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Italiens Berufstraum "Velina": Das "nackteste Fernsehen der Welt"

Italiens Berufstraum "Velina" : Das "nackteste Fernsehen der Welt"

Rom (rpo). Halbnackt auf dem Tisch des TV-Moderators zu tanzen ist für viele Italienerinnen ein Traum. Um diesen Job bewerben sich Zehntausende. Die Einstellungskriterien: Die Mädchen müssen nicht reden können, aber schön sein.

20.30 Uhr, kurz nach den Abendnachrichten des größten italienischen Privatsenders Canale 5: Zwei Mädchen in kurzen Hot Pants und knappen Hemden tanzen auf einem Schreibtisch. Dahinter räkeln sich zwei ältere Herren. Einem von ihnen gehört das Schoßhündchen Willy. Direkt neben Willy hocken sich die beiden Mädchen hin. Bauch, Beine und Busen sind immer in Augenhöhe der Moderatoren und der bis zu neun Millionen Fernsehzuschauer. Jeden Abend beginnt mit dieser Szene die beliebteste Sendung im italienischen Fernsehen, die Satireshow "Striscia la Notizia" (gestreifte Nachricht).

"Ich habe geschafft, wovon jedes italienische Mädchen träumt: einmal Velina sein", sagt Giorgia Palmas (20), eine der beiden Schreibtisch-Tänzerinnen der Sendung. Tatsächlich ist "Velina" (was in etwa "durchsichtiges Nachrichtenblatt" bedeutet) der wohl gefragteste Job Italiens: 10.000 Mädchen hatten sich im Vorjahr neben Giorgia Palmas und ihrer jetzigen Kollegin beworben, um Velina zu werden. "Sie müssen nur schön sein", sagt die 58-jährige Castingchefin Gianna Tani. Intellektuelle Fähigkeiten sind nicht gefragt. "Reden müssen sie vielleicht später einmal".

Hundert Mädchen zeigen nackte Haut

Etwa hundert Mädchen sind bei den italienischen Sendern angestellt, um hauptberuflich viel nackte Haut zu zeigen. Auch im staatlichen Sender Rai Uno treten täglich im Vorabend-Quiz "L'Eredità" (Die Erbschaft) leicht geschürzte Mädchen auf. "Und jetzt unsere Giovanna: La scossa!" ruft der Moderator mit dem Künstlernamen Amadeus. Er zwinkert verschwörerisch in die Kamera. Dann unterbricht eine Schönheit in Bikini und durchsichtigem goldfarbenen Paillettenkleid die Raterunde und tanzt ihre "scossa", den "Erdstoß". Die Kamera wackelt, und Giovanna wackelt auch. Das Ganze dauert 20 Sekunden.

Noch ausführlicher präsentieren sich die Modelle im Minirock in der sechs Stunden langen Sonntags-Talkshow "Buona Domenica", ebenfalls im Berlusconi-Sender Canale 5. Dort dürfen sie als "Microfonine" (Mikrofönchen) aushelfen. In der täglichen Canale 5- Rateshow "Passaparola" heißen die Mädchen "Letterine" (Buchstäbchen).

Veline werden zu Berühmtheiten

Doch nur die zwei Veline bei "Striscia la Notizia" werden zu nationalen Berühmtheiten und angebeteten Sex-Symbolen. Schon das Casting für die Veline wird live im Fernsehen übertragen. Eine Mailänder Firma hat in dieser Woche gar die erste Modeserie im Veline-Stil vorgestellt. Als Giorgia Palmas' Velina-Vorgängerin Elisabetta Canalis mit 23 Jahren in Pension ging, schalteten trauernde Fans in der angesehenen Mailänder Zeitung "Corriere della Sera" für über 11 000 Euro eine Anzeige: "Begeistert von ihren großartigen Auftritten übermitteln wir Ely unsere tiefste Dankbarkeit für die Freude und die Liebe, die sie uns geschenkt hat."

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Zum Trost hat Canalis einen Nackt-Kalender auf den Markt gebracht, der reißenden Absatz fand. Die Kalender sind unverzichtbar für die weitere Karriere im Showgeschäft. Ein weiterer Schritt zum Ruhm ist dann meist eine Beziehung mit einem Fußballer. Fast täglich melden die Klatschsendungen neue Affären zwischen Fußballstars und Fernsehmädchen. Nationalspieler Francesco Totti liebt etwa die langhaarige Letterina Ilary Blasi. Canalis war längere Zeit mit dem Star-Kicker Christian Vieri zusammen.

Bei den ausländischen Kritikern kommt das italienische TV nicht gut weg. "Die Italiener sind besessen von nacktem Fleisch", spottete jüngst die "New York Times". "Meine italienische Fernsehhölle", titelte kurz und bündig die "Financial Times". Auch viele Italiener kritisieren die allgegenwärtigen freizügigen Mädchen in den TV- Sendungen. Dennoch haben diese Programme jeden Tag die besten Einschaltquoten. "Eine einzige Schande, wir haben das nackteste Fernsehen der Welt", ärgert sich die römische Theaterschauspielerin Magda Mercatali. Und wenn ihre Tocher Velina werden wollte? "Zwei Ohrfeigen und basta!" sagt die 58-Jährige.