Diskussion um neue Siegel bei "Hart aber fair": "Fleisch ist ein Auslaufmodell"

Diskussion bei „Hart aber Fair“ : „Fleisch ist ein Auslaufmodell“

Bei „Hart aber Fair" am Montagabend diskutierten Veganer, Vegetarier und Fleischesser über den Sinn und Unsinn von neuen Siegeln beim Fleisch - und ob Fleischkonsum generell sinnvoll ist.

Darum ging es:

Moderator Frank Plasberg stellte die Fleisch-Frage: Wollen wir mit hübschen Siegeln nur das schlechte Gewissen beim Einkauf im Supermarkt erleichtern? Hilft es den Tieren, mehr für Fleisch zu bezahlen oder sollte man komplett darauf verzichten? Zur Debatte stand auch die Frage, wer Veranwortung trägt: Produzenten, Politik oder am Ende doch die Konsumenten?

Darum ging es wirklich:

In einer engagierten, aber fairen und ausgewogenen Diskussion kamen Fleischbefürworter und -gegner zu Wort. Alle waren sich einig, dass man die Nutztierhaltung verbessern müsse, aber auch realistisch genug, um festzustellen, dass bei vielen Verbrauchern das Tierwohl am eigenen Geldbeutel aufhört.

Die Gäste:

  • Sarah Dhem, Wurst-Unternehmerin und Vorstandsmitglied des Bundesverbandes der Deutschen Fleischwarenindustrie
  • Manfred Karremann, Dokumentarfilmer
  • Albert Stegemann (CDU), Landwirt und agrarpolitischen Sprecher der Unionsfraktion
  • Sarah Wiener, TV-Köchin und Landwirtin
  • Patrik Baboumian, Kraftsportler und Veganer

In Deutschland hat die Wirtschaft ein neues Siegel eingeführt, das den Verbrauchern Hinweise darauf geben soll, wie das Tier, dessen Fleisch sie kaufen, bis zu seiner Schlachtung gehalten wurde. In der Stufe eins bedeutet das, dass ein Schwein gerade 0,75 Quadratmeter Platz zum Existieren hat - eine Stufe, die vom Gesetzgeber erlaubt beziehungsweise als Standard bezeichnet wird. Sie ist zugleich die preisgünstigste Stufe, was den Preis des verkaufsfertigen Fleisches betrifft. Bei Stufe zwei bekommt das Tier etwas mehr Platz, bei Stufe drei ist eine Stallseite geöffnet, so dass das Tier zumindest Frischluft atmen kann. Biobauern, bei denen Schweine auch nach draußen und sich frei bewegen können, erhalten für das Fleisch, das sie produizeren, das Siegel der Stufe vier. Moderator Frank Plasberg hat mit einer Runde aus Veganern, (Teilzeit-)Vegetariern und Fleischessern über den Sinn und Unsinn von Fleischkonsum generell sowie über solche Siegel diskutiert.

Kraftsportler Patrik Baboumian sieht zwar so aus, als würde er täglich ein paar Steaks zu sich nehmen, er führe seinem Körper Protein und Nährstoffe aber stattdessen über Hülsenfrüchte, Nüsse und Getreide zu, sagt er. Als aktiver Tierschützer habe er den Konsum von Fleisch nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren können. Vor einigen Jahren habe er angesichts der Milchkuhhaltung und umstrittenen Standards in der Eierproduktion beschlossen, ganz auf tierische Produkte zu verzichten und wurde Veganer, „um Tierleid zu vermeiden". Im Sport sei er seither sogar noch erfolgreicher als früher.

Albert Stegemann (CDU) ist Landwirt und agrarpolitischen Sprecher der Unionsfraktion - und isst Fleisch. Seine Familie betreibe einen Bauerhof schon seit dem 15. Jahrhundert. Vom schlechten Umgang mit den Tieren will er nichts wissen: „Die meisten Milchkühe in Deutschland leben mit Familienanschluss", sagt er. Er sei Milchbauer mit Leib und Seele. Plasberg begegnet diesem idyllische Bild, das Stegemann zeichnet, mit Skepsis.

Auch der Dokumentarfilmer Manfred Karremann, der sich auf Tierhaltung und -transporte spezialisiert hat, ist nicht überzeugt von der Idylle. Er sagt, dass zum Beispiel in einem Betrieb pro Tag schon mal 20.000 Schweine getötet würden. Dabei sei keineswegs gewährleistet, dass ein Tier sofort tot sei. Es sei erwiesen, dass ein Prozentsatz lediglich betäubt und nicht getötet werde und somit lebendig in den Verarbeitungsprozess wandere. „Feisch ist ein Auslaufmodell", sagt Karremann. In ein paar Generationen werde man kein Fleisch mehr essen, davon ist er überzeugt. Von Labeln hält er nichts, das habe bisher noch nie etwas gebracht, auch bei Eiern nicht.

Die Vertreterin der Fleischindustrie in der Runde, Sarah Dhem, findet ein solches Siegel hingegen positiv, weil es Transparenz bringe - sowohl für Fleisch als auch Wurst; man dürfe aber Landwirte, die nach Recht und Gesetz arbeiten - also für Stufe eins produzieren - nicht als Tierquäler bezeichnen, sagt die Wurst-Unternehmerin und Lobbyistin. Gleichwohl setze sie auf Tierhaltung nach hohen Standards und bietet selbst Produkte der Stufe vier an.

Die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat das neue Siegel lediglich als „Sortiersystem" bezeichnet, wie Plasberg per Einspieler zeigt. Ihr Tierwohlkennzeichen soll umfassender werden, sagte Klöckner in einer Pressekonferenz. Allerdings, so kritisiert die Redaktion von Plasberg, habe die Politik nach acht Jahren der Diskussion darüber bisher keine greifbaren Ergebnisse vorzuweisen.

Aufschlussreich war ein Test, den eine Universität durchführte, bei der sie das Kaufverhalten der Verbraucher in einem Supermarkt analysierte. 18.000 Fleischprodukte wurden angeboten, in drei Kategorien, günstig, mittel und Bio. Das Resultat erbrachte, dass für viele Verbraucher der Tierschutz offenbar am eigenen Geldbeutel endet: Lediglich elf Prozent kauften das Bio-Fleisch, 16 Prozent Fleisch der mittleren Stufe und 73 Prozent der Verbraucher griffen zum günstigsten Fleisch von Tieren, die kaum genug Platz haben, um sich zu bewegen.

Über soziale Medien wie Twitter und Facebook schlagen Zuschauer vor, statt eines Siegels, das ohnehin nur ein Marketing-Gag sei, lieber Schockbilder wie bei Zigaretten einzuführen. Andere schreiben, dass künftige Generationen voller Abscheu auf die Gegenwart zurückblicken würden. Wieder andere weisen darauf hin, wie unlogisch Verbraucher seien - einerseits einen Luxusgrill kaufen, aber andererseits für die Würstchen möglichst wenig bezahlen wollen.

Wenn man allerdings den Trend anschaut, dann nimmt die Zahl der Vegetarier in Deutschland stark zu. Gaben 2016 noch drei Prozent der Deutschen an, sich rein vegetarisch zu ernähren, sind es inzwischen sechs Prozent. Unter den 14- bis 29-Jährigen seien es sogar elf Prozent, die weder Fisch noch Fleisch zu sich nehmen - und zwar laut einem Wissenschaftler einerseits "aus moralischer Überzeugung", aber auch, um sich gesellschaftlich von anderen abzugrenzen.

(sbl)
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