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Di Lorenzo bei Illner": „In Italien sind die Menschen viel disziplinierter als wir“

TV-Nachlese zu „Illner“ : „In Italien sind die Menschen im Moment viel disziplinierter als wir“

Disziplin, Tyrannei und Freiheitsgesäusel: Bei „Maybrit Illner“ soll es eigentlich um einen etwaigen Lockdown für Ungeimpfte gehen. Dabei kommen aber auch konkrete Ideen zur Eindämmung der Infektionswelle zur Sprache.

Am Donnerstagabend steht der Talk bei „Maybrit Illner“ unter der Überschrift „Politik wieder im Alarmzustand – kommt der Lockdown für Ungeimpfte?“.

 Die Gäste:

 Darum ging’s:

Weniger um den Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften als vielmehr zwischen nachhaltigen und schnellen Lösungen angesichts der Corona-Infektionswelle.

 Der Talkverlauf:

Hinterher ist man immer schlauer. Dieses Prinzip findet in Talkshows oft Anwendung, und so geht die Reise auch bei „Illner“ am Donnerstagabend erst einmal in die Vergangenheit. Viele der neuen Beschlüsse zum Umgang mit der Pandemie seien „überfällig“, sagt Kanzleramtsminister Helge Braun. Leitmedien wirft er vor, Warnungen im Sommer als Panikmache hingestellt zu haben, Hausärzte hätten sich mit der Booster-Impfung überschätzt. „Was wir wollen, ist vorausschauendes Handeln“, sagt der CDU-Politiker. Dabei bleibt er Moderatorin Maybrit Illner aber eine Antwort schuldig, warum er – als Teil der Regierung – oder die Ministerpräsidenten in den Ländern denn angesichts dieser Haltung nicht längst tätig geworden seien.

Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt räumt unumwunden ein, der Vorschlag vom 27. Oktober sei nicht ausreichend gewesen. Sie weist aber darauf hin, dass in diesem Vorschlag auch ein Wandel bei der Vorgehensweise steckte. „Wir legen einen Vorschlag vor, und den wollen wir diskutieren – im Parlament, mit Experten, also so wie man das eigentlich macht in einer Demokratie.“ Eine Verlängerung der epidemischen Lage nationaler Tragweite sieht Göring-Eckardt als unzureichendes Mittel. „Mit der epidemischen Lage sind wir in genau die Situation gekommen, in der wir gerade sind, und ich finde sie nicht sehr befriedigend.“

Der Intensivmediziner Christian Karagiannidis sendet ein Signal an die Politik: „Wir haben noch gewisse Chancen, Menschen zur Impfung zu bewegen.“ Dazu trägt er eine ermutigende Beobachtung in die Runde: Er habe auf seinen Stationen noch keinen überzeugten Impfgegner gesehen. Allerdings räumt er ein, er spreche für die Lage im Westen des Landes. Als Leiter des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) betont Karagiannidis, die Impfung sei die einzige nachhaltige Lösung neben dem Durchmachen der Krankheit. „Alles andere verzögert es nur.“ Weil es nun aber zwei Impfungen plus Wartezeit braucht, um einen vollen Impfschutz zu erhalten, hat Karagiannidis auch noch eine schnelle Lösung parat. „Was jetzt einen echten Akuteffekt hat: Dass die Bevölkerung sich ganz diszipliniert an die Maßnahmen hält, und dazu gehört insbesondere das Masketragen in Innenräumen.“

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Der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, sieht drei Maßnahmen in dieser Lage als angebracht an: Kontaktbeschränkungen, ein Forcieren der Impfung und Auffrischungsimpfungen. Auch er erinnert aber daran, dass sich eine Impfung alles andere als schnell bei den Infektionszahlen bemerkbar machen würde. „Die Hütte brennt, und mir ist völlig egal, auf welchem Rechtskonstrukt der Werkzeugkasten gebaut ist: Ich will jetzt endlich loslegen“, sagt Montgomery mit Blick auf die Politik. Er beklagt unter anderem die fehlende Logistik für die eine Million täglicher Impfungen, die für eine Besserung bis Weihnachten nötig wären. Eine solche Menge sei der Spitzenwert gewesen, als es noch Hunderte staatlicher Impfzentren gab. Bei seiner Einschätzung der politischen Entscheidungen macht Montgomery keinen Unterschied zwischen Regierung und Opposition. An Braun und Göring-Eckardt gewandt sagt er: „Ihr habt von beiden Seiten komplett versagt.“

Beim Thema Impfung angelangt, bringt der HIV-Forscher und Virologe Hendrik Streeck ein Kommunikationsproblem ins Spiel. „Was mir im Sommer am meisten fehlte, war nicht nur eine Impf-Werbung, sondern auch eine richtige Impf-Aufklärung“, sagt er. Statt immer nur zu wiederholen, der Impfstoff sei sicher, empfiehlt Streeck, das Grundprinzip der Impfung zu erklären. Zudem setzt er sich dafür ein, Geimpften klarzumachen, dass die Pandemie für sie nicht vorbei sei.

Auch der Journalist Giovanni di Lorenzo räumt ein, er habe die Wirkweise von mRNA-Impfstoffen zunächst nicht verstanden, zeigt sich nun aber fasziniert davon, dass sich der Impfstoff nach zwei Tagen auflöse – „wie bei James Bond“, wenn der Film-Spion geheime Botschaften bekäme. Kulturelle Fragen treiben di Lorenzo auch in anderer Hinsicht um. In Deutschland habe die Pandemie einen Abschied von tief verwurzelten Vorstellungen bedeutet, etwa von der Effizienz im Land. Und: „In Italien sind die Menschen im Moment viel disziplinierter als wir“, sagt der Journalist. Mit Blick auf die Politik wünscht er sich tägliche Treffen eines kompetenten Krisenstabs, um „zu retten, was zu retten ist“. Gleichzeitig solle aber die Diskussion um Verhältnismäßigkeit weiterlaufen. „Wir können auch in Notlagen schlimme Fehlentscheidungen treffen“, sagt di Lorenzo.

Weltärzte-Chef Montgomery dagegen hofft, das „Freiheitsgesäusel der FDP“ werde sich nicht durchsetzen. Zur Ausgrenzungsdebatte angesichts von Maßnahmen wie den 2G-Regeln sagt er: „Es ist doch keine Tyrannei, wenn ich jemanden die Folgen seines Handelns selber tragen lasse.“

(peng)