Der Hamburger „Tatort“ Querschläger mit Wotan Wilke Möhring ist nicht besonders spannend

Neuer Hamburg-„Tatort“ : Töten, um zu leben

Der neue Hamburger „Tatort“ mit Wotan Wilke Möhring am Sonntagabend ist nicht besonders spannend – aber gegen Ende immerhin dramatisch. Davor eignet sich „Querschläger“ eher so als Nebenbeibeschallung.

Eine Autobahnraststätte in der Nähe von Hamburg. Die Polizei kontrolliert einige Lkw, dazu sieht man Polizisten, die auf Reifen starren. Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) reisen ebenfalls zu diesem Anlass an, wobei nicht ganz klar wird, warum. Ein Lkw-Fahrer ignoriert die angezeigte Kontrolle und fährt bis zu den Parkplätzen weiter, die vom angrenzenden Waldstück bestens einsehbar sind. Er habe, sagt der Fahrer zur Begründung, Durchfall. Dann wird geschossen.

Ein Heckenschütze hat es auf den Lastwagen abgesehen, er schießt auf die Ladung, dann auf den Reifen. Von der Radkappe prallt das Projektil ab und trifft den Fahrer eines anderen Lkw, mit schlimmen Folgen – der Mann stirbt. Und da die Kommissare Falke und Grosz ja schon da sind, können sie in diesem „Tatort“ des NDR direkt beginnen zu ermitteln.

Das ist für die Polizisten spannender als für die Zuschauer. Denn für die ist recht schnell klar, wer der Heckenschütze ist: Steffen Thewes (super: Milan Peschel), Beamter beim Zoll und Vater der todkranken Sara (Charlotte Lorenzen). Es geht in diesem Kriminalfilm also nicht um die berühmte Frage nach dem Wer, sondern um das Warum. Aber auch darauf findet der Zuschauer relativ schnell eine Antwort. Der Film namens „Querschläger“, der sechste „Tatort“ mit Möhring, zieht sich mitunter etwas. Manchmal auch etwas mehr.

Die letzte Hoffnung für Thewes Tochter wäre eine aufwendige und sehr teure Operation in den Vereinigten Staaten. Doch der Familie fehlt dafür das Geld. Ihre Website listet nicht viel mehr als 30.000 Euro eingeganger Spenden auf, nötig wären aber: 300.000 Euro. Vater und Tochter sind ein enges Team. Auf Fotos im Kinderzimmer sieht man sie auf Konzerten und Ausflügen. Für Thewes ist das Leid seiner Tochter nicht zu ertragen. Die sagt ohne jede Hoffnung: „Weihnachten bin ich tot.“

Er sucht also nach Einnahmequellen, aber da hat es der Zollbeamte nicht ganz leicht. Ihm sind aber zwielichtige Umtriebe bei der Spedition von Cem Aksoy (Eray Egilmez) aufgefallen, weshalb er auf die Idee gekommen ist, diesen zu bedrohen. Mit den Schüssen auf den Lkw der Spedition und auf den Fahrer – Aksoys Bruder Efe (Deniz Arora) – will er die 300.000 Euro erpressen. Doch Aksoy will einfach nicht bezahlen. Es ist absehbar, dass Thewes Erpressungsfeldzug aus dem Ruder läuft. Und das tut er auch.

Falke und Grosz kommen auf Thewes, weil er das teure Schmerzmittel aus den Staaten für seine Tochter am Tatort verloren hat. Nur ein Arzt in Hamburg vertreibt es unter der Hand, und zwar an die Familie Thewes. Das Leid der Familie, also der drohende Tod der Tochter, und die Schüsse des Vaters sind also eng verwoben. Er tötet, damit sie leben kann.

Für Freunde von Spannung ist dieser „Tatort“ nichts, für Freunde der angemessenen Nebenbeibeschallung durch den Fernseher schon eher. Gegen Ende aber, wenn man durchgehalten hat, wird es dramatisch. Der Konflikt, den dieser Film thematisiert, ist so groß, so schwer, dass es einem das Herz zerreißen kann.

„Tatort: Querschläger“, So., 20.15 Uhr, Das Erste

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