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Hart aber fair: "Amerika und Moskau müssen an den Verhandlungstisch"

"Hart aber fair" : "Moskau und Amerika müssen an den Verhandlungstisch"

Giftgas und die Folgen für Syrien und die Welt - die "Hart aber fair"-Gäste streiten heftig über Ursachen, Schuld und Reaktionen. Die Frage, was Deutschland für Syrien tun kann, bleibt aber in weiten Teilen unbeantwortet.

Darum ging's

In Syrien werden Kinder durch Giftgas getötet — ein neuer, schrecklicher Höhepunkt im syrischen Bürgerkrieg. US-Präsident Trump lässt Raketen abfeuern. Frank Plasberg will von zwei Journalisten, einem ehemaligen Soldaten, einem Politiker und einer Nahostexpertin wissen: Sind wir ohnmächtig und machen wir uns schuldig, wenn wir uns heraushalten? Laut einer Umfrage für "hart aber fair" befürworten nur 29 Prozent der Deutschen Trumps Aktion. 75 Prozent lehnen einen militärischen Einsatz der Bundeswehr in Syrien ab.

Darum ging's wirklich

Die Runde diskutiert die Reaktionen auf Trumps Angriff, über die Folgen schockierender Bilder für Entscheidungen der Mächtigen und darüber, welche Rolle Deutschland spielen soll. Die Gäste beleuchten syrische Machtstrukturen und sprechen über Hilfsmöglichkeiten. Heftig streiten Bild-Chef Julian Reichelt und der Ex-Nato-Offizier Ulrich Scholz darüber, wie es zu dem Giftgasangriff kam und ob bei Angriffen zivile Opfer bewusst in Kauf genommen werden.

Die Gäste

  • Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der CDU
  • Julian Reichelt, Vorsitzender der "Bild" Chefredaktionen
  • Kristin Helberg, Journalistin und Nahostexpertin; Buchautorin "Brennpunkt Syrien"
  • Fritz Pleitgen, Journalist, ehem. WDR-Intendant (1995 - 2007); ehem. ARD-Korrespondent in Moskau und Washington
  • Ulrich Scholz, Oberstleutnant a.D., ehemaliger. NATO-Planungsstabsoffizier
  • Katharina Ebel, Nothilfe-Koordinatorin für SOS-Kinderdörfer in Syrien

Frontverlauf

Die Runde diskutierte kurz über die Rolle schockierender Fotos und ihre Wirkung auf die Mächtigen der Welt. Viel Zeit verbringen die Gäste mit der Schuldfrage in dem komplexen Krieg, und diskutieren wie Russland und Amerika zu Verhandlungen motiviert werden könnten. Bild-Mann Reichelt greift Ex-Nato-Offizier Scholz mehrfach auch persönlich an.

Kristin Helberg sagt, Trumps Intervention sei von vielen Syrern wie ein Befreiungsschlag aufgenommen worden: "Jetzt wacht der Westen auf." Man bräuchte andererseits keine neuen Bilder, denn dieser Krieg werde seit Jahren anschaulich dokumentiert.

Julian Reichelt verteidigt die Veröffentlichung drastischer Fotos. Für ihn können solche Aufnahmem über Krieg oder Frieden entscheiden. Trumps Bomben nennt er einen "klugen Angriff" und zählt auf, dass in anderen Fällen vergleichbare Angriffe Gutes bewirkt hätten.

Ex-Nato-Offizier Ulrich Scholz ist anderer Meinung. "Für mich ist das Straßenjungenmanier, Aufs-Maul-Hauen weil einem sonst nix einfällt." Er bestreitet, dass es "sauberes Bomben" gebe. Wer in einer so unübersichtlichen Lage bombardiere, bringe immer Zivilisten um, das sei gar nicht zu vermeiden.

"Sie erzählen Märchen"

Noch mehr erbost er Reichelt mit der Äußerung, dass es im syrischen Luftkrieg Absprachen zwischen Russen und Amerikanern gebe, und der syrischen Luftwaffe von den Amerikanern Ziele zugewiesen würden. "Nach sechs Jahren des Abschlachtens so etwas zu behaupten, kann man nur im freundlichsten Fall eine Verschwörungstheorie nennen", wütet Reichelt. Dann bezeichnet er Scholz' Ausführungen als Propaganda und ruft: "Alles was Sie sagen ist falsch. Sie erzählen aufgrund anonymer CIA-Quellen Märchen."

Jürgen Hardt, frisch zurück aus Amerika, äußert Verständnis für die Aktion des Präsidenten, mit der er seine Anhänger allerdings enttäuscht habe. "Er hat eine klare rote Linie beim Einsatz Chemiewaffen gezogen." Er glaube nicht, dass Trump weiter militärisch vorgehen, sondern das Problem künftig am Verhandlungstisch lösen wolle.

Kristin Helberg, die lange Syrienkorrespondentin war und über die Situation im Land ein Buch veröffentlicht hat, erinnert daran, dass es ja längst eine deutsche Militärintervention in Syrien gebe. "Aber alle fliegen über Syrien, um zu bombardieren, dort fliegt niemand um Zivilisten zu schützen." Zudem sei, wer gezielte Angriffe selbst auf Krankenhäuser durchführe, einfach nicht informiert. Derlei sei in vielen UN-Berichten belegt und lese sich "wie das Drehbuch für einen Horrorfilm."

"Wir verpulvern Emotionen mit der Schuldfrage"

Journalist Fritz Pleitgen findet "wir verpulvern unsere Emotion mit der Schuldfrage." Er bedauert, dass lange versäumt, wurde die Voraussetzungen für bessere Verhandlungsbedingungen zu schaffen. Es fehlten heute Leute wie Bahr oder Kissinger, die sich auch mal mit der anderen Seite unterhielten. Deutschland allerdings trage "wie einen Mühlstein die eigene Vergangenheit mit sich rum", das mache eine Vermittlerrolle schwierig. Deutschland könne allerdings durchaus Russen und Amerikaner dazu ermutigen, aufeinander zuzugehen. "Sonst ist von Syrien bald nicht mehr viel übrig."

Kristin Helberg beschreibt, wie stark Assads Macht bereits ausgehöhlt sei. Er sei abhängig von schiitischen Söldnern aus dem Irak, iranischen Generälen sowie von der russischen Luftwaffe. Zudem habe er viel Macht an lokale Kriegsherren und Kriminelle verloren. Putin wisse das und habe eigentlich erreicht was er wollte: die Amerikaner als Ordnungsmacht in der Region beerben und seine Stützpunkte halten. "Es geht nicht um die Person Assads", so Helberg, "sondern um die institutionalisierte Gewalt in dem System dort, das wir zerstören müssen." Solange Assad jedoch keinen Druck habe nachzugeben, "können Sie so lange verhandeln wie sie wollen."

Alltag der Kriegskinder

Katharina Ebel, Koordinatorin syrischer SOS-Kinderdörfer, ist für die Sendung aus Syrien eingeflogen. Sie schildert, dass die Nachricht vom jüngsten Gasangriff in den Lagern wenig verändert habe. "Die Menschen wollen einfach nur, dass das aufhört." Sie erzählt, dass Kinder in den Lagern oft lange nicht sprechen, wenn sie dort ankommen. "Sie sind zerstört, waren oft Monate allein unterwegs, haben keine Eltern, kennen keinen Alltag."

Das über sechs Kriegsjahre zerstörte Vertrauen in einem Kind wieder aufzubauen, dauere lange. Für die Behandlung der traumatisierten Kinder fehlten allerdings oft erfahrene Psychologen. "Wir brauchen da mehr professionelle Hilfe von außen", so Katarina Ebel.

Ist Familiennachzug das Gebot der Stunde?

Zuletzt will Plasberg von seinen Gästen wissen, was Deutschland außer Unterstützung der Hilfswerke sonst tun kann, um Leid zu verringern. Ist, wie von der Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt gefordert, eine Änderung der Regelung des Familiennachzugs das Gebot der Stunde? Hardt sagt, auch seine Fraktion diskutiere das seit Monaten: "Wir brauchen eine offene Diskussion der Frage", so der CDU-Mann. "Ich kann gut nachvollziehen, dass ein junger Mann bei uns besser aufgehoben ist, wenn seine Mama auch hier ist."

Pleitgen erzählt von einem Fall, in dem eine Frau mit fünf kleinen Kindern festsitzt und nicht zu ihren Verwandten gelangt. "Man ist da etwas kaltschnäuzig vorgegangen." Die Kapazitäten seien vorhanden, aber oft nicht ausgenutzt worden. Pleitgen hält den Familiennachzug vor allem für eine Frage der Organisation. Reichelt stimmt zu: "Ich sehe für uns als Land keine Erklärung, Menschen zu sagen: Dein Vater ist hier, deine Mutter ist hier, aber du bleibst in Syrien." Wo Familien zerrissen worden seien, müsse Deutschland Schutz bieten.

Hier können Sie die Sendung online sehen.

(juju)