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Der heftige Tatort "Blind Date" und der echte Fall Ethan Couch

„Tatort“-Nachlese : Lesbischer Sex und eine Rabenmutter, Bonnie & Clyde und Ethan Couch

Der dritte Fall von Heike Makatsch als Ellen Berlinger war stark; gekonnt zitierte er Kriminalfälle und Filme. Umso ärgerlicher, dass die Ermittlerin in „Blind Date“ eine private Entscheidung traf, die alles überschattet.

Worum ging es? Rosa Münch ist, wie jeder Mensch, vieles zugleich, unter anderem ist sie 24 Jahre alt, Jura-Studentin und blind. In der Anfangsszene von „Blind Date“ ist das gut für sie, weil das Pärchen, das einen Tankstellen-Kassierer erschießt, sie nicht als Gefahr einstuft und am Leben lässt. Schlecht ist es für Berlinger (Heike Makatsch) und Rascher (Sebastian Blomberg). Doch schnell ändern sich die Vorzeichen: Münch ist als Zeugin nicht so wertlos, wie die Ermittler zunächst befürchten – im Gegenteil. Ihr Gehör ist sehr gut, ihr Gesuchssinn exzellent. So findet sie ein entscheidendes Puzzleteil: Die Täterin trug ein sündhaft teures Parfum mit einer unverwechselbaren Note von Oud. Gemeint ist natürlich nicht die recht geruchsneutrale orientalische Laute, sondern der Duftstoff aus dem Harz des Adlerholzbaums. Das Fläschchen mit dem edlen Stoff hat Berlinger hoffentlich auf die Spesenrechnung gesetzt. Über dieses Parfum stößt die Zeugin auf die Täterin – und zwar, weil Letztere sich von Rosa finden lassen will, um sie unter ihre Kontrolle zu bekommen. Die Fahnder sind weitestgehend machtlos, denn Rosa hat jedem Polizeischutz energisch widersprochen.

Worum ging es wirklich? Um die Einsamkeit von Rosa Münch (Henriette Nagel). Die junge Frau hat - aller Cleverness und allem Humor zum Trotz - keine Freunde und kein Liebesleben. Genauer gesagt hat sie überhaupt kein Leben im engeren Sinne. Mühsam hat sie sich das Recht erkämpft, studieren gehen zu dürfen. Aber mehr ist nicht drin – nicht wegen ihrer Blindheit, sondern weil ihre Eltern sie kleinhalten. Besonders ihr Vater (Rainer Furch) vergeht vor Sorge und will sicher das Beste für seine Tochter, doch der altbekannte Zielkonflikt zwischen Sicherheit und Freiheit wirkt sich hier verheerend aus: Rosa stürzt sich ins Abenteuer mit Sophie Hansen (Anica Happich), die stets auf der Jagd ist nach „Serotonin, Adrenalin, Dopamin“. Aus Romantik wird schnell Erotik, dann geht das Sexuelle über ins Kriminelle. Alles bricht aus Rosa heraus: Ihren Vater attackiert sie so hinterhältig, dass der dabei hätte sterben können. Und vor lauter Langeweile und Lebensdurst erpresst sie schließlich die Kinder reicher Eltern, beim nächsten Überfall dabei sein zu dürfen...

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Was war toll? Die Grundidee, die Besetzung, der Mut zu anderer Sprache – so viel Englisch mit deutschen Untertiteln und auch so viele Vulgärausdrücke kann man dem Zuschauer schon zumuten. Nette Verweise auf Quentin Tarantinos Femme-fatale-Figuren in „Pulp Fiction“ und „Kill Bill“. Besonders beeindruckend der pure Zorn von Berlinger und Rascher auf die Schmalspur-Version von Bonnie und Clyde („Ihr seid ein Debakel für die Menschheit!“), die vor lauter Wohlstandsverwahrlosung Tankstellen ausrauben und dabei Unschuldige ins Verderben ziehen, traumatisieren, teils auch töten. Klasse auch der explizite Verweis auf den realen Fall Ethan Couch.

Was war der Fall Ethan Couch? Als 16-Jähriger baute der Texaner 2013 im Alkohol- und Drogenrausch einen Unfall, der für vier Menschen tödlich endete; neun weitere wurden teils schwer verletzt. Die Strafe war ein Justizskandal: Zehn Jahre Bewährung und ein bisschen Entzug. Augenscheinlich wurde die Doppelmoral der Richterin: Jean Hudson Boyd hatte wenige Jahre zuvor einen anderen 16-Jährigen wegen eines Unfalls unter Alkoholeinfluss mit einem Toten verurteilt – zu zwanzig Jahren Haft. Jener Angeklagte hatte keine Lobby, war der afroamerikanisch und arm. Ethan Couch hingegen war weiß und so reich und verwöhnt, dass er der Argumentation seiner Anwälten zufolge faktisch als schuldunfähig gelten müsste. Couch war schon als 13-Jähriger mit dem Auto zur Schule gefahren – auf Kritik daran hatte sein Vater gedroht, er könne die Schule auch kaufen. Je mehr man über den Fall liest, desto übler wird einem.

Was war zum Vergessen? Berlinger hat keine besondere Begabung zum Muttersein, aber gemeinsam mit ihrer Cousine und den Erzieherinnen in der Kita kümmert sie sich um ihre Tochter Greta. So weit, so ausreichend für die ja offenbar alternativlose private Nebenhandlung. Doch plötzlich steht ihr Ex vor der Tür, Gretas Vater, ein cooler Musiker mit angeblicher Bilderbuch-Familie back home in England. Nach gefühlt einem Tag bietet er Berlinger an, Greta mit zu sich zu nehmen – und steigt wenig später tatsächlich mit ihr ins Taxi gen Flughafen. Denn die Ermittlerin, die einst schon ihre erste Tochter weggegeben hatte, schwankt zwischen Schuldgefühlen, Selbstmitleid und großer Erleichterung. Das soll wohl schockieren, die Sympathie des Publikums für Berlinger auf die Probe stellen, vielleicht auch eine Debatte provozieren. Aber als Nebenhandlung war dieser Hammer eine herzlich schlechte Idee. Doppelt ärgerlich in diesem ansonsten starken Film, dessen größter Schwachpunkt der Zeitpunkt seiner Ausstrahlung ist – zu kurz nach dem erschütternden Mord an einem jungen Tankstellen-Kassierer durch einen Masken-Gegner in Idar-Oberstein.