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"Dunja Hayali" zu Coron-Demo Berlin: "Woher kommt diese überbordende Wut?"

Corona-Runde bei „Dunja Hayali“ : „Woher kommt diese überbordende Wut?“

Nach der Corona-Demo in Berlin folgt am Wochenende Dortmund. Bei Dunja Hayali sagt Armin Laschet, wie wichtig das Grundrecht zu demonstrieren ist - derzeit allerdings mit Maske und Abstand. Und er sorgt sich: „Schlimm ist es, wenn Feindbilder gesucht werden.“

Darum ging es

Die Reporterin Dunja Hayali musste am Wochenende ihren Bericht von der Corona-Demo in Berlin abbrechen - die Lage wurde ihrem Team gegenüber zu bedrohlich. Am Abend diskutiert sie im ZDF mit Experten und Politikern über die Menschen, die gegen Corona-Maßnahmen demonstrierten. Und sie blickt nach vorn: wie sind wir auf die nächsten Wochen vorbereitet, läuft der Schulstart?

Die Gäste

  • Armin Laschet, NRW-Ministerpräsident, CDU
  • Katja Kipping, Parteivorsitzende Die Linke
  • Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte
  • Roland Imhof, Sozialpsychologe an der Uni Mainz

Der Talkverlauf

Die Frage wurde schon oft gestellt: Was sind das eigentlich für Leute, die da ohne Abstand und Mundschutz auf die Straße gehen und für “Freiheit” demonstrieren? Dunja Hayali war mit ihrem Team in Berlin unterwegs, um es herauszufinden. Sie wollte Gespräche mit den Protestierenden führen, muss ihre  Dreharbeit aber abbrechen als die Situation zu riskant wird. Sie wird persönlich beschimpft, Demonstrierende skandieren “Lügenpresse”. So viel zur Meinungsfreiheit. Geboten hat sich der Journalistin in Berlin “ein ziemlich diffuses Bild”, sagt sie am Abend. “Regenbogenfahnen trafen auf Reichsflaggen, Impfgegner liefen Seite and Seite mit Verschwörungsideologen und Antisemiten”, berichtet Hayali. “Und mitten drin viele Demonstranten, die eher der Mitte der Gesellschaft zuzuordnen sind. Aber alle ohne Mindestabstand und Maske und mit viel Wut auf die da oben.”

Bianca Kose von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Berlin nennt diese Mischung im Gespräch mit Hayali in Berlin die “neue Unübersichtlichkeit”, vereint würden diese Gruppen von einer rechtspopulistischen Klammer. Die Suche nach dem gemeinsamen Nenner bleibt vage. Was ist da falsch gelaufen, fragt Hayali, wenn zwischen all den Wütenden auch die “Mitte der Gesellschaft” demonstriert? Und: “Woher kommt diese überbordende Wut?”

Der Sozialpsychologe Roland Imhof, zugeschaltet aus Mainz, forscht über Menschen, die Überzeugungen, wie sie am Wochenende in Berlin kundgetan wurden, bejahen. Er sagt, er unterstelle den dort Beteiligten “eine hohe Ausprägung von dem, was wir Verschwörungsmentalität nennen”. Er definiert das als ein “über Milieus vereinendes Weltbild, demzufolge was immer in der Welt passiert, besonders das Negative, passiert weil sich einige wenige Mächtige dazu entschieden haben, es in die Welt zu bringen. Da gibt es keinen Zufall und wenig Ambivalenz”, erklärt Imhof. “Es gibt nur Gut und Böse.” In jenen Mächtigen, die die Massen vermeintlich an der Nase herumführten, habe man dann einen gemeinsamen Schuldigen gefunden - und damit ein Ziel für die Wut.

Armin Laschet gibt sich nachdenklich: Politiker müssten “klar ausstrahlen”, dass sie Maßnahmen immer wieder genau abwägen. Am Wochenende soll nun in Dortmund demonstriert werden - wie sieht er dem entgegen? “Das Demonstrationsrecht ist ein wichtiges Grundrecht”, sagt der Ministerpräsident. Aber im Moment dürfe dieses Recht eben der Gesundheit zuliebe nur mit Abstand und Mund-Nasen-Schutz ausgeübt werden. “Wenn diese Auflagen nicht eingehalten werden gilt: Null Toleranz gegen Rechtsbruch”, kündigt er an.

Auch der CDU-Politiker versucht die Berliner Demo-Mischung zu deuten: “Wir haben einige Rechte gesehen, die die Ängste der anderen ausnutzen”, sagt er. Aber es seien auch Menschen da, die sich vor allem Sorgen machten, etwa um ihren Arbeitsplatz. In 70 Jahren Bundesrepublik seien noch nie so viele Grundrechte eingeschränkt worden, erinnert er. “Darüber zu diskutieren ist nicht schlimm. Schlimm ist es, wenn Feindbilder gesucht werden, wenn es antisemitisch und wenn es rassistisch wird.” Politiker müssten immer wieder deutlich machen: “Ja, wir wägen ab, wir schränken Grundrechte ein zum Schutz der Gesundheit.” Aber dabei werde immer wieder genau überlegt, ob es wirklich nötig sei. Katja Kipping hat für die Demonstranten wenig Verständnis: “Die da protestieren sind nicht rebellisch, sie sind rücksichtslos, gegen ärmere und verletzbare Menschen.”

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Hayali blickt am Abend aber nicht nur zurück, sondern auch nach vorn: Sind wir auf die nächsten Monate mit wieder steigenden Infektionszahlen gut genug vorbereitet - vor allem die Schulen?

Ute Teichert vom Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte sagt: “Nein, wir wiegen uns in falscher Sicherheit.” Sie fragt sich, ob wirklich alle Schulen in NRW genügend Masken haben. Zudem erneuert sie ihre Forderung, die Gesundheitsämter besser auszustatten. Auch die Situation der Urlaubsrückkehrer sieht Teichert kritisch: Wer am Tag nach der Ankunft negativ teste, sei nicht auf der sicheren Seite - um die zu erreichen müsse nach fünf Tagen ein weiterer Test folgen. Denn niemand wisse, ob er sich nicht am Abend vor dem Heimflug auf einer Abschiedsparty angesteckt habe, der Test die Infektion kurz darauf aber noch nicht zeigt.

Laschet verspricht, die wichtigen Gesundheitsämter müssten weiter unterstützt und besser vernetzt werden. Dem Schulstart sieht er gebremst optimistisch entgegen. NRW ist das einzige Bundesland in dem Schüler ab der 5. Klasse zunächst auch im Unterricht Masken tragen müssen. Man wolle die Schulen unbedingt öffnen, sagt Laschet “aber wir müssen vorsichtig sein.” Daher bestehe zunächst bis Ende August die Maskenpflicht.


Katja Kipping hingegen sieht dem Schulbeginn skeptisch entgegen. Sie sorgt sich, dass mit den Lockerungen zu leichtfertig umgegangenen wird. Auch unter Lehrerinnen Lehrern gebe es Risikogruppen, denen gegenüber besondere Rücksicht angebracht sei. Testkapazitäten müssen ihrer Ansicht nach ausgeweitet werden und kostenlos bleiben.