1. Panorama
  2. Fernsehen

Hart aber fair: "Impfpflicht hat vier schwere Nebenwirkungen"

TV-Nachlese zu „Hart aber fair“ : „Die Impfpflicht hat vier schwere Nebenwirkungen“

Zunächst folgt die Impfpflicht-Debatte bei „Hart aber fair“ einem bekannten Muster. Etwas Neues kommt dabei ausgerechnet von einem Mann, der sich beruflich mit der Vergangenheit beschäftigt.

Das Thema bei „Hart aber fair“am Montagabend lautete „In der Omikronwelle: Was bringt eine Impfpflicht?“.

 Die Gäste:

  • Malu Dreyer (SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz
  • Christine Aschenberg-Dugnus (FDP), Bundestagsabgeordnete

Timo Ulrichs, Epidemiologe

  • Malte Thießen, Medizinhistoriker
  • Michael Bröcker, Journalist

 Darum ging’s:

Um die Einschätzung der Omikron-Variante und die Chancen und Risiken einer Impfpflicht.

 Die Talk-Highlights:

Vor Beginn der Talkrunde steckt Moderator Frank Plasberg den Rahmen ab: Die Diskussion stehe auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse. „Es gilt: Die Antwort auf Corona heißt Impfen“, sagt Plasberg. „Zu diskutieren gibt es da allenfalls wen und wann.“ Dennoch fragt Plasberg seine Gäste oft nach persönliche Befindlichkeiten statt nach Fakten oder größeren Zusammenhängen.

Zunächst geben die meisten Gäste Positionen zum Besten, die aus der öffentlichen Diskussion und aus anderen Talkshows hinlänglich bekannt sind. Die FDP-Politikerin Christine Aschenberg-Dugnus hadert in der Diskussion um eine Impfpflicht mit Fragen nach der Zielsetzung und Umsetzung, während die SPD-Politikerin Malu Dreyer schon eine Wende zu einer Befürwortung der Impfpflicht vollzogen hat, weil sie glaubt, es gebe „einenTotalaufstand in der Gesellschaft“, wenn die Impflücke im nächsten Herbst immer noch zu groß sei und dann erneut Maßnahmen auf die Bevölkerung zukämen. Beide Politikerinnen betonen, wie wichtig die Vorgehensweise der Bundesregierung bei der Impfpflicht sei. Eine parteiübergreifende Diskussion im Bundestag sei „eigentlich die Königsdisziplin in der Demokratie“, so die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Dreyer. Das schaffe Transparenz, ergänzt Aschenberg-Dugnus.

Der Journalist Michael Bröcker sieht die Vorgehensweise indes ebenso wie Plasberg als „Schutzbehauptung“. Es gebe bei den Ampel-Parteien schlichtweg keine eindeutige Mehrheit für eine Impfpflicht. Das wiederum quittiert Dreyer mit „Das ist nicht die Frage für Basta-Politik“.

Diese ganze Diskussion erweist sich als alter Hut, als der Medizinhistoriker Malte Thießen an der Reihe ist. Er legt dar, dass es schon vor mehr als hundert Jahren es eine Impfpflicht-Debatte im damaligen Parlament gab. Im 19. Jahrhundert ging es um die Pocken, und die Impfpflicht wurde beschlossen. Zum Impfzwang wurde sie aber nicht; Menschen mit Gewalt eine Spritze in den Arm zu rammen, das sei selbst im im autoritären Kaiserreich keine Option gewesen, berichtet Thießen. Allerdings folgert er aus seiner Forschung: „Die Impfpflicht hat vier schwere Nebenwirkungen.“

Mit historischen Dokumenten unterstreicht er, dass es schon damals Gruppen gab, die sich vehement gegen eine Impfung sperrten. Es gehe dabei gar nicht um die Impfung selbst, sondern um grundsätzliche Ängste. Deshalb sei die Impfung auch in der Geschichte als Vehikel genutzt worden, um für verschiedene politische Anliegen zu mobilisieren. Und diese Mobilisierung – von Impfgegnern, aber auch von Menschen mit Ängsten – sei eine der Nebenwirkungen, wenn es zu einer Impfpflicht käme. Zweitens würden viele Menschen einfach die Strafe zahlen, statt sich impfen zu lassen. Hinzu käme, dass nach Einführung einer Impfpflicht das Fälschungswesen floriere, was zu einer Gesundheitsgefahr werden könne. Und schließlich würde die Maßnahme zu Misstrauen führen in einem Land, das bislang mit Freiwilligkeit große Erfolge erzielt habe. Thießen erinnert daran, dass Standardimpfungen in Deutschland eine Impfquote von mehr als 90 Prozent erreichen. Mit Verweis auf Krankheiten wie Diphterie und Tuberkulose begründet Thießen eine neuere Ursache für den mangelnden Impfwillen: „Weil Impfungen so gut funktionieren, haben wir Infektionskrankheiten vergessen.“

  • Bundeskanzler Olaf Scholz.
    Wann, wenn nicht jetzt? : Scholz muss als Kanzler bei Impfpflicht-Frage vorangehen
  • Spricht sich gegen eine Impfpflicht aus:
    „Das spaltet die Gesellschaft“ : Stiko-Chef Mertens lehnt allgemeine Impfpflicht ab
  • Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes,
    Hoffnung auf höhere Impfquote : Erste Lieferungen von Novavax-Impfstoff erwartet

Das ergänzt der Epidemiologe Timo Ulrichs mit einem Blick auf die Impfquote in Ländern wie Italien und Portugal. Dort hätten viele Menschen erschreckende Erfahrungen gemacht. „Wir haben ein so gutes Gesundheitssystem in Deutschland, dass uns diese ganzen Härten erspart blieben.“

Moderator Plasberg folgt im Laufe der Sendung auch der Idee, das Ende der Pandemie müsse nahe sein, weil Omikron die Lunge nicht so stark angreift wie die Delta-Variante. Doch Ulrichs gießt Wasser in den Wein. Der Epidemiologe weist darauf hin, dass noch zu vielen anderen Aspekten einer Erkrankung an der neuesten Virusvariante die Daten fehlten. Diese Risiken beträfen teils alle Altersgruppen wie beispielsweise bei Long Covid.

Zudem könnte es bei einer zukünftigen Virusvariante passieren, dass die Zahl der schweren Verläufe steigt, während auch die hohe Ansteckungsgefahr von Omikron erhalten bleibe. „Das ist ein Argument für eine Impfpflicht“, folgert der Wissenschaftler. Eine neue Virusvariante könnte sich sogar in Europa bilden. Zu diesem Risiko trage gerade Deutschland durch seine hohe Zahl an herumschwirrenden Viren derzeit bei. Sollte es nicht gelingen, die Impfquote – mit welchen Mitteln auch immer – deutlich zu erhöhen, urteilt Ulrichs für den kommenden Herbst lapidar: „Dann gehen wir eben ins Nachsitzen.“

(peng)