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Dunja Hayali: "Corona hat viel Aufmerksamkeit auf prekäre Situationen gelenkt"

TV-Nachlese zu „Dunja Hayali“ : „Corona hat viel Aufmerksamkeit auf sowieso schon prekäre Situationen gelenkt“

Schule, Frauenhaus, Konzerthalle: Die Pandemie wirkt sich auf unterschiedlichste Bereiche der Gesellschaft aus. Einige davon klopfte Moderatorin Dunja Hayali in ihrer Talkrunde ab. Der Abend im Rückblick.

Am Donnerstagabend hatte die TalkshowDunja Hayali“ eine in drei Blöcken wechselnde Runde zu Gast, die über aktuelle Auswirkungen der Coronakrise diskutierte.

Die Gäste:

  • Franziska Giffey (SPD), Bundesfamilienministerin
  • Tobias Hans (CDU), Ministerpräsident des Saarlands
  • Gloria Boateng, Lehrerin
  • Norman Heise, Landeselternausschuss Berlin
  • Anika Ziemba, Kinderschutzfachkraft in einem Frauenhaus
  • Bernd Siggelkow, Gründer des Kinder- und Jugendhilfswerks „Die Arche“
  • Tim Bendzko, Musiker

Darum ging’s:

Größtenteils um Familienfragen. Dabei kamen auch Themen zur Sprache, bei denen viele Menschen lieber wegschauen.

Der Talkverlauf:

Bei allen drei Themen kommen die Talkgäste auf denselben Nenner: Die Coronakrise wirkt wie eine Lupe für Probleme, die Deutschland auch vorher schon hatte. Ob es um hinter der Digitalisierung herhinkende Schulen geht oder um das Wegsehen bei Gewalt in Familien und Partnerschaften oder darum, dass der Kulturbetrieb zwar als wichtig für die Gesellschaft betrachtet wird, sich aber nur selten lohnt.

Im ersten Teil der Talkshow geht es um den Schulbeginn unter Pandemiebedingungen. Einig sind die Diskutanten darin, dass die gesamte Gesellschaft die Verantwortung dafür trägt, Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen. Nur beim „wie“ gehen die Meinungen auseinander. Familienministerin Franziska Giffey steht hinter einem punktuellen Ansatz: Wo in Schulen Infektionsfälle auftreten, soll schnell gehandelt, also geschlossen werden. Angesichts der großen Unterschiede bei den Regelungen zwischen den Bundesländern hakt Moderatorin Hayali immer wieder nach, ob der Bund da nicht doch ausnahmsweise einmal die Führung übernehmen sollte. Schließlich sagt Giffey: „Es ist ja nicht so, dass die Länder sagen: Au ja, endlich kommt der Bund und koordiniert das.“

Auch der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans ist von Hayalis Vorschlägen wenig angetan. Von ihm will sie unter anderem wissen, wieso die Zeit nicht genutzt wurde, um an „echten Konzepten“ zu arbeiten – beispielsweise einer Klassenteilung, gestreckten Unterrichtszeiten oder Hybridmodellen mit Präsenz- und Heimunterricht. Darauf betont Hans, das Saarland habe Vorsorge getroffen für den Fall, „dass wir noch einmal zurück ins Homeschooling müssen“ und massiv in die Digitalisierung investiert. Unter anderem gebe es nun eine Schul-Cloud, und alle Lehrkräfte hätten eine eigene Schul-E-Mail-Adresse bekommen.

Darüber kann die Lehrerin Gloria Boateng nur den Kopf schütteln. Es sei schon lange bekannt, dass deutsche Schulen in dieser Hinsicht weit hinterherhinkten. Die Digitalplattform, die ihre Schule nutzt, hätte schon früher nicht funktioniert. „Wenn wir uns so aufstellen, kann uns eine Krise wie Corona nur umblasen“, sagt sie. Sie fordert dazu auf, vom kurzfristigen Ausprobieren zu verständlichen Konzepten zu wechseln – und in den Schulen auf das Coronavirus zu testen.

Auch Norman Heise vom Berliner Elternausschuss sieht Lücken beim „schulisch angeleiteten Lernen zu Hause“. Es gebe zwar inzwischen einige Standards für die Lehrkräfte, aber es fehle an Infrastruktur, etwa Computern für Lehrpersonal und Breitbandinternet, das Videokonferenzen ermöglicht.

Ein Einspieler aus einem Hamburger Frauenhaus leitet das zweite Thema des Abends ein: häusliche Gewalt. „Corona hat viel Aufmerksamkeit auf sowieso schon prekäre Situationen gelenkt“, sagt die Kinderschutzfachkraft Anika Ziemba. Giffey verweist auch bei diesem Thema auf die Bundesländer. „Es kommt darauf an, wie die Zielsetzung im jeweiligen Land ist“, sagt die Familienministerin etwa auf die Frage, warum Frauenhäuser überfüllt sind, obwohl Deutschland 2017 die Istanbul-Konvention unterzeichnete, die allen Opfern von Gewalt gegen Frauen Schutz gewährt. Giffey verweist auch darauf, dass die Bundesregierung an einem Rechtsanspruch auf Hilfe arbeitet.

Doch davon will Ziemba nichts hören. Ein solcher Rechtsanspruch werde viele Frauen von der Hilfe ausschließen, sagt sie und fordert eine Pauschalfinanzierung von Frauenhausplätzen. Auch bei diesem Thema herrscht Einigkeit in puncto gesellschaftliche Verantwortung. „Es braucht viele Menschen, die hinschauen, hinhören und bereit sind, auch mal die Polizei zu rufen“, sagt der Gründer der Hilfsorganisation Arche, Bernd Siggelkow.

Der Musiker Tim Bendzko kommt für ein leichteres Thema ins Talkstudio. Er wird am 22. August an einer Studie der Universität Halle teilnehmen, bei der Infektionswege bei einer Großveranstaltung erforscht werden sollen. Dazu spielt er ein Konzert vor 4000 Menschen. Dabei gehe es nicht darum, vorherzusagen, wann solche Auftritte wieder möglich seien, sondern darum, einen Ansatz für Konzepte zu finden.

Das vieldiskutierte Großkonzert in Düsseldorf sieht Bendzko zwiegespalten. Einerseits schaffe es Aufmerksamkeit für die Probleme der Veranstalter. Andererseits sei auch dies keine wirtschaftliche Lösung. „Es ist nicht wirtschaftlich, Konzerte zu spielen, wenn man nicht gewisse Kapazitäten an Zuschauern zulässt“, sagt er. Dazu müsse entweder ein Weg gefunden werden - „oder es muss von der Politik kompensiert werden“.