"Wer wird Millionär?" Die einzig wahre Quizshow

Düsseldorf · Vor 15 Jahren startete bei RTL die Erfolgssendung "Wer wird Millionär?" mit Günther Jauch (58). Sie löste einen Boom ähnlicher Shows aus, die bis heute das Programm zukleistern. So gut wie das Original ist keine.

"Wer wird Millionär?": Die einzig wahre Quizshow
Foto: dpa, sab

Dass deutsche Fernsehsender Formate aus anderen Ländern kopieren, ist Teil ihrer Überlebensstrategie. Dass aber die deutsche Variante mindestens ebenbürtig ist, kommt eher selten vor. Wer schon mal die britische Originalversion "Who wants to be a millionaire?" gesehen hat, stellt verdutzt fest, dass sie nicht um Längen besser und die deutsche Version kein müder Abklatsch ist. Die Show, die in dutzenden Ländern mit der exakt selben Kulisse und Musik läuft, liefert ein ebenso einfaches wie großartiges Konzept. Zwei Stühle, ein Moderator und ein Kandidat, 15 Fragen und die Chance auf einen Millionengewinn.

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Je simpler die Basis, desto wichtiger die Protagonisten. Günther Jauch ist, das gilt trotz seiner schwachen Auftritte als Polit-Talker im Ersten, einer der besten TV-Köpfe dieses Landes. Er ist gebildet, aber nicht einschüchternd, er ist witzig, aber nicht albern, er ist millionenschwer und wirkt doch wie ein Mann aus dem Volk, der aus dem Stand den Preis einer Tüte Milch oder einer Gartenschere aufsagen kann. Er macht den Unterschied zu den vielen anderen "Wer wird Millionär?"-Shows dieser Welt, weil er es wie kein anderer geschafft hat, der Show "menschliche Wärme und nationales Kolorit" zu geben, wie "Spiegel Online" zum zehnten Geburtstag der Sendung schrieb.

Nun steht der 15. Geburtstag an, und noch immer ist Jauchs Show ein sicherer Quotenbringer für RTL. Zwar ist der ganz große Boom vorbei, als "WWM" regelmäßig an der Zehn-Millionen-Marke kratzte und jede Frage am nächsten Morgen auf Schulhöfen und in Teeküchen diskutiert wurde. Doch die vergangene Staffel sahen immer noch im Schnitt 5,89 Millionen Zuschauer, was einem Marktanteil von 18,4 Prozent entspricht. In der für RTL relevanten Zielgruppe der 14- bis 59-Jährigen waren es 2,93 Millionen (16,6 Prozent).

Angesichts der Show-Flops, die sämtliche Sender in den vergangenen Monaten einstecken mussten — RTL ging mit der Castingshow "Rising Star" so eben gnadenlos unter — sind das Zahlen wie aus dem Paradies. Montags und freitags versammelt Jauch um 20.15 Uhr zuverlässig Menschen aller Altersgruppen vor dem Fernseher, die sich dem Zwei-Personen-Stück mit wechselnder Besetzung gern hingeben und dabei in guten Sendungen sämtliche Emotionen durchlaufen: Freude, Häme, Mitleid, Ärger, Euphorie.

Jauch ist dabei gleichbleibend gut, auch wenn er unterschiedliche Rollen einnimmt. Mal ist er der gönnerhafte Onkel, der besonders bei nervösen jungen Damen ein wenig hilft, mal ist er der zugeknöpfte Besserwisser, der jene Kandidaten auflaufen lässt, die ihren Auftritt als Gelegenheit zur hemmungslosen Eigen-PR missverstehen. Selbstbewusstsein schätzt Jauch durchaus, Arroganz weniger. Wer besonders witzig sein will, den quatscht der Moderator schon mal in einen Joker, den der Kandidat gar nicht gebraucht hätte. Auch hat er ein Herz für Zocker. Wer mit treuherzigem Blick erklärt, dass er mit seinem Gewinn die Schulden bei Oma bezahlen will, erntet schon mal ein tief empfundenes "Langweilig!".

Was in anderen Shows undenkbar erscheint, das Zurschaustellen von Sympathie und Antipathie seitens des Gastgebers, ist eines der Erfolgsgeheimnisse der Show. Es gibt ihr Spannung über das bloße Wissensspiel hinaus, es erzeugt eine Dynamik zwischen den beiden Hauptdarstellern, die Dauergrinser und Alles-toll-Finder wie der selbsternannte ARD-Quizonkel Jörg Pilawa nie erreichen. Im besten Fall entsteht ein kerniger Schlagabtausch, bei dem die eigentliche Gewinnsumme in den Hintergrund rückt. Solche Kandidaten adelt Jauch beim Verabschieden mit "Hat Spaß gemacht" oder "War nett mit Ihnen", auch wenn sie mit läppischen 4000 Euro nach Hause gehen.

Kribbelig wird es natürlich zusätzlich, wenn Jauch und dem Publikum dämmert, dass da einer das Zeug hat, die Million abzuräumen. Der für Quizshows immer noch sagenhaft hohe Hauptgewinn ist die zweite große Säule des Erfolgs, das wohlig-schaurige Gefühl der Zuschauer, einen potenziell historischen Fernsehmoment mitzuerleben. In 15 Jahren gab es bislang elf Millionäre, drei davon waren die Prominenten Oliver Pocher, Thomas Gottschalk (beide 2008) und Barbara Schöneberger (2011), die für einen guten Zweck spielten.

Der Erfolg der Show war Ende der 90er Jahre so überwältigend, dass passierte, was nach einem Quoten-Triumph immer passiert: Die anderen Sender schickten eilig Kopien auf den Bildschirm, und Deutschland hatte nach dem Nachmittags-Talkshow-Boom den Quiz-Boom. Jörg Pilawa lebt im Ersten bis heute davon, auch Sportschau-Moderator Matthias Opdenhövel präsentierte auf Sat.1 einige Zeit einen öden Jauch-Abklatsch mit dem originellen Titel "Die Quiz Show". Die meisten dieser Formate sind inzwischen wieder verschwunden, doch der Drang, statt eigener Ideen lieber simple Frage-Antwort-Formate ins Programm zu kippen, ist immer noch hoch.

Günther Jauch - 999 Mal Millionärssuche
10 Bilder

Günther Jauch - 999 Mal Millionärssuche

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Die öffentlich-rechtlichen Sender malträtieren ihre Zuschauer regelmäßig mit Shows wie dem "Unglaublichen Quiz der Tiere" mit Frank Elstner oder dem "Fantastischen Quiz des Menschen" mit Eckart von Hirschhausen, bei dem nicht normale Kandidaten, sondern die immer gleichen C-Prominenten um für "WWM"-Verhältnisse überschaubare Summen spielen. Sat.1 versuchte sich zuletzt erfolglos am "Verrückten Körperquiz" mit Thore Schölermann. Keine dieser Shows kann es ansatzweise mit dem Original aufnehmen, das nach dem angekündigten Ende von "Wetten, dass..?" der letzte wirkliche Klassiker der deutschen Primetime-Unterhaltung ist.

Günther Jauch jedenfalls ist auch nach 15 Jahren noch hochmotiviert. "Dadurch, dass immer neue und andere Menschen in meiner Show auftreten, wird es immer interessant bleiben. Gottes großer Zoo ist einfach unerschöpflich, und so mache ich mir keine Sorgen, dass die Sendung jemals langweilig werden könnte. Ich bin vor jeder neuen Sendung neugierig."

"Wer wird Millionär?": Der doppelte Jauch
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Dieser Text ist ursprünglich in der Sonntagsausgabe der Rheinischen Post erschienen, die exklusiver Bestandteil der Rheinische Post App ist. Diese App ist für das iPad sowie alle Tablets mit Android-Betriebssystem verfügbar. Mehr Infos unter www.rp-app.de