"Hart aber Fair"-Talk am Montagabend: Dürfen Deutsche über Hitler lachen?

"Hart aber Fair"-Talk am Montagabend: Dürfen Deutsche über Hitler lachen?

Können 400.000 verkaufte Exemplare der Nazi-Satire "Er ist wieder da" von Timur Vermes und weitere 100.000 Hörbücher lügen? Nein, offenbar lacht Deutschland gerne über Hitler. Aber dürfen wir das auch? Oder verharmlosen wir mit Hitler-Satire den Holocaust? Große Fragen für Plasbergs Talk "Hart aber Fair".

Bei "Hart-aber-Fair"-Moderator Frank Plasberg waren an diesem Montagabend zu Gast: Oliver Pocher (Comedian und Moderator), Erika Steinbach (Präsidentin Bund der Vertriebenen, Bundestagsabgeordnete, Mitglied CDU-Bundesvorstand), "Titanic"-Chefredakteur Leo Fischer, der SPD-Politiker und ehemalige Botschafter in Israel, Rudolf Dressler sowie Talk-Allzweckwaffe Hellmuth Karasek.

Nach fünf Minuten bereits waren die Positionen abgesteckt: Zumindest zwischen Oliver Pocher und Rudolf Dressler: Der SPD-Politiker forderte auch von dem deutlich jüngeren Comedian, nicht die Verantwortung für die Geschichte Deutschlands abzulegen.

"Was Oma und Opa verbockt haben"

Pocher, 35 Jahre alt und damit 37 Jahre jünger als Dressler, entgegnete, er könne ja nicht für etwas Verantwortung übernehmen, was "Oma und Opa verbockt haben". In ihrem Diskurs über historische Verantwortung und Nicht-Verantwortung sollten Pocher und Dressler fortan nicht überein kommen.

Ein Manko der Sendung war, dass es die Redaktion nicht geschafft hatte, Buchautor Vermes in die Runde einzuladen. So wurde viel über den Erfolg seines Buchs diskutiert und es wurden von Christoph Maria Herbst vorgetragene Hörbuch-Passagen zum Besten gegeben.

An die Adresse Hellmuth Karaseks gerichtet, stellte Moderator Frank Plasberg die Frage, ob es "irgendwann einen kleinen Hitler als Figur bei McDonalds geben" werde und ob er eine Banalisierung des millionenfachen Massenmörders befürchte. Der Literaturkritiker entgegnete, die besten Hitler-Parodien seien bereits im Krieg gemacht worden, wie das Beispiel Charlie Chaplin trefflich bewiesen habe. Der Zuschauer dürfte mit dieser Antwort schon zufrieden gewesen sein.

Karaseks Witz-Versuch

Doch dann tat Karasek das, was er schon vor einigen Wochen im Zuge der Sexismus-Debatte um FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle getan hatte. Er versuchte sich an einem Witz, den der deutsch-amerikanische Shakespeare-Schauspieler Ernst Lubitsch einst erzählt hatte. "Was Hitler mit Polen gemacht hat, haben sie früher mit Shakespeare gemacht."

Das Schlimmste für einen Witze-Erzähler ist, wenn niemand lacht. Und es lachte niemand über Karaseks nacherzählten Gag, weswegen er sich rasch dazu entschloss, die peinliche Stille mit einem Wortschwall zu überbrücken und die These anzustellen, dass Hitler eine "komische Figur ist, die fasziniert". Zumindest in diesem Punkt dürfte ihm die Rückendeckung der Talkrunde und der meisten Zuschauer gewiss sein.

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Pocher, dessen Comedian-Berufung eingangs aufblitzte, versuchte sich im Fortgang der Sendung als ernsthafter Diskussionspartner und Vertreter der jungen Deutschen.

"Das ist maximaler Populismus"

Was Karasek nicht gelungen war, schaffte schließlich Leo Fischer. Der Chefredakteur des Satiremagazins "Titanic" erläuterte die Motivation, Hitler in regelmäßigen Abständen aufs Cover der "Titanic" zu heben. "Das ist maximaler Populismus. Die Deutschen lieben Hitler, sie sind verrückt danach. Jedes Heft mit Hitler vorne drauf verkauft sich 20 Prozent besser." Allein schon Fischers Gestik, Mimik und Duktus wirkten (unfreiwillig) komisch.

Und dann, als Plasberg ein Cover der "Titanic" einblendete, kam es, dieses peinlich berührte Raunen im Publikum, eine Mischung aus Lachen, Schämen und Unterdrücken. Die Titelseite zeigte ein großes Foto von Hitler und ein kleines von Klaus Wowereit, dem Regierenden Bürgermeister Berlins. Die Zeile lautete: "Wowereit hingerichtet. Führer rettet Flughafen Berlin."

Über 75 Minuten hinweg wiederholte Dressler sein Credo, man — also alle Deutschen — dürften einen Massenmörder nicht zur Satirefigur werden lassen. "Ich habe ein Problem damit." Für Fischer indes geht es um den marktwirtschaftlichen Erfolg seines Magazins. Und der stelle sich nun einmal ein, wenn Hitler auf dem Cover zu sehen ist. CDU-Politikerin Steinbach, die sich, anders als vermutet, in der Sendung zurückhielt, erklärte, Hitler sei das falsche Objekt für Marktwirtschaft.

"Satire arbeitet mit Ambiguität"

Der Rest der Sendung ist schnell erzählt. Pocher gelang zu der Erkenntnis, dass bei Hitler-Witzen immer dieselben Mechanismen greifen. Karasek berichtete aus seinem schier unendlichen Fundus an Anekdoten, der mit der Zeit eine für den Zuschauer ermüdende Wirkung entfaltete. Und Fischer musste die Frage beantworten, ob es ihm unangenehm sei, als im Zuge eine Razzia in Nazi-Wohnungen ein "Titanic"-Plakat gefunden wurde.

"Das ist ein Risiko", sagte Fischer lapidar. "Satire arbeitet mit Ambiguität." Plasberg hakte verwundert nach: "Mit was arbeitet die?" "Mit Ambiguität, mit Zweideutigkeit." Der Moderator wandte sich an den Comedian: "Herr Pocher, da kann man was lernen." Pocher grinste und wiederholte genüsslich: "Am-bi-gui-tät".

Das Publikum kicherte. Es war einer der Höhepunkte der Sendung. Denn, wirklich viele und gute Beispiele für gelungene Hitler-Satire fielen auch den Gästen nicht mehr ein. Eines ist dennoch sicher: Die Deutschen lachen gerne über Hitler. Das ist fast schon "Am-bi-gui-tät" - fast.

(nbe)