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Dokumentarfilm "Der Sturz": Das eigenartige DDR-Bild der Margot Honecker

Dokumentarfilm "Der Sturz" : Das eigenartige DDR-Bild der Margot Honecker

Es ist eine Dokumentation über jenen Mann, der mit der DDR unterging: Erich Honecker. Doch die eigentliche Geschichte wird in dem Film "Der Sturz" zur Nebensache. Verdrängt durch das darin enthaltene Interview mit seiner Witwe, Margot Honecker. Einer Frau, die mit einem Lächeln das Unrechtssystem verteidigt und zugleich verbittert wirkt.

"Für mich war die DDR mein Leben", sagt Margot Honecker in dem Dokumentarfilm der ARD. "Es ist eine Tragik, dass es dieses Land nicht mehr gibt." Bereits die ersten Worte der ehemaligen Volksbildungsministerin der DDR lassen erahnen, dass diese Frau noch immer in der Vergangenheit lebt. In jener Zeit, als sie und ihr Mann Erich Honecker an der Spitze eines Regimes standen, in dem Menschen beim Fluchtversuch erschossen und tausende bespitzelt worden waren.

Zwei Jahre, so heißt es in dem Film, habe man sich um ein Gespräch mit Margot Honecker bemüht. Schließlich darf Dokumentarfilmer Eric Friedler das Interview in Chile, der neuen Heimat der "blauen Hexe", wie sie vom Volk genannt wurde, führen — ohne Einschränkungen hinsichtlich der Fragen. Sie wolle mit den Lügen aufräumen, die über sie und ihren Mann erzählt würden. Geschichten, die sie noch heute als westliche Propaganda sieht.

"Wir haben das nie persönlich genommen"

Der Film erzählt vom Aufstieg des Erich Honecker, dessen schwieriges Verhältnis zu Michail Gorbatschow, von den Wirren des Umbruchs und der Flucht des Ehepaares. Altkanzler Helmut Schmidt, Finanzminister Wolfgang Schäuble, ehemalige DDR-Politiker, Opfer des Regimes — sie alle kommen zu Wort und zeichnen nicht nur das Bild eines diktatorischen Staates, sondern auch des Mannes, der diesen jahrzehntelang führte.

"Er war einer der vielen, die dem Kommunismus angehangen haben und nicht rechtzeitig erkannten, dass ihre Praxis sich immer mehr von den Idealen entfernte", bemerkt etwa Helmut Schmidt. Er sei nicht sonderlich intelligent gewesen, sondern ein Mann, der gelernt hatte, sich taktisch zu verhalten. Und Lothar de Maizière, der letzte Ministerpräsident der DDR, bezeichnet ihn als Mann mit "schlichtem Gemüt" und "geringem Wortschatz".

Er sei ein sehr verschlossener Mensch gewesen, sagt Margot Honecker. Über seine Gefühle habe er nur wenig gesprochen, sie selbst habe vieles nur gespürt. "Erich hat bis zuletzt an alle geglaubt", sagt sie. Und ganz die einstige Staatsfrau ergänzt sie: "Wir haben das nie persönlich genommen. Wir haben das als Verrat an dem Land, an der DDR, an den Menschen gesehen."

Es wirkt, als sei ihr ein Lebenstraum abhanden gekommen, dessen Wirklichkeit sie ausgeblendet habe. Zwangsadoptionen? Gab es nicht. Marodes Wirtschaftssystem? Gab es nicht. Und in 20 Jahren hätten sie noch viel erreichen können. Politische Opfer? Gab es nur wenige, fast alle Inhaftierten waren Kriminelle. Und die Mauertoten? Die hätten ja nicht fliehen müssen.

Entschuldigung als nicht nötig erachtet

Nichts an diesem Staat sei verbrecherisch gewesen, die Menschen hätten in Frieden gelebt, eine Perspektive gehabt und - "ob ihr es glaubt oder nicht" — auch Mitspracherechte gehabt, redet sich Honecker die Diktatur schön. Eine Entschuldigung sei nicht nötig. Und immer wieder zeigt sie dabei ein schmales Lächeln auf ihren Lippen. Vor dem Interviewer steht eine noch immer wachsam und fit wirkende Frau mit einem verklärten Blick zurück. Man merkt ihr die Sehnsucht nach jenen Tagen an, als mit ihrem Mann an der Spitze des Staates stand. Nie habe sie den angeblichen Hass gegen sich gespürt, sagt sie.

Und man spürt deutlich, dass sie noch die eine oder andere Rechnung mit alten Weggefährten oder jenen, die sich über sie äußern, offen hat - auch wenn sie immer wieder betont, das Ehepaar habe das alles nicht persönlich genommen. Michail Gorbatschow etwa, der Mann, der sich so viel zusammengelogen habe. Gregor Gysi von der Linken, der "ein loses Mundwerk" habe und gar keine Ahnung von einer Diktatur, schließlich habe er in der angeblichen DDR-Diktatur ganz gut gelebt.

Es sind diese kleinen Spitzen und der Unterton in ihrer Stimme, die ihre Verbitterung und Wut zeigen. Eine Frau, die ihre 1500 Euro Rente als Schikane ansieht und die noch immer von "imperalistischer Propaganda" spricht. Im Kopf, so sagt Margot Honecker, sei sie noch immer in Deutschland, sie könne sich von dem Land einfach nicht lösen. Der Film aber zeigt vielmehr, dass sie sich von ihrer Illusion der DDR nicht lösen kann — und wohl auch niemals wird, genauso wie ihr 1994 gestorbener Ehemann.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Ein Orden für Margot Honecker

(das)