ARD-Drama "Mord in Eberswalde": Der verheimlichte Serienmörder der DDR

ARD-Drama "Mord in Eberswalde": Der verheimlichte Serienmörder der DDR

Ein Fall, der in die Kriminalgeschichte einging: Die ARD hat die Geschichte des 16-jährigen Eberswalder Kindermörders Erwin Hagedorn aus den 1970er Jahren in einem packenden Drama verfilmt.

Erwin Hagedorn ist gerade einmal 16 Jahre alt, als er am 31. Mai 1969 zwei neunjährige Schüler ermordet. Erst zwei Wochen später finden Forstarbeiter die Leichen von Henry und Mario in einem Wald bei Eberswalde unweit von Ost-Berlin. Die DDR-Polizei tappt monatelang im Dunklen. Hagedorn wird erst gefasst, als er 1971 einen dritten Jungen ermordet.

Der Fall ging in die Kriminalgeschichte ein: Mit der Erschießung von Hagedorn wurde in der DDR das letzte Todesurteil in einem zivilen Fall vollstreckt. Der Film "Mord in Eberswalde" (Mittwoch, ARD, 20.15 Uhr) zeichnet den spektakulären Kriminalfall nach.

Die Ermittler ließen während ihrer Suche nach dem Mörder Fahndungsplakate drucken und Suchmeldungen in der örtlichen Presse schalten. Zu DDR-Zeiten eine ungewöhnliche Maßnahme, die zeigt, wie verzweifelt die Suche gewesen sein muss. Doch auch nachdem die Leichen der beiden Neunjährigen gefunden worden waren, gab es keine Spur zu dem Mörder. Die Ermittler ließen daraufhin erstmals von einem Gerichtspsychiater ein Täterprofil erstellen. Das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) forderte zusätzliches Material über Kindermörder aus der Bundesrepublik an. Das Ergebnis: Der Täter sei ein pädophiler Blutsadist, der professionell mit Messern umgehen kann.

Was die Ermittler zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten: Der Gesuchte, Erwin Hagedorn, lebte nicht weit vom Tatort entfernt mit seinen Eltern auf einem Hof und machte eine Kochlehre in der Bahnhofsküche. Zwei Jahre ging er unauffällig seiner Arbeit nach. Er beteiligte sich sogar an den Diskussionen um den unauffindbaren Kindermörder. Er trat in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) ein und fing an, Theater zu spielen.

Hagedorn gesteht - regungslos

Doch am 9. Oktober 1971 konnte er sich offenbar nicht mehr zurückhalten. Hagedorn fuhr in den gleichen Wald wie zwei Jahre zuvor und suchte sein nächstes Opfer. Auf einer Lichtung erstach er den zwölfjährigen Ronald. Einen Tag später wurde die Leiche gefunden. Die Polizei nahm die Ermittlungen wieder auf. Sie befragte nun auch Schulklassen — mit Erfolg. Ein Schüler gab an, beim Skilaufen von einem jungen Mann belästigt worden zu sein. Aus Scham und Angst habe er geschwiegen. Mit Hilfe von Passfotos aus der Personalausweiskartei identifizierte er Hagedorn.

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Als man ihn festnahm, wirkte Hagedorn fast erleichtert. Ohne Gefühlsregung gestand er die Morde. Im anschließenden Prozess schilderte er detailliert, wie er sich an den toten Jungen vergangen hatte. Ein Filmteam hielt fest, was er berichtete und an den Originalschauplätzen mit Schauspielern demonstrierte. Den Ermittlern wurde klar: Hagedorn hatte nicht aus Affekt getötet, sondern die Kinder gezielt in Fallen gelockt.

Gerichtspsychiater stellten die Zurechnungsfähigkeit von Hagedorn fest. Sie empfahlen eine Sicherungsverwahrung. Doch der Generalstaatsanwalt beantragte die Todesstrafe, die bereits damals umstritten war — vor allem in den 70er Jahren, als es um die diplomatische Anerkennung der DDR ging.

Abschiedsbrief wurde Eltern vorenthalten

Dennoch wurde Hagedorn wegen mehrfach vollendeten (in drei Fällen) und mehrfach vorbereiteten Mordes (in acht Fällen) sowie sexuellen Missbrauchs von Kindern zum Tode verurteilt. Ein Berufungsverfahren blieb — ebenso wie ein Gnadengesuch der Eltern — erfolglos. Das Urteil wurde am 15. September 1972 gemäß der "Geheimen Verschlusssache 02014 durch einen unerwarteten Nahschuss" vollstreckt. Die Eltern erhielten weder Nachricht von der Einäscherung ihres 20-jährigen Sohnes noch seinen Abschiedsbrief. Das Urteil wurde klein in einer Zeitung gemeldet, Hagedorn an einem geheimen Ort begraben.

Die Hinrichtung blieb strittig, da Hagedorn bei den ersten Morden nicht volljährig war. Doch im Prozess schockierte der Mörder mit der nüchternen Schilderung der Taten, so dass sich die Juristen der Unterstützung des Volkes sicher sein konnten — wenn auch nicht der des Gesetzes. Im Urteil heißt es: "Der Angeklagte hat das Recht verwirkt, in dieser unserer humanen Gesellschaft zu leben."

(RP)
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