Der Bachelor 2019: Fuchs im hysterischen Hühnerstall

Kuppel-Show „Bachelor“ : Der Fuchs im hysterischen Hühnerstall

Die RTL-Sendung „Der Bachelor“ erzählt uns in den kommenden Wochen neue kreischende Geschichten von einem Schönling und seinen 20 Kandidatinnen. Unser Autor wird keine Folge verpassen.

Kein Mensch, den ich kenne, guckt diese Sendung. Niemand tut sie sich an. Jeder findet sie unter seinem Niveau. Ich wäre gern einer von ihnen, aber ich kann nicht anders: In den nächsten Wochen werde ich mittwochs um 20.15 Uhr auf RTL den „Bachelor“ einschalten, diese pyramidal konstruierte Selektionsshow, bei der in ungezählten „Nächten der Rosen“ eine junge Frau nach der anderen in die Wüste geschickt wird – bis am Ende die wahre große Liebe als Duett übrig bleibt (die in der Regel nicht mehr als ein paar Wochen hält oder direkt nach Dreh­ende storniert wird).

Diesmal befindet sich diese Wüste in Mexiko, wo der Kölner Sender küstennah seinen Hühnerstall errichtet hat, die „Villa der Ladies“. Dort herrschen andere Temperaturen als in Hannover, wo der diesjährige Fuchs, der Bachelor, lebt. Wegen der Hitze wird sich die Sendung in den kommenden Folgen mehr und mehr in einen animierten Spind­kalender verwandeln, der alle Frauen zumal in Meeresnähe bis zum Minimalismus entblättert. Im Wasser selbst werden die Damen zu Nixen, was uns an den antiken Philosophen Thales von Milet er­innert, der im Wasser bekanntlich das Urprinzip alles Stofflichen sah.

Das Objekt der Begierde hört auf den Vornamen Andrej, war mal Profi-Basketballer (das wissen die Frauen bereits), handelt jetzt mit Kaugummis (das wissen die Frauen noch nicht) und zählt zu jener Sorte Männer, die vornehmlich durch ihre glatte Haut, ihr dichtes Haupthaar, ihre Augenfarbe und ihre muskuloskelettale Performance bestechen: „Booaaahh, hat der Augen!“

Aus den Auftritten der Damen können wir sittentypologisch folgende Erkenntnisse ziehen.

  1. Gymnasium und Erwerb des Abiturs sind keine Garantie gegen jenes Vokabular untereinander, das aus Gassen und Gossen („Guck dir dieses Flittchen an!“) bekannt ist.
  2. Hysterie zählt – vor allem beim Erstkontakt mit dem Bachelor – offenbar zu den weiblichen Grund­eigenschaften, ebenso wie die Niedertracht, die Koketterie und der straflose Exhibitionismus.
  3. Bereits in der ersten Folge sind die Rollen klar verteilt, das Personal eines Mädchenpensionats ist vollständig vorhanden. Die Verruchte. Das Schandmaul. Die Überdrehte. Das Mauerblümchen. Die ehrliche Haut. Und natürlich die intellektuell unterbemittelte Oberweite.
  4. Die Kosten für Spachtelmasse und Malerfarbe als Hilfsmittel der kosmetischen Optimierung, Tarnung, Blendung und Täuschung gehen wieder einmal in die Tausende.
  5. Der liebe Gott ist entgegen allen Prognosen als Zufluchtsperson oder Projektionsfläche in der Stunde der Not nicht ausgestorben. Fast jede der Damen schrie, als sie den Bachelor durch die Fenster der Lieferantenlimousine erstmals sah, entweder „Oh mein Gott“, „Oh Gott“, „Gottogott“ oder „Gottchen“. Oder einfach nur „Gott“. Das lässt hoffen.

Und was haben wir auf der anderen Seite? Einen einfältigen, mangels besserer Ideen die Damen zum Alkoholkonsum auffordernden Beau, dessen holpriger Charme vieles offenbart, was im Ungesagten als Subtext mitschwingt. Über eine Dame urteilte er nach Art eines Gebrauchtwagenhändlers: „Sie macht einen guten Eindruck.“ Im Klartext: Für ihn ist sie eher uninteressant, doch mit Alufelgen und einem neuen Satz Winterreifen könnte er sein Urteil noch einmal überdenken.

Ein Held, wer sich hier zurechtfindet: die 20 „Bachelor“-Damen. Foto: RTL Mediengruppe

Ansonsten hat der Herr alle „Bachelor“-Phrasen verinnerlicht: Er möchte viel Spaß haben, aber doch eine Frau fürs Leben finden. Hier? Im Fernsehen? In einer von vorn bis hinten durchgelogenen und durchgetakteten, hirnrissigen, kapital uninteressanten Sendung? Jedenfalls tut er so. Nun, irgendwann wird er begreifen, dass ihn „Der Bachelor“ allenfalls zu einem C-Promi befördert. Auf diesem Weg wird der Fuchs durch sein Revier schnüren, Herzen brechen, Tränen trocknen, die Damen werden ganze Arien heulen und große Oper bieten. Das wiederum ist mein Revier. Deshalb gucke ich mir das an, sozusagen aus berufsmäßiger Redlichkeit – bis der Vorhang fällt und die letzte Rose sticht.

Hier geht es zur Bilderstrecke: So lief die erste Nacht der Rosen