TV-Kritik "Tatort": Der überflüssige Skandal ums tote Baby

TV-Kritik "Tatort": Der überflüssige Skandal ums tote Baby

Düsseldorf (RPO). Ein toter Säugling liegt auf der Bahre. Die Gerichtsmedizinerin greift zum Skalpell, setzt zum Schnitt an. Die Kommissare gucken entsetzt zur Seite. Die Zuschauer hören das Geräusch des Schnittes. Diese Szene des Tatort "Der frühe Abschied" sorgte im Vorfeld für Aufsehen, der Boulevard machte einen Skandal aus. Der intensive Film hat jedoch eine andere Betrachtung verdient.

Die Handlung: Der junge Vater Patrick (Tom Schilling) kommt nach der Arbeit nach Hause. Seine Frau Tamara (Lisa Hagmeister) sitzt schreiend auf dem Bett, eines seiner Kinder liegt tot im Bett. Patrick ruft die Polizei, verdächtigt seine augenscheinlich überforderte Frau, den Säugling getötet zu haben. Kommissarin Sänger (Andrea Sawatzki) ergreift leidenschaftlich Partei für die Mutter, die bereits ein Kind verloren hat.

Für den Kollegen Dellwo (Jörg Schüttauf) hingegen ist klar: Die Mutter ist schuld. Die Frage, ob es sich um Mord oder plötzlichen Kindstod handelte, wird auch am Ende nicht restlos aufgeklärt. "Der frühe Abschied" endet mit einer scheinbar versöhnlichen Szene. Die junge Familie findet zusammen, singt ihr verbliebenes Kind liebevoll in den Schlaf.

Den Machern des Hessischen Rundfunks ist eine eindringliche und verstörende Studie gelungen. Sie zeigen ein junges Elternpaar, das an einem Schrei-Kind fast zu verzweifeln droht. Der Zuschauer sieht alltägliche Abgründe im kargen Hochhaus. Emotionale und menschliche Überforderung allenthalben.

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"Der frühe Abschied" lebt vom Streit der beiden Kommissare. Die etwas verhuschte Kommisarin Sänger, die der Mutter vertraut, ohne selbst die Gründe dafür zu kennen. Ihr Kollege Dellwo, der sofort das Jugendheim einschalten will. Die Frage: Wann müssen sich Behörden einschalten, um Kinder zu schützen? Wann haben junge Eltern eine zweite, vielleicht sogar dritte Chance verdient? Der Film liefert keine Antworten, zeigt die nackte Realität. Beim Zuschauer bleibt ein beklemmendes Gefühl zurück. Ist das Baby bei diesen Eltern wirklich sicher? Wie hätte man selbst gehandelt?

Darin liegt die Stärke dieses "Tatorts". Schade, dass die Szenen der Baby-Obduktion die Diskussion in der Öffentlichkeit bestimmen. "Der letzte Abschied" hätte eine andere Betrachtung verdient. Zumal die Szene in der Gerichtsmedizin dramaturgisch verzichtbar erscheint.

Hier geht es zur Bilderstrecke: "Der frühe Abschied"