Berlin: Fräuleinwunder trifft auf Wirtschaftswunder

Berlin: Fräuleinwunder trifft auf Wirtschaftswunder

Das ZDF setzt den erfolgreichen Dreiteiler "Ku'damm" fort: Eine Tanzlehrerin und ihre drei Töchter ringen im Berlin der 50er Jahre um ihre Selbstbestimmung.

Unverheiratete Frauen werden Fräulein genannt, Führerschein ist Männersache und das Fernsehen schwarz-weiß: In "Ku'damm 59" steigt die alte Bundesrepublik wieder aus der Versenkung. Nach dem Erfolg von "Ku'damm 56" kehrt das ZDF in die Tanzschule "Galant" auf den Kurfürstendamm zurück. Dort warten die strenge Frau Schöllack, ihre widerspenstige Tochter Monika mit den Schwestern Helga und Eva, Rocker Freddy Donath und Professor Fassbender - alle etwas älter, einige fieser.

Monika Schöllack (Sonja Gerhardt) bringt eine Tochter zur Welt, nachdem sie vom Fabrikantensohn Joachim Frank (Sabin Tambrea) vergewaltigt wurde. Weil sie ein "Schandfleck" für die Familie sei, hat ihr Mutter Caterina (Claudia Michelsen) Hausverbot erteilt. Mit Tochter Helga (Maria Ehrich) heckt sie den Plan aus, der ledigen Monika das Sorgerecht für das Kind zu entziehen. Als Ersatzmutter will Helga eine glückliche Ehe mit ihrem verkappt schwulen Ehemann Wolfgang (August Wittgenstein) vortäuschen.

Derweil trifft Caterina Schöllack auf den leicht übergriffigen Moderator und einstigen NS-Regisseur Kurt Moser (Ulrich Noethen), der in ihrer Tanzschule eine TV-Show aufzeichnet - und nebenbei Monika als Rock'n-Roll-Talent und Schauspielerin entdeckt. Und Eva Schöllack (Emilia Schüle) hat mit ihrem Mann eine "gute Partie" gemacht. Aber der deutlich ältere Professor Jürgen Fassbender (Heino Ferch) steigert sich vom Eifersuchtsanfall bis zur häuslichen Gewalt.

Auch im neuen Dreiteiler hat Drehbuchautorin Annette Hess ("Weissensee") ein Sittengemälde der biederen Republik gezeichnet. Aber die einst wie in Zement gegossenen Sitten und Zwänge beginnen nun aufzuweichen. Monika gelingt es, dass sich ihr Jugendschwarm und Bandpartner Freddy (Trystan Pütter) zur Vaterschaft der Tochter bekennt (sie wird es zeitweilig bereuen), Helgas Mann bekennt sich zu seiner Homosexualität, und Eva kann doch den Führerschein machen. Das wird sie allerdings teuer zu stehen kommen.

Die Produzenten Benjamin Benedict und Nico Hofmann ("Unsere Mütter, unsere Väter") haben bei der Ausstattung nicht gespart. Tapfer kämpft sich "Ku'damm 59" gegen den Erzähltakt, der aus Serien von Streaming-Diensten bekannt ist. Statt mit schnellen Schnitten, einem stringenten Plot und überraschenden Wendungen fließen die Folgen wie die Spree gemächlich dahin. Doch von Beginn an ist klar, wer das Geschehen voranbringt. Es sind die Frauen, die im Kleinen die Modernisierung der Republik beschleunigen und sich aus dem Griff der im Krieg gestählten - und beschädigten - Männer befreien. So ist "Ku'damm 59" vor allem ein Schauspielereignis. Erst die Leistungen der vier Hauptdarstellerinnen gibt dem Dreiteiler die Glaubwürdigkeit und Tiefe, die der Story zuweilen abhanden kommen.

(dpa)