Günther Jauch: Kathrin Oertel nimmt erstmals an TV-Talkrunde teil

ARD-Talkshow von Günther Jauch: "Pegida", die "Lügenpresse" und der Regenwald

Unter dramatischen Vorzeichen diskutierte bei Günther Jauch erstmals eine "Pegida"-Organisatorin vor laufender Kamera mit der Politik und der "Lügenpresse". Vor lauter Gesprächsbereitschaft kamen die Inhalte zu kurz.

Dramatischer hätte die Ausgangslage für Günther Jauchs Sendung am Sonntagabend kaum sein können. Wenige Stunden vor Beginn der Show hatte die Polizei in Dresden die "Pegida"-Kundgebung und alle weiteren für Montagabend geplanten Demonstrationen unter freiem Himmel abgesagt. Der Grund: Konkrete islamistische Terrordrohungen gegen die "Pegida"-Wortführer und offenbar im Besonderen gegen Organisator Lutz Bachmann. Eine Entwicklung, die viele "Pegida"-Gegner mit Zähneknirschen registriert haben dürften: Das Selbstbild vieler Anhänger der Anti-Islam-Bewegung, die sich als eine Art grimmige Verteidiger der Meinungsfreiheit sehen, ist plötzlich ein ganzes Stück näher an die Realität gerückt.

Auch ohne diese aktuelle Wendung wäre die Ausgabe von Jauchs ARD-Talkshow bemerkenswert gewesen: Zum ersten Mal nahm mit "Pegida"-Organisatorin Kathrin Oertel ein führendes Mitglied der Bewegung, die sich von den Medien diskreditiert sieht, an einer TV-Talkrunde teil. Eine Meldung der "Bild"-Zeitung vom Sonntag, Oertel habe ihre Teilnahme kurzfristig abgesagt, erwies sich als falsch. Und so hätte Jauchs ARD-Talkshow zu einem Showdown werden können: "Pegida" vs. "Lügenpresse" und die Politik.

Wurde sie aber nicht - im Gegenteil. Abwechselnd versicherten die Vertreter der etablierten Parteien (CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn und der SPD-Politiker und Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse) den "Pegida"-Anhängern ihre Gesprächsbereitschaft. Vor lauter Bereitschaft zur inhaltlichen Auseinandersetzung blieb genau dafür kaum Zeit und Gelegenheit.

Auch "Pegida"-Sprecherin Oertel blieb inhaltlich so vage wie möglich. Auf Fragen nach der Motivation des Anti-Islam-Bündnisses ließ Jauch sie mit Antworten wie "Wir wollen auf die Defizite aufmerksam machen, die in den letzten Jahren durch die Regierung zustande gekommen sind und mit deren Auswirkungen wir leben müssen" davonkommen. Welche Defizite? Welche Auswirkungen? Echte Antworten gab es in der Sendung wenige.

Kinderarbeit und Regenwald

Oertel, sicherlich eins der telegeneren Gesichter der Bewegung, aber wenig medienerfahren, hielt sich an einen Notizzettel, den sie immer wieder zur Rate zog. Die "Abendspaziergänger", wie die "Pegida"-Sprecherin ihre Mitstreiter gern nennt, seien nicht ausländerfeindlich, aber "leider Gottes immer wieder falsch bei Politik und Medien angekommen".

Ihre Antwort auf Jauchs Frage, wo die Dresdener bei 0,4 Prozent Muslimen unter den Einwohnern der Stadt denn eine Islamisierungsgefahr ausmachten: Man demonstriere in Deutschland schließlich auch gegen die Abholzung des Regenwaldes und gegen Kinderarbeit in Indien, obwohl es beides hierzulande gar nicht gebe. Dresden ist mit dem "Abendland" also offenbar nicht gemeint.

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Zur Seite sprang Oertel der AfD-Politiker Alexander Gauland, der berichtete, bei einem Besuch bei einer Dresdener "Pegida"-Demo habe er "keine rassistischen und ausländerfeindlichen Parolen gehört". Und dafür, dass sich die Anhänger der Bewegung den Begriff der "Lügenpresse" bei NS-Propagandaminister Goebbels ausgeliehen haben, hat Gauland eine einfache Erklärung: "Unser Geschichtsunterricht ist ja nicht so gut."

Während sich Wolfgang Thierse in Kalendersprüche wie "Demokratie braucht Geduld. Nur ein Diktator kann schnell entscheiden" erging, machte der CDU-Bundestagsabgeordnete Spahn die mit Abstand beste Figur des Abends. Sehr engagiert versuchte er, Thesen Oertels zu entkräften - wie die, "Asyl, Migranten und eine qualifizierte Einschränkung der Einwanderung" seien in den vergangenen Jahren in Deutschland "absolut tabu" gewesen. Das vertrage sich wohl kaum mit der Tatsache, dass Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" das meistverkaufte Sachbuch des Jahrzehnts sei, so Spahn.

Frank Richter, Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, fungierte als Vermittler zwischen den Lagern und verteidigte die Masse der "Pegida"-Anhänger gegen den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit.

"Meiner Wahrnehmung nach sind 90 Prozent der dort Mitlaufenden wirklich besorgte Bürger, die sich ihre Gedanken machen und sich von den Behörden unfair behandelt fühlen", sagte Richter, der mehrfach bei "Pegida"-Demos vor Ort war.

Er schlug dem Bündnis der "patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" vor, seinen "irreführenden" Namen zu ändern, weil er dem Großteil der Anhänger nicht gerecht werde. Und lud die Gäste der Sendung zu einer Gesprächsrunde nach Dresden ein, um über Inhalte zu diskutieren.

Vielleicht darf dann auch mal ein Moslem mitreden.

(jco)
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