Mainz: Der Dämon in uns

Mainz : Der Dämon in uns

ZDFneo zeigt die US-Serie "Outcast", die in einer Kleinstadt in West Virginia spielt, ab heute als deutsche Free-TV-Premiere.

Die Kleinstadt erweist sich gerade in amerikanischen Fernsehserien immer wieder als trügerisch, ihre Idylle als Schein. Dies gilt auch für "Outcast", die Adaption einer Comicreihe von Robert Kirkman ("The Walking Dead") und Paul Azateca. Kirkman verfasste auch das Drehbuch für "Dämonen der Vergangenheit", die Pilotfolge der ersten, zehnteiligen Staffel.

Doch gleichzeitig geht es um mehr als nur um die Dekonstruktion einer spießbürgerlichen Fassade: So wie sich schon der Name des Handlungsortes Rome in West Virginia orientiert an einer Metropole, die seit Jahrtausenden staatliche wie geistliche Autorität beherbergt, so gigantisch, ja metaphysisch sind die Plagen der Einwohner des amerikanischen Ablegers. Sie spielen sich ab in Gefilden weit jenseits von Intrige, Eifersüchtelei und falschem Begehren.

Rome ist freilich kein Ort des Staunens und des weiten Panoramas. Schäbig ist es dort, selten richtig hell, verfallen an manchen Ecken - eine Seelenlandschaft von Menschen wie Kyle Barnes (Patrick Fugit). Er hat sich zurückgezogen in sein zugemülltes Haus nach einer ganzen Folge von Traumata, die sich erst nach und nach im Verlaufe der Handlung erschließen.

Seine Mutter, so verraten es die ersten beiden Folgen der Serie, war von einem Dämon besessen, den Kyle ihr gewaltsam auszutreiben versuchte. Seitdem liegt sie im Pflegeheim, während die Folgen dieser grausamen Erfahrung Jahre später auch Kyles neue Familie zertrümmern. Heute lebt er von Frau und Tochter getrennt, seine Adoptivschwester Megan Holter (Wrenn Schmidt) ist die Einzige, die ihn ab und zu aus seiner Lethargie reißt und den Kühlschrank mit Gemüse vollstopft.

So wie der Titel "Outcast" auf den Außenseiter Kyle anspielt, so wichtig ist das Motiv des Austreibens für Kyles weiteren Weg: Joshua, ein Junge aus dem Ort, leidet unter seltsamen Anfällen. Reverend Anderson (Philip Gleniste), ein desillusionierter Zocker mit Dreitagebart, versucht sich an einem Exorzismus. Kyle findet einen Grund, erneut aktiv zu werden - und weil der Dämon in Joshua Kyle zu erkennen scheint, findet dieser auch einen Grund, sich endlich vorsichtig aus der Isolation herauszutasten und nach dem oder denen zu suchen, die sein Umfeld terrorisieren.

Nun sind Besessenheit und Exorzismen mit ihren spekulativ-schockierenden Schauwerten eine Standardsituation des Horrorkinos. Deren Grenzverletzungen geben sich auch Kirkman und Regisseur Adam Wingard bisweilen hin - Verletzungen übrigens, die auffällig oft sehr menschliche, zivilisatorisch gesetzte Hygienegrenzen überschreiten: Kyles Mutter schmiert sich das Gesicht mit feuchter Erde voll. Doch die grausameren Zeichen der Besessenheit sind im Alltag versteckt - etwa in einer Familiensituation, in der die liebende Mutter in Sekundenschnelle zur rasenden Bestie werden konnte.

Dieser Horror ist der eigentliche, der zumindest die ersten Folgen von "Outcast" durchzieht. Sie sind mit großer Sorgfalt an der Psychologie, den Erinnerungen und Versehrtheiten der Figuren entlang inszeniert. So verwebt sich der Alltag mit dem Spirituellen, während die religiöse Erfahrung sich sehr gründlich profaniert zeigt: Reverend Anderson predigt, entsetzt vom Leiden Joshuas, nicht von Auferstehung und Erlösung, nicht von Gott oder Theologischem, sondern vom Bösen mitten unter uns.

"Outcast", ZDFneo, 22.30 Uhr

(kna)
Mehr von RP ONLINE