Florian Silbereisen als Kapitän: Kann der das mit dem Traumschiff im ZDF?

Neue Rolle im ZDF : Kann Silbereisen „Traumschiff“-Kapitän?

Die Rolle des „Traumschiff“-Kapitäns ist die erhabenste Aufgabe, die das deutsche Fernsehen zu vergeben hat. Jetzt soll Florian Silbereisen ohne jedwede seemännische Erfahrung auf die Brücke. Kann das funktionieren?

Auf der Brück‘n, da gibt‘s koa Sünd. Dies gilt als Wahlspruch nicht nur für die bayerische Donaudampfschifffahrt zwischen Passau und Regensburg, sondern eigentlich überall und sogar auf den Weltmeeren. Zwar unterlaufen selbst Kapitänen Manövrier- und Entscheidungsfehler, wie wir sie von der Costa Concordia in Erinnerung haben. Doch in der Regel und vor allem im Fernsehen ist die Kommandobrücke der Ort, an welchem dem Versagen der Zutritt verwehrt ist.

Wer das höchste Amt auf der Brücke erwirbt, hat vorher gleichsam einen Beichtvater konsultiert, dessen Absolution ewig währt. Deshalb trägt der Kapitän das Weiß der Unschuld. Sein Blick erstreckt sich über die Niederungen der Kaimauern bis zum Horizont, an dem Geheimnisse und Gefahren lauern. Der Kapitän ist der Bischof, der seine Schafe weidet, wobei sie diesmal nicht im Stall, sondern in Kabinen und Kajüten, Suiten und Liegestühlen kauern. Alles auf einem Kreuzfahrtschiff ist eng. Doch die Brücke atmet Weite.

Märchenhaft muten Macht, Majestät und Milde auf der Brücke des „Traumschiffs“ im ZDF an. Wer dessen Kapitän bei der Arbeit zusieht, erlebt einen Souverän, der alles beherrscht: die Besänftigung eifersüchtiger Liebespaare, die Ideal­linie in den Kanälen Venedigs, die Verhaftung krimineller Subjekte, die gestohlene Klunker an Land verhökern wollen. Nun aber soll Florian Silber­eisen „Traumschiff“-Kapitän werden. Kann das wahr sein?

Kapitäne unter sich: Johnny Depp (als Jack Sparrow), Florian Silbereisen (als Max Prager), Gregory Peck (als Ahab), Blaubär und Hook (v. l. im Uhrzeigersinn). Foto: dpa (4), WDR/dpa (4), WDR | Montage: Ferl

Auf die Brücke kommt man nicht einfach so, man muss sie sich verdienen. Mit exzellenten Leuten hat uns das ZDF seit 1981 verwöhnt: Günter König (lächelnd und bestimmt), Heinz Weiss (höflich und charakterfest, schon seit der TV-Serie „Graf Luckner“ seemännisch geadelt) und Siegfried Rauch (schneidig und wettergegerbt) waren fabelhafte Kapitäne. Sogar Sascha Hehn, der seit der „Schwarzwaldklinik“ oft den Part eines Vize innehatte, darf vier goldene Streifen tragen. Als Kapitän Victor Burger gelang es Hehn, sein etwas schmuddeliges Image (nach Sexfilmchen und geistig anämischen Arztserien) abzustreifen. Zwar ist er immer noch kein Titan der Schauspielkunst, doch sind ihm an Bord Eigenschaften zugewachsen, die man früher bei ihm vermisste: Güte und jenes Element des Visionären, das jeder „Traumschiff“-Kapitän besitzen muss. Graue Haare übrigens auch.

All diese Kapitäne hatten sich sozusagen im Maschinenraum des Fernsehens hochgedient, sie wussten aber auch, dass das „Traumschiff“ ein gefährliches Gelände ist. Hehn hatte lange mit der neuen Ausrichtung der Serie gehadert, weswegen sein Abgang nicht unerwartet kam. Mit Silbereisen besteht die Gefahr, dass der Pott auf eine Sandbank läuft. Denn wie sollte so einer die ungeheure charakterliche Vielfalt eines „Traumschiff“-Kapitäns erlangen?

Auch Heinz Weiss und Siegfried Rauch hatten ihre eiserne Qualifikation in tausend anderen Fernsehrollen erworben. Diese Vielfalt hatte sie abgeschliffen und gehärtet; aus ihrer reichen medialen Karriere gingen sie als Auserwählte hervor, die – sobald wir sie im Fernsehen erblicken – alles zugleich sein dürfen: Schlichter und Schiedsmann, Richter und Lenker. Nie mischt sich der „Traumschiff“-Kapitän über Gebühr ein. Paare verkuppelt er nicht, er ordnet nur. Er verfolgt keine persönlichen Gelüste (wie Kapitän Ahab), er ist kein Geschichtenerzähler (wie Käpt’n Blaubär), sein Charme ist nicht vernuschelt (wie bei Captain Jack Sparrow), seine Einsamkeit nicht verdüstert (wie bei Captain Hook), sein Auftreten nie soziopathisch (wie bei Kapitän Deacon in „Waterworld“). Der „Traumschiff“-Kapitän pflegt allenfalls kostspielige Hobbys (Burgers Motorräder) und in kitzligen Situationen die emotionale Rückversicherung bei der Chefhostess. Ansonsten denkt er konservativ und bevorzugt Briefwahl.

Silbereisen in dieser Reihe – kann das funktionieren? Man könnte befürchten, dass mit ihm die Serie in die Plattheit der Gegenwart diffundiert. Sie könnte den Barden aber auch adeln, ihn emporheben und zu sich selbst befreien. Leider hat Silbereisen keine filmbildliche Geschichte; vorerst ist er einzig Kapitän Niemand – und damit sich selbst die größte Gefahr für die Rolle. Vielleicht erfindet er sie aber auch neu: der Kapitän als oberster Entertainer.

Mancher befürchtet schon, dass das ZDF sein letztes Aufgebot für die Serie bestellt hat. Was war Horst Naumann als Dr. Schröder für ein grandioser Schiffsarzt, der sich einer Erkrankung mit scharfem Blick näherte, bevor er das rettende Antibiotikum verabreichte! Dagegen ist Nick Wilder als Dr. Sander allenfalls ein PJ’ler. Und was war Heide Keller als Beatrice für ein goldiges Wesen, das seine Menschlichkeit aus vollen Kombüsen verschenkte! Dagegen wirkt Barbara Wussow als Hoteldirektorin Hanna Liebhold einstweilen wie eine verschlossene Auster.

Silbereisen kennt nicht den Fluch der Karibik, nicht das Bermuda-Dreieck. Er kommt von der Donau und kennt nur die Dampfschifffahrt. Seine Zukunft wird salzig sein. Zum Trost werden sie bei seiner Jungfernfahrt einen Song aus der Schiffsbar verbannen: „Captain meiner Seele“ von Helene Fischer.

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