Düsseldorf: Der WDR im Osten

Düsseldorf: Der WDR im Osten

Zur Primetime talkt Jörg Thadeusz bei WDR 2. Nur der viel gepriesene Westen kommt in der Sendung selten vor.

Der Slogan ist markig: "WDR 2 - Wir sind der Westen." Weniger Anspruch auf eine Region kann man kaum vermitteln. Wer regelmäßig zur Primetime die zweite Welle des Westdeutschen Rundfunks (WDR) einschaltet, der wähnt sich allerdings nicht im Westen, sondern im Osten. Genauer: in Berlin. Denn wo normalerweise Orte wie Bottrop, Wuppertal und Münster genannt werden, geht es häufig eine Stunde lang immer nur um Menschen aus der Hauptstadt.

Grund dafür ist Moderator Jörg Thadeusz: Seit September 2016 moderiert er für den WDR, seit Mai dieses Jahres ist er mit seinem gesellschaftspolitischen Talkformat montags bis donnerstags von 19 bis 20 Uhr auf Sendung. Der gebürtige Dortmunder werde darin über Themen sprechen, die "täglich den Westen bewegen" und "den inhaltlichen Tiefgang erzeugen, der den Anspruch von WDR 2 als die journalistische Welle unter den WDR-Breitenprogrammen unterstreicht", erklärte der Sender damals.

Tiefgang hat die Sendung ohne Frage, nur legt sie sehr selten in NRW an, wie ein Blick in die Gästelisten der letzten Sendungen zeigt: Schauspielerin Dorka Gryllus pendelt etwa zwischen Berlin und Budapest, Schriftstellerin Irene Dische zwischen New York und Berlin. Kristina Marlen ist Sexarbeiterin in Berlin. Thorsten Faas ist Professor der Freien Universität Berlin. Corinne Luca Bloggerin aus Berlin, Eric Wrede Bestatter in Berlin, Haiko Ackermann Verkehrspsychologe in Berlin. Dazwischen viele Bundespolitiker (aus Berlin) und Journalisten (mit Bezug zu Berlin). Es stellt sich die Frage, warum Thadeusz nicht mit Bloggern und Bestattern aus Köln oder Kamp-Lintfort spricht. Warum nicht Verkehrspsychologen aus Bochum zu Wort kommen oder eine Sexarbeiterin aus Paderborn? Hat ein Bundesland mit knapp 18 Millionen Einwohnern keine Gesprächspartner zu bieten?

Jörg Thadeusz lebt in Berlin und ist auch für den Sender Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) tätig. Die Sendung kommt deshalb, so bestätigt der WDR auf Anfrage, häufig aus einem ARD-Studio in der Hauptstadt, "wo es leichter ist, Interview-Zusagen von Entscheidern sowie prominenten und relevante Gäste aus Politik, Kultur und Wirtschaft zu bekommen". Zudem komme die Sendung auch regelmäßig aus Köln - zum Beispiel vergangene Woche mit Annette Frier als Gast.

"WDR 2 ist das Radio für den Westen: Wir sind ein weltoffenes, populäres Informationsprogramm mit dem Blickwinkel, von Nordrhein-Westfalen aus auf Deutschland und die Welt zu schauen; egal, wo das Studio steht, aus dem wir senden", so verteidigt sich der Kölner Sender. Thadeusz sei gebürtiger Dortmunder, mit langer WDR-Erfahrung unter anderem bei 1Live. "Er kennt Nordrhein-Westfalen sehr gut, politisch und wirtschaftlich, und er weiß vor allem auch, wie die Leute hier ticken und was sie interessiert." Dieser NRW-Zungenschlag sei in jeder Sendung herauszuhören. Zudem hätten viele Gäste einen NRW-Bezug, selbst wenn sie nicht mehr hier wohnen - auch das stelle der Moderator regelmäßig heraus. Dieser Bezug wirkt allerdings manchmal arg bemüht. Wie zum Beispiel wenn Thadeusz Wilfried Gräfling interviewt. Dieser ist Chef der größten Feuerwehr Deutschlands - die sich übrigens in Berlin befindet -, aber der Landesbranddirektor stammt aus der Nähe von Gelsenkirchen. Immerhin.

"Bei WDR 2 sende ich für ein aufregendes Land", so zitierte der WDR Jörg Thadeusz, als er dessen Engagement bekanntgab. Der Moderator lobte auch die meisten hochklassigen Fußballvereine, schlaue, sympathische Weltmarktführer in Schmallenberg oder Kirchhundem, eine der schönsten Musikhochschulen in Detmold und den besten Kuchen Deutschlands in Castrop-Rauxel. "Darauf kann man sich in der Summe nur freuen." Darüber reden mag er anscheinend nicht.

(mso)