Düsseldorf: Die Gutachter-Republik

Düsseldorf : Die Gutachter-Republik

Die ARD-Reportage dokumentiert den enormen Einfluss von Sachverständigen.

Diese Reportage ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie man Empörung weckt, ohne polemisch zu werden: weil die beschriebenen Fälle zum Himmel schreien. Jan Schmitt beschreibt in seinem WDR-Film "Die Gutachterrepublik" anhand verschiedener Entscheidungen, wie enorm der Einfluss von Sachverständigen ist. Besonders betroffen macht die Leidensgeschichte der jungen Reitlehrerin Marnie, die vor vier Jahren von einem auskeilenden Pferd am Bein getroffen wurde. Als Folgeerscheinung der Verletzung kam es zu einer abnormen Vergrößerung des Fußes. Marnie musste viele Monate im Krankenhaus verbringen, bis das betroffene Bein schließlich amputiert wurde. Heute ist das zweite Bein gelähmt, die junge Frau sitzt im Rollstuhl. Als ob das nicht schon tragisch genug wäre, sorgte eine Versicherungsgesellschaft durch ihr Verhalten dafür, dass diese Geschichte zum perfekten Fall für Schmitts Reportage wurde: Bis heute weigert sich das Unternehmen mit Hinweis auf verschiedene Gutachten, die Unfallversicherung auszuzahlen.

Gleich drei Gutachten hat die Versicherungsgesellschaft in Auftrag gegeben, aber alle nur auf Basis der Akten; keiner der Sachverständigen hat Marnie je gesehen. Trotzdem wurde ihr attestiert, sie bilde sich die Krankheit nur ein. Umso interessanter wäre es gewesen, wie der entsprechende Gutachter auf Fotos vom verfaulenden Bein reagiert hätte. Vermutlich hätte er behauptet, sie seien gefälscht.

Auf einer zweiten Ebene verdeutlicht der Film, dass Gutachter auch die Rechtsprechung übernommen haben: weil Familiengerichte ihre Verantwortung in Richtung der Sachverständigen delegieren. Hier geht es um ihren Einfluss in Familiensachen: Die Frau eines gewalttätigen Mannes hat den Gatten verlassen, musste ihm aber den gemeinsamen Sohn überlassen. Schmitt vertieft den Fall jedoch längst nicht so sehr wie die Geschichte von Marnie. Das ist bedauerlich, denn dieser Bereich betrifft natürlich viel mehr Menschen als der dritte Teil des Films, der aber fast noch haarsträubender ist als das Verhalten der Versicherung: Als hessische Steuerfahnder nach der Jahrtausendwende zu erfolgreich wurden und anscheinend den schwarzen Kassen der Landes-CDU bedenklich nahe kamen, wurden sie kurzerhand aus dem Verkehr gezogen. Grundlage waren psychiatrische Gutachten: Ein halbstündiges Geplauder genügte dem Sachverständigen, um zu erkennen, dass die Fahnder nicht mehr arbeitsfähig seien.

Um nicht nur auf Interviewsituationen angewiesen sein zu müssen, ergänzt Schmitt seine Ausführungen immer wieder um nachgestellte Szenen. Diese Momente sind weder spektakulär noch spekulativ, sie dienen nur der Illustration. Das ist sinnbildlich für die gesamte Reportage, deren Tonfall durchaus sachlich ist; es sind die Missstände, die wütend machen. Schmitts Reportage kommt ohne Zuspitzungen aus. Der Autor begnügt sich mit einer sachlichen Schilderung. Schade nur, dass die Gegenseite bloß in Form schriftlicher Stellungnahmen zu Wort kommt.

Hinweis: Am Tag der Ausstrahlung des Films hat die Versicherung von Marnie Gröben mitgeteilt, sich mit ihrer Kundin geeinigt zu haben. Die Versicherung und Gröben hätten eine abschließende Vereinbarung getroffen, die von gegenseitigem Entgegenkommen geprägt sei, heißt es in der Erklärung.

"Die Gutachterrepublik", ARD, 22.45 Uhr

(RP)
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