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Hart aber fair: Disskusion über Lockerungen des Corona-Lockdowns

Lockerungs-Talk bei „Hart aber fair“ : „Der Handel stirbt, und die Regierung sieht tatenlos zu“

Fünf Studiogäste haben am Montagabend über den Lockdown und mögliche Lockerungen diskutiert. Eine Lungenärztin berichtet von Langzeitfolgen, die auch Jüngere treffen können. Karl Lauterbach rät von unkontrollierten Selbsttests ab.

Am Mittwoch steht die nächste Konferenz an, bei der die Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen der Länder über die Corona-Maßnahmen sprechen und das weitere Vorgehen entscheiden wird. Wie jedes Mal vor einer solchen Runde wird vorab eifrig spekuliert und diskutiert, gehofft und befürchtet – so auch bei der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ am Montagabend, bei der Frank Plasberg mit seinen Gästen die Frage diskutierte: „Viel Druck im Kessel: Wie lange ist ein Lockdown noch zu halten?“

Im Studio waren der Mediziner und SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach, Sternekoch Nelson Müller, Lehrerin und Publizistin Lamya Kaddor, Thalia-Vorsitzender Michael Busch und die Chef- und Lungenfachärztin Dr. Jördis Frommhold. Fünf Gäste, fünf unterschiedliche Lebensrealitäten im Lockdown.

Wie der Großteil der Gäste ist Lamya Kaddor als Lehrerin täglich mit den Folgen der Corona-Pandemie konfrontiert. Sie berichtet von unmotivierten, lustlosen Schülern im Distanzunterricht. Den Kindern drohten „schwerwiegende psychische Schäden“, weil sie nur „zu Hause rumhängen“. Die Lehrerin für Islamische Religion an einem Duisburger Gymnasium fordert ein genaueres Hinschauen: Dort, wo es die Inzidenzwerte zuließen, solle gelockert werden.

Als ein „Desaster“ bezeichnet Michael Busch, Geschäftsführer der Buchhandelskette Thalia, die Corona-Politik. Ihm gehe langsam das Geld aus: Sein Unternehmen habe das Kurzarbeitergeld für die Mitarbeiter auf 100 Prozent aufgestockt, doch die Geschäfte könnten nicht dauerhaft geschlossen bleiben. „Der Handel stirbt, und die Regierung sieht tatenlos zu. Wir müssen von der Eindimensionalität wegkommen.“ Er weist auf das langsame Aussterben des Einzelhandels in den Innenstädten hin – wodurch das Bummeln an Attraktivität verliere und weit mehr als nur einzelnen Filialen geschadet werde.

Auch TV-Koch Nelson Müller wünscht sich von der Politik mehr Klarheit. Er habe Verständnis für die Maßnahmen, stellt sich jedoch die Frage, warum der Umgang mit Betrieben so unterschiedlich gehandhabt wird – warum etwa Frisöre seit dem 1. März wieder öffnen dürften, Restaurants trotz sorgfältig ausgearbeiteter Schutzkonzepte jedoch nicht? Er teilt außerdem noch eine interessante Beobachtung zu einem Lebensmittel-Discounter, der sich neben einem seiner Restaurants befindet: „Der Supermarkt ist das neue Ausgehen, so voll wird es bei uns nie werden.“

Eine wieder andere Perspektive gibt Lungenärztin Jördis Frommhold den Zuschauerinnen und Zuschauern. Als Chefärztin einer Rehaklinik werde sie mit „Spätfolgen konfrontiert, die man gar nicht auf dem Zettel hatte“, sagte sie. Sie hat schon zahlreiche Patienten behandelt, die mit den Langzeitfolgen von Covid-19 kämpfen. So würden bei einigen Patienten mit einem milden Verlauf der Infektionskrankheit nach Monaten chronische Müdigkeit, bei manchen sogar Demenzsymptome auftreten. Wieder andere Covid-Patienten hätten eine „Leistungsfähigkeit nahe null“ und könnten etwa kaum Treppen steigen. „Was wir hier mitunter sehen, das wünschen Sie keinem.“ Sie betont, dass bleibende Schäden durchaus auch Jüngere treffen könnten. Trotz allem ist auch sie der Meinung, dass es nicht auf Dauer einen Lockdown geben könne – hier sei die Politik gefragt.

Sogar Gesundheitsökonom Karl Lauterbach hat sich entgegen früherer Forderungen für vorsichtige Lockerungen ausgesprochen – allerdings unter der Bedingung einer umfassenderen Teststrategie der Gesundheitsämter und mehr Impfstoff. Vor „Schnellschüssen“ und einer unkontrollierten Abgabe von Selbsttests warnte er jedoch. 

(bora)