Günther Jauch: Russland mit Wladimir Putin auf dem Weg zur Diktatur?

Interview mit Günther Jauch : Zahnna Nemzowa: "Es gibt bereits eine Diktatur in Russland"

Am Tag der Festnahme mehrerer Verdächtiger im Mordfall Nemzow wählt die älteste Tochter des russischen Oppositionspolitikers klare Worte gegen die russische Regierung. Bei Günther Jauch machte Zahnna Nemzowa die Führung in ihrem Heimatland für den Tod ihres Vaters verantwortlich.

Nach dem Mord an Boris Nemzow blickt die Welt mit Sorge nach den Entwicklungen in Russland. Die Frage: "Putins Russland — auf dem Weg zur Diktatur?" wollte Günther Jauch am Sonntagabend diskutieren. Sein erster Gast war die älteste Tochter des ermordeten Politikers Boris Nemzow, die Journalistin Zhanna Nemzowa.

Rund zehn Minuten sprachen Nemzowa und Jauch über ihren Vater und die aktuelle Situation in Russland. Schon zu Beginn des Gesprächs zeigte sich die 30-Jährige beeindruckend unerschrocken: "Es gibt bereits eine Diktatur in Russland. Und dieser dreiste Mord bedeutet, dass die Machthabenden die rote Linie überschritten haben", sagte sie bereits zu Beginn ihres Interviews. Dabei erklärte sie, dass sie zwar derzeit in Deutschland sei und anschließend nach Italien reise, aber am 15. März nach Russland zurückkehren würde.

Am 28. Februar war ihr Vater Boris Nemzow in der Nähe des Kremls auf offener Straße erschossen worden. Eine Tat, für die sie die Regierung in Moskau verantwortlich macht: "Ich bin davon überzeugt, dass die politische Verantwortung auf der russischen Führung liegt."

Auch den Stimmen, die die Rolle Nemzows als Oppositionspolitiker relativieren, widersprach sie: "Diejenigen die sagen, dass Nemzow nicht gefährlich war, sagen nicht die Wahrheit. Denn für jede Diktatur, für jedes autoritäre Regime, wäre jeder Andersdenkende eine Gefahr." Dann betonte sie, dass ihr Vater eine "führende Kraft in der Opposition" war.

Tatsächlich war Boris Nemzow als scharfer Putin-Kritiker bekannt. Nemzow startete seine politische Laufbahn als Gouverneur der zentralrussischen Region Nischni Nowgorod. Vor allem in den 1990er Jahren hatte sich Nemzow als liberaler Reformer einen Namen gemacht. Präsident Boris Jelzin holte ihn zwischen 1997 und 1998 als Vize-Ministerpräsident in die Regierung nach Moskau. Bei der Präsidentschaftswahl 2008 schickte ihn die liberale Partei Union der rechten Kräfte ins Rennen, er legte die Kandidatur aber vor der Wahl nieder.

Nemzow war zeitweilig auch als Jelzins Nachfolger gehandelt worden. Putin wurde Präsident, und Nemzow schließlich einer seiner schärfsten Kritiker. Zu Putins zehntem Jahrestag als Präsident gab Nemzows ein Buch heraus — eine Art Abrechnung. Im Ukraine-Konflikt tat er sich vor allem mit Protesten gegen die "russische Aggression" gegen das Land hervor. "Putin hat sich die Krim genommen. Als nächstes Kiew und Moldau. Dann Polen, dann die baltischen Staaten. Das ist ein Räuber", sagte er in einem Interview.

Nach den Schilderungen seiner Tochter war ihm und seiner Familie die Gefahr, die er sich aussetzte, durchaus bewusst. "Wir haben gewusst, dass mein Vater unter Druck war. (...)Verschiedene Mittel wurden angewandt: gegen ihn war die komplette russische Medienlandschaft, (…) es gab auch Strafverfolgung, er wurde beschattet, er wurde abgehört", sagte Nemzowa bei Jauch.

Dennoch war für sie der Tod ihres Vaters ein Schock: "Er dachte, dass man ihn ins Gefängnis stecken würde. Man hat nicht über Mord gesprochen, obwohl er in einem Interview für eine russische Zeitung sagte, dass seine Mutter ihn eigentlich vor dem Mord gewarnt hatte, dass Putin ihn töten würde."

Eine Aufklärung des Mordes erwartet die 30-Jährige nicht. "Ich traue den Ermittlungsbehörden nicht. Natürlich werden sie die Schuldigen finden, aber ob das die wahren Schuldigen sein werden, wissen wir nicht."

Dass es am Tag des Interviews mehrere Festnahmen gab, beeindruckte sie nicht. "Man sieht schon jetzt, dass diejenigen, die diese Tat ausgeführt haben, dem Innenministerium angehört haben", erklärt sie.

(rm)
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