Game of Thrones Staffel 8: Darum sind so viele Fans richtig sauer

„Game of Thrones“ Staffel 8 : Warum viele Fans richtig sauer sind

Die finale Staffel der Kultserie „Game of Thrones“ spaltet die Fanlager. Die einen finden sie konsequent, die anderen machen ihrem Ärger bei Facebook, Twitter oder per Online-Petition Luft. Wer ist nun im Recht? Achtung Spoilergefahr.

Als der Abspann der fünften Folge über den Bildschirm lief, hielt es kaum jemanden mehr auf seinem Stuhl oder Sofa. Zu aufwühlend waren die knapp 90 Minuten gewesen. Aber schnell ergoss sich dann der Strom der Abneigung, des Unverständnisses über das Internet bis hin zum Hass. Daenerys eine Massenmörderin? Jaime, der mit Cersei stirbt? Ein naiver Tyrion? Plötzlich war alles schlecht an der Kultserie? Alles war für die Kritiker dumm bis dämlich bis hanebüchen. Mittlerweile gibt es sogar eine Petition, die eine neue finale Staffel verlangt.

Aber stimmen die Vorwürfe? Die Serienmacher David Benioff und D. B. Weiss arbeiten seit fast 14 Jahren an der Serie und sie hatten einen Plan – den sie mit dem Buchautoren der Serie George R. R. Martin besprochen hatten. Der Vorwurf, das Ende sei zufällig und aus der Not entstanden, lässt sich damit leicht entkräften. Es war so seit Jahren beabsichtigt. Und daraus folgt auch: Die Charaktere handeln nicht sprunghaft, wie einige behaupten. Sie bleiben sich treu. Um das aber zu verstehen, muss man sich von den eigenen Fan-Fantasien lösen und über acht Staffeln nicht nur das gesehen haben, was man sehen wollte. Wenn wir ehrlich sind, beginnt da das Gemeine von „Game of Thrones“.

Die Charaktere haben sich verändert. Und so lange viele Fans das positiv aufgenommen haben, wurde es von ihnen auch akzeptiert. Jaime Lannister beispielsweise wurde als arrogant, selbstgerecht und zynisch eingeführt, bevor er immer sympathischer wurde. Daenerys dagegen war die einsame Heldin, die in einer Männerwelt allen Widrigkeiten trotzte. Jon war immer der Held. Und Tyrion war der kluge, weise Charakter, den viele wegen seiner Körpergröße diskriminierten oder unterschätzten.

Da erkennt man aber auch schon das perfide Spiel der Serienmacher. Sie haben uns Typen präsentiert, die sich einfach definieren lassen. Sie haben es uns sogar leicht gemacht, nur das Positive in ihnen zu sehen – weil wir vieles aus ihrem Blickwinkel betrachtet haben. Doch dann hat „Game of Thrones“ die Spielregeln verändert und der Standpunkt wurde neutraler. Ihre Fehler und Unzulänglichkeiten, die bis dahin leicht ignoriert werden konnten – sie schlugen in der finalen Staffel dann sehr deutlich durch.

Daenerys war immer schon grausam

Sie ist als Anhängsel ihres Bruders Viserys im Exil in Essos aufgewachsen, für den sie nur Mittel zum Zweck war – um den Eisernen Thron zurückzuerobern. Dafür hat sie in ihrer Kindheit immer nur gehört, dass die Herrschaft den Targaryen gehört, die in Westeros immer noch viele Menschen verehren würden. Als sie dann Khal Drogo heiratet, emanzipiert sie sich. Und sie lernt das Herrschen. Von einem Dothraki-Fürsten. Wir reden nicht über die hohe Kunst der Diplomatie, über das Abwägen von Interessen oder von Vor- und Nachteilen. Es geht nicht um politische Entscheidungen, die vielleicht nur mittelfristig Vorteile bringen oder für Stabilität sorgen. Bei den Dothraki gilt das Recht des Stärkeren, des besseren Kämpfers, der sich durchsetzt. Und das ist es, was Daenerys von ihrem Ehemann gelernt hat. Als der brutal ihren Bruder tötet, zeigt sie keine Spur von Mitleid. Dann schlüpfen die Drachen: Sie fühlt sich auserwählt und hat nun eine Bestimmung. In der zweiten Staffel sagt sie es deutlich: Sie werde die Herrschaft in Westeros zurückgewinnen – mit Feuer und Blut. Das Motto ihrer Familie. Und es beginnt ihr Pfad in die Dunkelheit.

Sie wirkt so unschuldig. Doch sie verbrennt den Zauberer Pyat Pree, der ihre Drachen gestohlen hatte. Und sie schließt alle Verräter in deren Schatzkammer ein, damit sie langsam sterben. In Astapor verbrennt sie einen Sklavenhändler und befiehlt den „Unbefleckten“, alle anderen Sklaventreiber umzubringen. Wir aber sehen nur die Heldin, die Unterdrückte befreit. In Yunkai wird sie von ehemaligen Sklaven sogar als „Myhsa“ (Mutter) gefeiert. Sie selbst nennt sich „Sprengerin der Ketten“. Dass die alten Zustände indes schnell wiederhergestellt werden, sobald sie weiterzieht, übersieht sie. Und ihre Berater sagen ihr nur, wie großartig sie sei.

In Meereen lässt sie alle Sklavenmeister brutal kreuzigen. Wir sehen darüber hinweg, denn irgendwie waren die ja schon schuldig. In der Serie wird indes gesagt, dass nicht alle Meister gleichermaßen ungerecht waren. Es kommt zu Unruhen. Sie lässt alle einflussreichen Familien zu ihr bringen und statuiert ein brutales Exempel – indem sie einen von ihnen verbrennen lässt. Für Ruhe sorgt das nicht. Ganz im Gegenteil. Daenerys ist eben eine Eroberin, die sich für Siege feiern lässt. Als Herrscherin versagt sie, weil ihr jede Empathie fehlt.

Dann verbrennt sie eine ganze Reihe von Nomadenfürsten. Ohne Mitleid. Die Dothraki verehren sie wie eine Göttin, und Daenerys schwört sie darauf ein, für sie in Westeros zu kämpfen und „die Häuser aus Stein niederzureißen“. Khal Drogo wäre so stolz auf sie, kommentierten das damals einige Fans. Die Grausamkeit der Handlungen ignorierten sie. Als sie in das belagerte Meereen zurückkehrt, ist ihr Plan: Alle Sklavenmeister kreuzigen, deren Soldaten verbrennen und die Städte den Sklaven überlassen. Am Ende hört sie auf Tyrion und sieht davon ab.

Und nun die Frage an alle Kritiker: Hätte Daenerys damals eine der Städte der Sklavenhändler mit ihren Drachen zerstört, wäre man da auch so entsetzt bis überrascht gewesen wie jetzt?

Es stimmt, sie zeigt zwar immer wieder auch Mitleid und ist gütig bis gnädig. Aber gegenüber Untertanen, die sie verehren und lieben. In Westeros sieht das anders aus. Dort kommt sie im Bewusstsein an, dafür geboren zu sein, in Königsmund zu herrschen. Dann erleidet sie eine Niederlage nach der nächsten. Und die Brutalität schlägt wieder durch. Sie vernichtet mit Drogon Tausende von Lannister-Soldaten. Und sie lässt Ryndell und Dickon Tarly verbrennen, die sich ihr nicht beugen wollen. Es gibt keinen Aufschrei, denn es geht ja gegen die böse Cersei.

In Winterfell trifft sie dann zum ersten Mal auf ihre neuen „Untertanen“, die sie aber nicht verehren oder lieben. Sie lehnen sie ab. Bestenfalls. Sie verliert ihre treuen Berater und trifft auf Widerstand. Sie erfährt, dass Jon tatsächlich ihr Neffe und der rechtmäßige Thronfolger ist. Plötzlich ist sie nicht mehr geboren, um zu herrschen. Das ist ein anderer. Es spielt keine Rolle, was Jon möchte oder sagt. Es ist der Gedanke, der bleibt und ihr Selbstverständnis erschüttert. Dann folgt der Verrat durch Varys, der für sie viel früher beginnt: bei Jon, der mit Sansa und Arya geredet hat. Sprengerin der Ketten, „Myhsa“, Khaleesi: Die Worte verlieren ihren Wert in Westeros. Dort, wo ihr alles entgleitet und alle Jon lieben – aber nicht sie.

Und da macht es dann Klick in ihren Kopf beim Anblick der Roten Feste in Königsmund, in der sie sitzen sollte. Plötzlich gibt es keine Unschuldigen mehr. Niemand darf ihren Anspruch infrage stellen. Sie solle ein Drache sein. Das waren die Worte von Olenna Tyrell an sie. Man werde ihr nur gehorchen, wenn man sie fürchte. Und der Wahnsinn, der sich in der Vergangenheit immer wieder gezeigt hat, überwältigt sie. Alle Beteuerungen, sie sei nicht wie ihr Vater, sind vergessen. Sie handelt voller Wut mit Feuer und Blut. Wir hatten in der Vergangenheit etwas Ähnliches befürchtet.

Jon Schnee und seine Ehre

Jon ist der Held. Edel und anständig. Aber er hat auch viel von seinem Adoptivvater Eddard „Ned“ Stark übernommen. Wie er hält Jon voller Stolz und stur an seinem Ehrbegriff fest. Das macht ihn zu einem charismatischen Anführer, dem viele folgen. Es macht ihn aber auch zu einem schlechten Herrscher, der unfähig ist, politisch zu denken. Als er die Wahrheit über seine Eltern erfährt, hält er lieber an seinem Schwur fest, als nach der Macht zu greifen. Ähnlich wie Eddard Stark in der ersten Staffel. Der hat dafür mit seinem Leben bezahlt. Jon bezahlt dafür mit dem Leben der Bewohner von Westeros. Seine Ideale und Ehre sind ihm eben wichtiger. Und die Götter mögen bewahren, dass es auch nur den Anschein gibt, er würde nach Macht streben. So etwas tut ein Jon Schnee nicht, er tut nur seine Pflicht – die er über alles stellt. Dafür hat er sogar seine Geliebte Ygritte verlassen, die dann in seinen Armen starb. Ein Jon Schnee ist eben immer selbstlos. Egal, wie viele Opfer das kostet.

Diese Art von Selbstverleugnung, die ihn über viele Jahre zum Helden gemacht hat – sie macht ihn nun zum Mittäter. Denn in seiner Ehrenhaftigkeit ist er naiv. Und diese Naivität sorgt dafür, dass unzählige Menschen seine wahre Herkunft kennen. Er erzählt es Sansa, die erzählt es Tyrion, der sagt es Varys – und der schreibt munter Nachrichten.

Jon trägt Mitschuld an den Ereignissen. Und man muss sich fragen, warum der „Herr des Lichts“ ihn von den Toten hat auferstehen lassen. Außer der angebliche Gott wollte, dass genau das passiert. Oder er hat andere Pläne. Vielleicht muss es einen neuen Nachtkönig geben. Jemanden, der ein Schild ist, der die Reiche der Menschen schützt. Das ist aus dem Schwur der Nachtwache. Vielleicht sieht Jon es als seine Pflicht an, die Königlande vor wahnsinnigen Despoten zu beschützen. In dieser Nacht und in allen Nächten, die kommen. Der alte Nachtkönig wollte die Menschen vernichten. Ein neuer könnte das Gegenteil tun.

Tyrion Lannister ist das Opfer der Vernunft

Der kluge und weise Tyrion, der geschickte Diplomat und Politiker mit dem guten Herzen: Die Serie hat viel getan, um dieses Bild zu untermauern. Als er aber Daenerys in ihrem großen Krieg gegen Cersei dient, bekommt das Bild deutliche Risse. Er macht Fehler über Fehler. Und es gibt einen Grund für sein Versagen: Er ist als Lannister aufgewachsen. Und „ein Lannister begleicht stets seine Schuld“. Hinter der Aussage steckt die These, dass alle Menschen käuflich sind. Der Preis muss nur stimmen. Und diese Annahme hat für Tyrion in den ersten Staffeln auch oft funktioniert.

Als „Hand“ von Daenerys aber ist der Einsatz höher. Die Macht über einen Kontinent und seine Bewohner lässt sich nicht kaufen. Und es gibt keinen Preis, den seine Schwester akzeptieren würde, um einfach ihren Titel herzugeben. Tyrion schätzt das Spiel um den Thron völlig falsch ein. Ebenso wie er Daenerys falsch einschätzt. Er glaubt an sie und daran, dass sie in Westeros ein neues, gerechteres politisches System einführen will. Sie hat schließlich die Sklaven befreit. Er ignoriert ihre dunklen Seiten. Bis zuletzt. Er verrät selbst seinen engsten Freund Varys – in der Hoffnung, dass er Daenerys noch beeinflussen kann.

Tyrion wird ein Opfer seiner Klugheit und seiner Vernunft. So wie bei seiner Geliebten Shae, die ihn verraten hatte – weil er sie zurückgewiesen hat. Das tat er, um sie zu beschützen. Es war rational. Dass darauf eine zutiefst emotionale Reaktion folgte, hat er nicht vorausgesehen. Denn Menschen hat er nie wirklich verstanden. Wie sollte er auch? Sie sahen in ihm oft nur den Gnom, aber keinen Gleichwertigen. Am Ende sagt er zu Jaime, dass sein Bruder der einzige gewesen sei, der ihn nie wie ein Monster behandelt habe. Dann wagt er einen verzweifelten und naiven Versuch, um die Bewohner von Königsmund und seine Familie zu retten. Er hofft auf die Vernunft. Doch die hat Daenerys und Cersei längst verlassen.

Der falsch vertandene Jaime Lanister

Wie haben wir ihn in der ersten Staffel gehasst. Dann wurde er immer sympathischer. Am Ende haben wir sogar gehofft, es würde ein Happy End für ihn und Brienne geben. Und dennoch verlässt er sie für Cersei. Warum? Brienne verkörpert das edle Rittertum und die Ehrenhaftigkeit. Sie ist alles, was er sein wollte. Das, was sich zwischen ihnen entwickelt hat, ist für ihn auch die Hoffnung auf Erlösung und Vergebung. Bei Brienne hält er sich eine Zeit lang für einen besseren Menschen. Für jemanden, der unbeugsam seine Eide hält. Das Schwert, das er ihr schenkte, trägt nicht ohne Grund den Namen „Eidbewahrer“.

Aber wie bei jedem Traum folgt das Erwachen. Für ihn und auch die Fans. Viele haben offenbar vergessen, wie Jaime bei der Beerdigung ihres Sohnes Joffrey lüstern über Cersei hergefallen ist. Und er war tatsächlich bereit, bei der Belagerung von Schnellwasser jeden zu töten – der zwischen ihm und Cersei steht. Er wird niemals so sein wie Brienne. Er wird auch niemals der Mann sein, den sie in ihn sieht. Aber es gibt einen Menschen, der ihn immer schon für das geliebt hat, was er ist: Cersei.

Seit seiner Geburt verbindet ihn ein enges, seltsames Band mit seiner Zwillingsschwester, das weiter geht als nur familiäre Bindung: Schon als Kinder wurden sie bei inzestuösen Handlungen erwischt. Daran hat sich nie etwas geändert. Ihr Geheimnis mussten sie bewahren. Und das hat dazu geführt, dass sie sich von allen anderen abgeschottet haben. Sie leben in ihrer eigenen Welt, in der „wir zusammen gehören“. Das sagt Cersei zu Ned Stark in der ersten Staffel. Es ist die Konstante in ihren Leben. Jaimes Wunsch war es, in den Armen der Frau zu sterben, die er liebt. So hat er es Bronn in der fünften Staffel gesagt. Und diese Frau war immer Cersei.

Arya Stark und Sandor Clegane

Arya wechselt ein paar Worte mit Sandor Clegane und verlässt die Rote Feste. Was soll das denn? Aber die junge Stark-Tochter steht am Scheideweg. Seit den Ereignissen in der ersten Staffel ist sie erfüllt von dem Wunsch nach Rache und gärt der Hass in ihr. Sie hat beides gehegt und gepflegt. So sehr, dass sie sich bei den „Gesichtslosen Männern“ nicht selbstverleugnen konnte. Sie blieb Arya. Und ihre Fähigkeiten zu morden, entwickelten sich immer weiter. Auf Kosten ihrer Menschlichkeit. Vor der Schlacht bei Winterfell sagt sie noch gelassen, dass der Tod viele Gesichter habe. Sie sei gespannt darauf, das der Weißen Wanderer zu sehen. Doch so abgebrüht, wie sie scheint, ist sie nicht. Da ist noch sehr viel Menschliches in ihr, dem sie auch nachgibt. Sie schläft mit Gendry. Und in der Schlacht hat sie Angst. Entsetzliche Angst. Da ist keine Spur mehr von der kalten Distanziertheit, mit der sie zuvor der Welt begegnet ist.

Und es gibt sogar einen Menschen, der sie versteht, der ihr keine Vorwürfe macht oder sie verurteilt: Sandor Clegane. Tatsächlich kommt er längst einem Vater näher als Ned Stark. Für den war sie seine kleine Tochter. Sandor dagegen hat sie wie eine Erwachsene behandelt, die er auf seine nihilistische Art akzeptiert. In ihrer Hassliebe hat er sie sogar beschützt.

Die wenigen Worte, die sie in der finalen Staffel wechseln, zeugen von einem tiefen Verständnis, von Respekt und Zuneigung. In ihrem letzten gemeinsamen Moment wird Sandor väterlich mitfühlend und möchte nicht, dass sie so wird wie er: von Hass und Rache zerfressen. Tief in ihrem Inneren will Arya das auch nicht. Und wie es die Art der beiden ist, reichen zwei Worte: Sie nennt ihn als Zeichen der Zuneigung bei seinem Namen. Sie sagt nicht „Hund“, sie sagt keine Beleidigung. Einfach nur sein Name. Und sie sagt „Danke“. Es müssen eben nicht immer viele Worte sein.

Was ist mit Varys los?