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Dokumentation "Töte zuerst!": "Beim Terrorismus gibt es keine Moral"

Dokumentation "Töte zuerst!" : "Beim Terrorismus gibt es keine Moral"

In der oscarnominierten Dokumentation "Töte zuerst!" äußern sich die sechs noch lebenden ehemaligen Chefs des israelischen Inlandsgeheimdienstes "Schin Bet" erstmals vor der Kamera. Sie berichten detailiert von der Geheimdienstarbeit seit dem Sechstagekrieg 1967 und kommen zu einem erstaunlichen Urteil.

Der schnelle Sieg im Sechstagekrieg von 1967, als die israelischen Streitkräfte einer deutlichen arabischen Übermacht innerhalb von wenigen Tagen eine totale Niederlage bereiteten, ist eine Zäsur in der Geschichte des Staates Israel. Seit dieser Zeit zeigt Israel eine Politik der Stärke, führt eine Null-Toleranz-Strategie gegen seine Feinde. Der Staat verfügt über Atomwaffen, fliegt Luftangriffe gegen verfeindete Regime und führt gezielte Tötungen gegen mutmaßliche Terroristen durch. Zu allen genannten Punkten gilt dabei stets: Es gibt keine Bestätigung, aber auch kein Dementi.

Mit dem Jahr 1967 beginnt auch die preisgekrönte Dokumentation "Töte zuerst!" (engl.: the gatekeepers) des israelischen Regisseurs Dror Moreh, an deren Produktion auch der NDR beteiligt war. Sie erklärt, wie durch die Besetzung des Westjordanlandes und des Gaza-Streifens der Inlandsgeheimdienst Schin Bet zu einer immer einflussreicheren Instanz im Land wird und sogar den berühmten Auslandsgeheimdienst Mossaf überflügelt.

Erzählt wird dabei aus der Sicht von den sechs noch lebenden ehemaligen Chefs des Schin Bet, die sich erstmals vor der Kamera äußerten. Das Erstaunlichste an dieser eindrucksvollen Doku ist dabei, wie offen, teilweise selbstkritisch und oft auch schonungslos sie den Fragen Morehs Rede und Antwort stehen. Gezielte Tötungen und Folter werden dabei ebenso nicht ausgespart wie Kritik an den Politikern.

Themen und Bildmaterial sind kein leichter Stoff, geben aber einen schockierenden Eindruck, in welchem Dilemma der Staat Israel steckt und zeichnen ein düsteres Bild seiner Zukunft. Die Kernfragen sind dabei, welche Methoden die einzige Demokratie im Nahen Osten anwenden darf, um sich zu verteidigen, welche moralischen Gesetze dabei gebrochen werden, und vor allem wie erfolgsversprechend die Vorgehensweise eigentlich auf Dauer ist.

Anhand konkreter Beispiele berichten die sechs ehemaligen Spitzenspione von Fällen aus ihrer Dienstzeit. Während sie ihr Handeln im Einzelfall eher noch rechtfertigen, kommen sie für die Zukunft aber zu ganz anderen Schlüssen.

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Beispiel eins: Nach einer Busentführung 1984 wird dem Schin-Bet Chef Avralom Shalom vorgeworfen, die Ermordung von zwei gefangen genommenen und damit wehrlosen Terroristen befohlen zu haben. "Weil ich die Terroristen nicht vor Gericht sehen wollte" und "beim Terrorismus gibt es keine Moral", sagt er dazu knapp 30 Jahre später vor der Kamera. Heute aber würde er sich mit jedem unterhalten und verhandeln, sogar mit Irans Präsidenten Ahmadinedschad.

Beispiel zwei: "So bekommen wir keinen Frieden, nicht nach Art der Militärs" sagt Avi Dichter heute. In seiner Amtszeit von 2000 bis 2005 ließ er eine tonnenschwere Bombe auf das Haus eines Terroristen in einem Wohngebiet im Gaza-Streifen werfen: Zwischen neun und 14 Unbeteiligte kamen dabei ums Leben.

Der Film berichtet auch von Anschlägen von Juden und der Ermordung des israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin durch einen jüdischen Fundamentalisten im Jahr 1995. Es wird deutlich, dass es auf beiden Seiten einflussreiche Gruppen gibt, die eine Einigung im Nahostkonflikt verhindern wollen und dafür bereit sind, blutige Anschläge zu verüben.

Der Schin Bet soll als Inlandsgeheimdienst jede Form von Anschlägen verhindern, setzt dabei seinerseits auch Mittel ein, die dazu beitragen, eine Spirale aus Hass und Gewalt ingangzuhalten. Bezug nehmend auf viele erfolgreich verlaufene Geheimdienstoperationen einerseits und den ungelösten Gesamtkonfliktes andererseits, bleibt dem Ex-Geheimdienstchef Ami Ayalon das Schlusswort der Doku vorbehalten: "Wir gewinnen jede Schlacht, aber den Krieg verlieren wir."

Hier geht es zur Bilderstrecke: "Töte zuerst!" - Eine oscarnomierte Israel-Dokumentation

(sap/csi)