähler nicht so lange wählen lassen, bis es uns passt."

"Diskussionsehe"

Moderator Plasberg regt an, dass Oppermann und Klöckner versuchen, sich ins Gesicht zu sagen, warum sie sich auf die Zusammenarbeit ihrer Parteien in einer großen Koalition freuen. Oppermann ist überraschend schüchtern, holt weit aus, spricht über das schöne Deutschland, aber wird nicht konkret.

Klöckner schaut ihn lächelnd an und erlöst ihn von seinem sichtbaren Unbehagen, indem sie ihm ins Wort fällt: "Herr Oppermann, die Tür der CDU steht nach wie vor offen. Wir wollen eine stabile Regierung. Ich halte nichts von einer Minderheitsregierung." Darauf kommentiert Plasberg: "Ok, das wird eine Diskussionsehe, das sehe ich schon." Klöckner kontert: "Er schaut schon überzeugter, finde ich", worauf alle etwas erleichtert lachen.

Als die O-Töne des Jahres eingespielt werden, darunter die Ankündigung von AfD-Spitzenvertreter Alexander Gauland, die Bundesregierung und Angela Merkel "jagen" zu wollen, findet die "taz"-Journalistin Gaus klare Worte: "Es gibt glaube ich wirklich kein Zitat eines deutschen Politikers, das mich so erbittert hat wie dieses", sagt sie klar. "Ich will von Herrn Gauland nirgendwo hingeholt werden."

Alexander relativiert die Aussage, ins Englische übersetzt würde das Journalisten nicht so entsetzen. Auch Oppermann wehrt sich gegen die Vereinnahmung durch die AfD: "Herr Gauland kann nicht darüber reden, dass er unser Land zurückholt. Das gehört nicht ihm, das gehört uns allen."

Am Ende eine Entschuldigung

Kurz vor Weihnachten wolle er noch einmal sanfte Töne anschlagen, sagt Moderator Plasberg und bittet seine Gäste, offenzulegen, bei wem sie sich dieses Jahr entschuldigen wollten. Oppermann entschuldigt sich "bei denjenigen, die ich im Wahlkampf zu hart rangenommen habe". Lacher aus der Runde und dem Publikum erntet Julia Klöckner, als sie, nachdem sie die ganze Sendung massiv gegen Oppermann gestichelt hat, sich bei der SPD entschuldigt, "weil wir gesagt haben, sie seit nicht regierungsfähig". Sie glaube jedoch, die GroKo sei besser ist als ihr Ruf.

Abdelkarim entschuldigt sich bei AfD-Wählern, die er zu hart rangenommen habe. "Man sollte mit allen AfD-Wählern reden, um sie vom Grundgesetz zu überzeugen", sagt der in Duisburg lebende Komiker. Journalist Alexander und Korrespondentin Gaus wollen lieber nicht preisgeben, bei wem sie sich entschuldigen würden. Ein lascher Ausklang einer planlosen und über weite Strecken langweiligen Sendung.

(sbl)