Hart aber Fair: Russisch Roulette auf Rezept — wie gefährlich ist die Medikamenten-Flut?

TV-Kritik zu "Hart aber Fair": "Jeder weiß, dass Medikamente Schaden anrichten können"

Dreimal täglich Betablocker gegen hohen Blutdruck, morgens Paracetamol gegen die Kopfschmerzen, mittags Ibuprofen wegen der Rückenschmerzen und am Abend noch Wick-Medinait gegen die Erkältung. Fertig ist ein Gift-Cocktail, der Patienten mit Herzinfarkten ins Krankenhaus bringen und sogar töten kann.

So ähnlich zählte Frank Plasberg in der ARD-Talksendung "Hart aber Fair" eins und eins zusammen und fragte seine fünf Streitgäste: "Russisch Roulette auf Rezept — wie gefährlich ist die Medikamente-Flut?"

Den neutralen Pol der Runde vertrat Kabarettist Dr. Ludger Stratmann, der bis ins Jahr 2002 selbst als Allgemeinmediziner in Bottrop noch praktiziert hat. "Mit Grippemitteln ist man nicht so schnell tot", entgegnete er der Fragestellung. "Und ich bin überzeugt, dass es kein besseres Gesundheitssystem gibt, als das in Deutschland."

Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU im Bundestag, und Norbert Gerbsch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der pharmazeutischen Industrie, hätten dem wohl sofort zugestimmt, konterten beide doch jeglicher Kritik. Den Vorwurf, Patienten viel zu viele Medikamente an die Hand zugeben, verneinte Gerbsch entschieden.

"Die Menschen werden nur einfach älter und brauchen deswegen mehr Medikamente", entgegnete er. Auch Spahn fuhr sofort die Ellbogen aus: "Jeder weiß, dass jedes Medikament nur Chemie ist und alles Schaden anrichten kann. Und jeder kann einordnen, wie groß sein persönliches Risiko ist, wenn bei neun von 10.000 Patienten bei der Einnahme eines Medikaments Nebenwirkungen auftreten." Den Arzt treffe keine Schuld.

Doch stellt man den beiden plötzlich ein Opfer ärztlicher Willkür vor, verstummen sie: Corinna Silber, Mitte 40, Diabetes-Patientin, wurde vor etwa acht Jahren gezwungen, auf das bisweilen gut verträgliche tierische Insulin zu verzichten und anstelle dessen das künstliche Präparat Levemir des Konzerns Novo Nordisk zu spritzen — mit gravierenden Nebenwirkungen. Schnell hat sie bemerkt, dass sie sich die doppelte Menge des neuen Wirkstoffs verabreichen muss, um den Blutzuckerspiegel auf verträglichem Niveau zuhalten. Ärzte haben ihr trotz ihrer Beschwerden geraten, das Produkt weiterzuverwenden.

Nach etwa anderthalb Jahren aber der Schock. Corinna Silber bemerkte, dass sich um die Einspritzstellen herum große Dellen im Körpergewebe bildeten: Diagnose: Fettschwund. Die Haut liegt heute direkt am Oberschenkelknochen an. Bilder anderer Körperregionen außer der von Silbers Oberschenkel werden dem Zuschauer glücklicherweise erspart. "Ich meide jeden Blick in den Spiegel, und obwohl mich meine Familie unterstützt, ist es jeden Tag schwierig, damit umzugehen", sagte die Betroffene. Ihr Körper ist irreparabel geschädigt. Und auch wenn sie heute wieder auf ein verträgliches Präparat umgestiegen ist, bleibt es für sie schwierig, das für sie lebenswichtige Medikament zu spritzen, da die Körperpartien so stark gelitten haben — das Fettgewebe sich komplett aufgelöst hat. Schuld sei die falsche Medizin.

Da muntert der Kommentar Gerbschs, dass ihm so etwas leid tue, nicht sonderlich auf. Und auch sein Hinweis, dass jeder Patient wissen müsse, was er sich mit Medikamenten antut, ist keine Werbung für die Pharmaindustrie. Sondern vielmehr ein klares Bekenntnis dafür, dass es an Aufklärung und Transparenz fehlt. Denn: Diese beschriebenen Nebenwirkungen des Fettschwunds durch das künstliche Insulin waren dem Pharma-Konzern offenbar schon vor acht Jahren — als Silber mit dem Spritzen des neuen Insulins begann — bekannt. Jedoch traten die Nebenwirkungen bisweilen nicht häufig genug auf, dass sie in der Packungsbeilage gesetzlich Erwähnung hätten finden müssen.

Deutet man Gerbschs Aussage, möchte man meinen, dass es sich hier um den klaren Fall von "Pech gehabt" handelt. Silber kämpft noch heute mir ihrem Anwalt Jörg Heyenemann gegen den Pharmakonzern an. Doch auch er verweist auf seiner Internetseite, dass es beinahe aussichtslos sei, gegen ein Pharma-Unternehmen vorzugehen. Der Rechtsstreit könnte noch Jahre andauern.

Dr. Peter Sawicki, Internist und ehemaliger Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) konnte nur mutmaßen, was die behandelnden Ärzte damals dazu getrieben hat, der Patientin das neue Präparat, das erst drei Wochen lang auf dem Markt war, zu verabreichen. Doch lässt sein Kommentar tief in die Abläufe von Krankenhäusern blicken. "Ich vermute, dass das Krankenhaus dieses neue Insulin vom Hersteller geschenkt bekommen hat, um es damit anzufüttern."

Untermauert wurde die Theorie von der Wirtschaftsjournalistin und Buchautorin Cornelia Stolze. In ihrem Buch "Krank durch Medikamente" schildert sie, wie Patienten durch fatale Fehldiagnosen und falsche Therapien noch kränker werden: "An diesem Beispiel von Corinna Silber zeigt sich sehr gut, dass viele Patienten auf ein neues Präparat umgestellt werden — einfach nur um ein neues Medikament mit einem höherem Preis auf dem Markt zu bringen", sagt Stolze und führt weiter. "Durch das Patent für das neue Medikament kann der Pharmakonzern viel Geld verdienen."

Gerbsch und Spahn wiesen die Anschuldigungen zwar zurück. Doch: Ob dieses Gesundheitssystem, wie Dr. Ludger Stratmann zu Beginn sagte, nun das beste sei, mag man am Ende der Sendung bezweifeln. Schließlich beginnt schon beim Gang zum Arzt wegen einer kleinen Erkältung das Dilemma: Denn bei durchschnittlich 45 Patienten täglich bleiben dem Arzt für die Diagnose der Beschwerden etwa acht Minuten. Zu wenig. Der beste Rat des Abends: Eine Erkältung kuriert man Zuhause auf der Couch mit Decke und Tee aus — ohne Gift-Cocktail.

Hier geht es direkt zur Sendung in der Mediathek.