1. Panorama
  2. Fernsehen

ARD-Dokumentation "Deutschlands neue Slums": Deutschlands Problem-Viertel entstehen ganz leise

ARD-Dokumentation "Deutschlands neue Slums" : Deutschlands Problem-Viertel entstehen ganz leise

Mit großen Hoffnungen kommen Armutsflüchtlinge und Wanderarbeiter aus Bulgarien und Rumänien nach Deutschland. Doch in Vierteln wie der Dortmunder Nordstadt finden sie eine Welt vor, die geprägt ist von Druck, Ausbeutung und der Angst, wieder in die trostlose Heimat zu müssen.

Fast ein Jahr lang haben Monitor-Reporterin Isabel Schayani und der Autor Esat Mogul bulgarische und rumänische Einwanderer begleitet. Dabei sind sie unter anderem auf Ercan Tudorov gestoßen. Der Mann aus Bulgarien erzählt von seiner ersten Bleibe in Dortmund. Es ist ein leeres Haus. Er zahlt 30 Euro die Woche. Strom oder eine Möglichkeit zu kochen exklusive. Als eines Tages das Haus vernagelt war, hatte er nur noch das bei sich, was er am Körper trug. Das bedeutete für ihn, den Weg zurück in die Heimat anzutreten.

Ercans Geschichte ist kein Einzelfall. Das zeigen die überbelegten Wohnungen, die das ARD-Team mit einer Taschenlampe als Kameralicht betreten. Das zeigen auch die Videos und Fotos, die Armutsflüchtige machen. Sie sind es auch, die den Reportern erste Hinweise auf das System hinter der Einwanderung aus Bulgarien und Rumänien geben. Viele Vermieter sind gleichzeitig Arbeitsvermittler. 25 Euro verdienen die Einwanderer pro Monat, erhalten zum Beispiel eine Übernachtungsmöglichkeit in einem Keller und bekommen wenige Lebensmitteln von den Vermietern.

Als einen dieser Arbeitsvermittler entdecken die Reporter Ramazan Kral. Der Türke gibt sich in der Dortmunder Nordstadt als Ansprechpartner für die Roma aus Bulgarien und Rumänien aus. Der Film zeigt ihn immer wieder im Gespräch mit den Einwanderern, die fließend Türkisch sprechen. Kral leugnet, sich an dem Elend der Menschen zu bereichern. Als er mit der Anschuldigung konfrontiert wird, Matratzen zu vermieten, reagiert er wütend. Die Häuser, die rings um seinen Kiosk in Dortmund stehen, sind zum Großteil überbelegt.

Vermieter kassieren das Vierfache der normalen Mieten

Eine Vermieterin, die lange in der Kommunalpolitik tätig war, kennt die Quadratmeterpreise in der Nordstadt und rechnet vor, was ein Vermieter an einer überbelegten Immobilie verdienen kann. Zahlen in einer Wohnung mit 50 Quadratmetern jeweils acht Personen 150 bis 200 Euro, nimmt der Vermieter zwischen 1200 und 1600 Euro ein. Normal wäre eine Miete von 330 Euro für eine ähnliche Wohnung.

Doch nicht nur Vermieter und kleine Arbeitsvermittler profitieren laut Isabel Schyani von den Einwanderern aus Osteuropa. Auch große Betriebe, wie der von Clemens Tönnies in Rheda-Wiedenbrück beschäftigen per Werkvertrag Arbeiter aus Bulgarien. Bei einer Werksbesichtigung geben Arbeiter zu, dass sie weit mehr als zehn Stunden am Stück arbeiten. Die Beschäftigten arbeiten für einen Subunternehmer, der wiederum Verträge mit Tönnies schließt. Eine Ärztin und eine ehemalige Beschäftigte erzählen, dass der Druck enorm sei, von den Subunternehmern wieder in die Heimat geschickt zu werden. Dafür nehmen einige auch Verletzungen in Kauf. Ganz legal profitieren Tönnies und sein Unternehmen von den Einwanderern, sagt die ARD.

Die Heimat ist geprägt von Müll und Elend

Auch die Gesundheit von Ercan Tudolov hat durch sein Vorhaben nach Deutschland zu kommen gelitten. Wieder in dem Ort Stoliponovo in Bulgarien angekommen, hat er eine Leberentzündung erlitten und viel abgenommen. Doch er will es bei besserer Gesundheit wieder in Deutschland versuchen, hier kann er nur 10 Euro im Monat als Fensterputzer verdienen.

Die Bilder des Ortes Stoliponovo erinnern den Zuschauer an Townships in Südafrika oder Favelas in Brasilien. In einer Siedlung leben in Stoliponovo allein 50.000 Roma. Der Ort ist geprägt von Müllbergen. In Stoliponovo trifft das Filmteam auch auf Ramazan Kral, der hier nach eigener Aussage Freunde und Bekannte besucht.

Für die EU zählen Statistiken, keine Schicksale

Das Problem der Armutsflüchtlinge ist jedoch nicht nur eines, was durch einen Markt ganz unten geregelt wird, sondern auch eines, das Profiteure und Verlierer auf ganz anderen Gebieten hat. Bulgarien und Rumänien sind EU-Mitglieder, ab 2014 gilt für Rumänen und Bulgaren die vollständige Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU.

Doch was tut die EU gegen Ausbeutung der Wanderarbeiter und Armutsflüchtlinge? Laszlo Andor, EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Integration aus Ungarn, hat zu dem Thema seine ganz eigene Meinung. Seiner Meinung nach sei die Beschäftigungsrate der Einwanderer aus Osteuropa im Vergleich höher als die in den jeweiligen Einreiseländern. Zudem würden diese Einwanderer weniger Sozialleistungen beziehen als Einheimische.

Kommunen wirken hilflos und unfähig

Für Kommunen wie Dortmund, Duisburg, Köln, München und Berlin dürfte die Äußerung von Andor wie ein schlechter Scherz klingen. Haben sie doch mit zunehmendem Verfall einzelner Stadtteile, einem höheren Aufwand für Polizisten und Ordnungskräfte und mit einem teils schlechten Image zu leben. Auch die Verantwortlichen in Dortmund wirken in dem ARD-Film mindestens ratlos, wenn nicht sogar unfähig, dagegen zu handeln.

Birgit Zörner, Sozialdezernentin in Dortmund erklärt: "Die Stadt geht gegen Verstöße und Anzeigen vor." Doch von 60 überbelegten Häusern in der Stadt sind bisher erst drei genau überprüft und geschlossen worden. Hinter vielen der Häuser steht eine Gesellschaft namens DEUGE, deren Muttergesellschaft in Dänemark sitzt. Sie bietet reizvolle Renditen auf Immobilien in Dortmund an. Verwalter der Immobilien ist ein Mann aus Dortmund. Er sitzt in der Dokumentation mit Ramazan Kral an dessen Kiosk und bedankt sich für dessen Hilfe bei der Verwaltung und bei Transporten.

Die Dokumentation "Deutschlands neue Slums" in der ARD-Mediathek.

Hier geht es zur Bilderstrecke: ARD-Doku zeigt "Deutschlands neue Slums" in Dortmund

(ac)