Hart aber fair: Deutsche sind Plastikmüll-Europameister

Habeck bei "Hart aber Fair" über Plastikmüll: "Wir müssen das Scheißproblem lösen"

Das Plastikmüllproblem wird gerne weit weg geschoben - etwa nach Asien. Die Gäste bei "Hart aber Fair" haben aufgezeigt, an welch überraschenden Orten inzwischen Plastikmüll zu finden ist. Energisch diskutierten sie über das - wie der Grünen-Chef Habeck es nannte - "Scheißproblem".

Darum ging's

"Riesige Müllstrudel mitten im Ozean - wie gefährdet ist der blaue Planet, und was macht dieser Müll mit uns?" Diesen Fragen ging Moderator Frank Plasberg mit seinen Gästen aus Politik, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft bei "Hart aber fair" nach.

Darum ging's wirklich

Das Plastik befindet sich im Magen von Walen und Schildkröten; die Runde ist geschockt, der Industrievertreter eingeschlossen. Ob die Gäste über den Schockeffekt hinaus etwas bei den Zuschauern erreichen konnten, ist die Frage. Ein paar mehr konkrete Tipps für den Alltag, wie man weniger Plastikmüll generiert, so wie die Beispiel-Familie Mommsen, wären schön gewesen. So blieb es vor allem bei den Appellen an die Industrie und die Politik, etwas zu ändern. Ein guter Ausgangspunkt, aber nicht genug.

Der Frontverlauf:

Selbst im Tiefsee-U-Boot, 800 Meter unter der Wasseroberfläche, habe er noch Plastikmüll gesehen, sagt der Wissenschaftsjournalist und Naturfilmer Dirk Steffens. Bei Dreharbeiten für die ZDF-Serie "Terra X" in der Antarktis fand der ehrenamtliche WWF-Botschafter außerdem Mikroplastik in einer Eisprobe. Dabei war das Team in einer Region unterwegs, in der Menschen leben, die kein Plastik verwenden.

Das Plastik finde den Weg meist über Südostasien ins Meer - China, Malaysia, Indonesien - sagt Steffens. Laut einer Statistik, die Moderator Frank Plasberg später einspielt, gelangten 90 Prozent des Plastikmülls über zehn Flüsse ins Meer, acht davon in Asien, zwei weitere in Afrika. Ist das also eigentlich ein Problem Asiens? Nein, sagt Steffens. "Das Zeug kommt ja von hier, wir exportieren das."

Auch an deutschen Stränden findet man laut einer Statistik Plastik: auf 100 Metern Strand etwa 700 Plastikteile. "Die Mengen sind extrem, auch wenn man an vermeintlich sauberen Stränden ist", sagt der Umweltminister von Schleswig-Holstein, Robert Habeck. "Wenn man mal gedankenverloren mit den Fingern durch den Sand fährt - man hat immer Dreck an den Fingern, immer!"

"Gelbe Sack irreführend"

Entsetzt davon zeigt sich auch Rüdiger Baunemann, Hauptgeschäftsführer des Kunststofferzeuger-Verbands "Plastik Europe Deutschland". Er lobt zwar das Material Kunststoff an sich. Doch habe die Industrie nicht mit der Entwicklung mithalten können: Bei der Forschung über Möglichkeiten der Entsorgung sei man noch nicht weit genug.

"Das ist doch das Perverse, dass das langlebige Material für Wegwerfprodukte gemacht wird. Das ist doch der Systembruch", echauffiert sich Habeck. Der Gelbe Sack sei durchaus irreführend, darin ist sich die Mehrheit der Runde einig. Man werde leicht verführt zu denken, dass der Plastikmüll ja so schädlich nicht sei, weil er ja gut recycelt werden könne.

Laut Dirk Steffens können bei der Plastikproduktion nicht alle Sorten von Plastik einfach so gemischt werden. Sonst könne man nur noch minderwertige Produkte daraus herstellen, an denen es kaum Bedarf gebe.

Radkappen im Walmagen

Der Kaffee zum Mitnehmen, häufig ausgeschenkt in Wegwerfbechern aus Plastik oder aber aus mit Kunststoff beschichtetem Papier, wird schnell als einer der Übeltäter identifiziert. Die Menge an Müll, die dadurch entsteht, ist das eine, die Auswirkungen der Plastikmassen auf die Tierwelt eine andere.

Biologin Heike Vesper berichtet von Walen mit Plastikfolien im Magen, Steffens von Meeresschildkröten, die daran sterben. Habeck ergänzt, dass man in vor Schleswig-Holstein angeschwemmten Walen sogar Radkappen und Kofferraumabdeckungen gefunden habe. Plastik duftet laut Vesper für die Tiere wie Futter. Schildkröten hielten Plastik für Quallen, die ihre Haupternährungsgrundlage sind.

Kreative Lösungsversuche sind gefragt

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Neben Lösungen, die wie Barrieren wirken und Plastik quasi mülleimerartig einsammeln sollen, gibt es auch futuristische Konzepte. Etwa die einer riesigen schwimmenden Plattform in Form eines Rechens, die noch Plastikteilchen aus 30 Metern Tiefe an die Oberfläche befördern soll. Auf der Plattform soll das Plastik dann direkt sortiert und weiterverarbeitet werden.

ZDF-Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens ist skeptisch, die futuristischen Konstruktionen seien sehr teuer und keiner wisse so genau, wie diese überdimensionalen Rechen sich auf das biologische Gleichgewicht auswirken würden.

"Ich kenne die Argumente der Biologen, aber ich finde das Nichtstun auch unerträglich", sagt Habeck energisch. "Wir müssen das Scheißproblem lösen", fordert er. "Wir können diese Müllteppiche doch nicht einfach sinken lassen."

Zum Hintergrund:

Sein Bundesland habe sogar erwogen, eine dieser riesigen Rechen-Konstruktionen einzusetzen, sagt Habeck. Allerdings sei diese als "ökologisch fragwürdig" bewertet und der Versuch abgeblasen worden. Er finde, auch wenn der Vorschlag nicht von einem Mitglied der Grünen stamme, den Vorschlag von Steuern auf Plastik sinnvoll.

Thomas Roeb, Professor für Handelsbetriebslehre an der Hochschule Bonn-Rhein Sieg, scheint sich an diesem Abend eher in der Rolle des Kommentators als der des Diskussionsteilnehmers zu sehen. Er kritisiert erst nach zehn, dann nach 30 Minuten, dass alle nur über bekannte Probleme sprächen, anstatt über Lösungswege zu diskutieren.

Seinerseits bleibt er jedoch konkrete Ideen schuldig. Sein Vorschlag der Konsumentenforschung bringt Habeck geradezu auf die Palme. "Das ist doch eine Nullantwort."

Habek plädiert etwas für mehr Aufklärung: "Die Hälfte von dieser Verpackung schwimmt morgen im Meer", sollte man auf Verpackungen schreiben. "Dann hätten wir morgen sofort ein anderes Einkaufsverhalten."

Verpackung ist Werbefläche für Hersteller

Tatsächlich generieren Deutsche laut einer Statistik pro Jahr 37,4 Kilogramm Plastikmüll, sechs Kilogramm mehr als der EU-Schnitt. Als Gründe dafür nennt die Biologin Vesper den wachsenden Online-Handel, die Tatsache, dass mehr Essen bestellt anstatt selbst zubereitet werde, die Verpackungen von kleinen Lebensmittelportionen für Single-Haushalte und die Tatsache, dass Verpackung für die Hersteller eine wichtige Werbefläche sei.

Eine, die mit ihrer vierköpfigen Familie die Konsequenzen aus den Plastikbergen gezogen hat - jeden Monat kamen sechs Gelbe Säcke zusammen - ist Journalistin Kerstin Mommsen.

Mit der Glasschüssel zum Metzger

Sie beschloss, im Alltag mit möglichst wenig Plastik auszukommen. Sie kaufe nur noch nicht abgepacktes Gemüse. Zum Metzger nehme sie eine Glasschüssel mit und lasse die Ware dort abpacken. So habe sie die wöchentliche Menge an Gelben Säcken fast halbieren können.

Ihr Ziel: nur noch ein einziger Gelber Sack pro Woche. Kritik an ihrem Verhalten pralle an ihr ab. "Es ist meine Macht als Verbraucher zu zeigen, dass ich keine Lust mehr auf das ganze Plastik habe."

Anmerkung der Redaktion: Zunächst hatten wir geschrieben, dass die Familie der Journalistin Kerstin Mommsen sechs Gelbe Säcke pro Woche gefüllt habe. Tatsächlich sagte sie in der Sendung, dass es sechs Gelbe Säcke pro Monat sind. Wir haben das korrigiert.

(sbl)
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