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Günther Jauch: Verzweifeln an der Billig-Lüge bei Lebensmitteln

TV-Kritik Günther Jauch : Verzweifeln an der Billig-Lüge

Bauer Willi Schillings aus dem Rheinland platzte vor einigen Monaten der Kragen. Nun sitzt er bei Günther Jauch und beschwert sich über "schizophrene Verbraucher" sowie den Widerspruch von Billigwahn und Bio-Anspruch. Es folgt eine Chaos-Diskussion mit einer seltsamen Erkenntnis.

Die Zahlen, die Jauch an diesem Abend dem Zuschauer um die Ohren haut, sind erschlagend. 90 Prozent der Deutschen kaufen beim Discounter und sparen damit beim Einkauf von Lebensmitteln. In den 70ern gingen 70 Prozent des Einkommens dafür drauf, inzwischen nur noch 14 Prozent. Nirgendwo in Europa sind Lebensmittel so billig wie bei uns, gleichzeitig erreicht die Produktion irrsinnige Ausmaße. 2014 wurden 54 Millionen Schweine geschlachtet, 18 Millionen mehr als noch vor 20 Jahren. Krass auch der Zuwachs bei der Eierproduktion: 11,5 Milliarden jährlich und damit 2,5 Milliarden mehr als 2005.

Auch Bauer Willi Schillings hat Zahlen mitgebracht, die einen Zuschauer fassungslos machen können. Sein Nachbar habe für eine Lkw-Ladung mit Pommes-Kartoffeln umgerechnet nur 1 Cent pro Kilogramm erhalten. Sein Schluss: Irgendeiner mache sich da gewaltig die Taschen voll. Schillings ist wegen des Blogeintrags eingeladen, in dem er diesen Fall beschrieben hat und anschließend mit dem Verbraucher abrechnete: "Du, lieber Verbraucher, willst doch nur eines: billig. Und dann auch noch Ansprüche stellen."

Eine jämmerliche Lage

Ergänzend sitzt der Milchbauer Timo Wessels im Publikum. Vor wenigen Tagen erst hat Aldi ein weiteres Mal die Milchpreise gesenkt, die Wettbewerber zogen prompt nach: Der Liter ist für 55 statt für 59 Cent zu haben, das 250 Gramm Butter kosten nur noch 89 statt 99 Cent. Den Billigpreis, so erzählt Wessels, habe die Molkerei direkt an ihn durchgereicht. Für einen Liter erhalte er jetzt nur noch 27,5 Cent. Die Produktionskosten aber lägen aber bei 34 Cent und damit habe noch keinen Heller Gewinn erzielt.

So in Kurzform etwa stellt sich die sicherlich jämmerliche Lage in der deutschen Agrarbranche dar, wie sie bei Jauch beschrieben wurde. Der TV-Talk hatte sich nun zur Aufgabe gemacht herauszufinden, wer für die Misere verantwortlich ist. Etwa tatsächlich der Verbraucher im Billig-Wahn. Die verarbeitende Industrie. Oder aber der Handel, insbesondere vorangetrieben durch die großen Ketten und ihre Marktmacht.

Wieder einmal streift Jauch die Dinge nur

Um das Nicht-Ergebnis vorwegzunehmen: Eindeutig Schuldige waren an diesem Abend nicht auszumachen. Zwar registrierte Jauch eine Stunde voller Schuldzuweisungen. Doch blieb die Talkshow wieder einmal viel zu oberflächlich, um die Wertschöpfungs- und Abhängigkeitsketten auch nur eines Branchenzweigs nur annähernd aufschlüsseln zu können.

Daran änderten auch die Gäste nichts, die neben Bauer Willi zwei entgegengesetzte Lager vertraten. Für die Seite der Industrie- und Handelskritiker saßen in der Runde die ehemalige Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) und die Journalistin Tanja Busse. Für die Gegenposition der ehemalige Aldi-Manager und heutige Marketing-Professor Thomas Roeb und der frühere Fleischproduzent Jürgen Abraham, Gründer von "Abraham Schinken."

Parmaschinken aus Dänemark

Künast und Busse diagnostizierten erwartbar eine strukturelle Schieflage im System. Ihre Argumentationslinie: Der Handel übt einen extremen Preisdruck auf die Landwirte aus, die wiederum sehen sich genötigt, sich mit Hilfe von Technologie und wachstumsfördernden Mitteln in diesen ruinösen Wettbewerb mitzumachen und Erträge zu maximieren. In Wirklichkeit aber zahle der Verbraucher drauf, wetterte Künast. Und zwar in Form von steuerfinanzierten Subventionen und Gesundheitskosten. Gegenposition.

Insbesondere Busse stützte das mit Beispielen von Auswüchsen des Wettbewerbs: Mehrfach wiederholte sie, dass in Australien jährlich 700.000 Bullenkälber nach der Geburt erschossen würden, weil sie keine Erträge bringen. Künast echauffierte sich über "Parmaschinken", für den Schweine im Laster aus Dänemark nach Italien transportiert würden, um dort geschlachtet zu werden. "Das will doch kein Verbraucher!", so Busse.

Bio bleibt eine Nische

Roeb und Abraham konterten mit unangenehmen Argumenten. Abraham etwa ereiferte sich über den Vorwurf, billige Lebensmittel seien etwas Schlechtes. Dies sei vielmehr eine große "soziale Leistung." Roeb wies darauf hin, dass es völlig normal sei, dass eine Gesellschaft bei steigendem Wohlstand prozentual weniger für Lebensmittel ausgebe. Busse und Künast warfen sie vor, ein romantisch verklärtes Bild einer Landwirtschaft von gestern zu propagieren, das den Anforderungen des Marktes nicht stand halten könnte.

Denn auch das wurde deutlich: Der Markt für Bio-Lebensmittel ist zwar eine Wachstumsbranche, bleibt aber mit vier Prozent eine Nischenerscheinung. Auch Bauer Willi will wegen der dürren Gewinn-Perspektiven nicht umsatteln. Fleischproduzent Abraham hatte das sogar versucht und einen Bio-Rohschinken an die Ladentheken gebracht. Preisaufschlag: 40 Prozent.

Produkte, die "scheiße aussehen"

Das Experiment beendete er schnell. "Das ist beim Verbraucher durchgefallen", bilanzierte er. Zum einen wegen des hohen Preises, aber auch, weil der unbehandelte Schinken wegen des fehlenden Nitrits nicht die schöne rote Farbe aufwies, die gemeinhin mit Frische und Geschmack assoziiert wird. Roeb wurde noch deutlicher: Es funktionierten eben keine Produkte, die "scheiße aussehen."

Freilich gerieten auch Abraham und Loeb bisweilen mit unlauteren Argumenten in Not. In ihrer Marktgläubigkeit attestierten sie dem Verbraucher die volle Kompetenz, unter allen hunderttausenden Produkten eine souveräne Wahl treffen zu können. Auf die Forderungen Künasts, doch bitte Produkte so zu kennzeichnen, dass ein Verbraucher auch nachvollziehen kann, auf welchem Weg und es entstanden ist, gingen sie nur widerwillig aus. Das sei bei Fleisch technisch noch nicht möglich, so Abraham.

Ein System der Lebenslügen

So ließ die Sendung am Ende vermutlich die meisten Zuschauer eher verwirrt zurück. Deutlich wurde nur: In diesem System hat keiner die alleinige Marktmacht, erschwert aber gleichzeitig durch Halbwahrheiten und Lebenslügen die Diskussion. Geizige Verbraucher, denen Bio zu teuer ist. Händler, die Kunden die Wahrheit vorenthalten. Oder auch Bauern, die schon längst zu 50 Prozent für den Weltmarkt produzieren und nicht mehr nur für den deutschen Verbraucher.

Eine zentrale Erkenntnis hatte Bauer Willi denn auch schon im Vorfeld: Er habe seine Kritik am Verbraucher überdacht. In seinem nächsten Brief werde er die Verantwortung auf alle Beteiligten im Billig-System verteilen: Verbraucher, Handel, Industrie und auch die Landwirte.

(pst)