Anne Will: Boris Jefimowitsch Nemzow - im Klima des Hasses ermordet

TV-Kritik Anne Will : Ein Mord im Klima des Hasses

Mit Boris Nemzow ist abermals ein Kritiker des Kreml auf mysteriöse Weise gewaltsam ums Leben gekommen. Anne Will nahm das zum Anlass zu fragen, wie gefährlich Opposition gegen Putin ist. Antworten darauf gab es aber nur am Rande. Vielmehr drehte sich der Talk um die Frage, ob der Mord jemals wirklich aufgeklärt wird.

Boris Nemzow ist nicht der erste Kreml-Kritiker, der hinterrücks ermordet wurde. Grund genug für Anne Will, in ihrem ARD-Talk der Frage nachzugehen, wie gefährlich man als Oppositioneller in Russland lebt. Eingeladen hatte sie dazu die frühere Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, Norbert Röttgen, den stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Linken, Dietmar Bartsch, sowie den langjährigen deutschen Korrespondenten in Russland Boris Reitschuster und den russischen Journalisten Dmitri Tultschinski.

Den Spekulationen, die direkt nach dem Tod Nemzows aufkamen und die Drahtzieher im Kreml vermuteten, bot die Runde allerdings schnell Einhalt — auch wenn Journalist Reitschuster, der Nemzow kannte, sie wohl gerne vertieft hätte. Doch die politischen Vertreter wollten sich darauf nicht einlassen — weder der Putin-Fürsprecher Bartsch noch die Kritiker Röttgen und Leutheusser-Schnarrenberger. Zum Glück, denn Reitschuster wirkte mitunter arg sensationslüstern.

Klima des Hasses

In einem Punkt waren sich die drei Vertreter der Politik zumindest schnell einig: dass die derzeitige Atmosphäre in Russland solche Taten durchaus begünstigt. Die frühere Justizministerin etwa, die bei Nemzows Beerdigung war, sprach von einem Klima des Hasses und der Diffamierung in den vergangenen Monaten, von dem ihr berichtet worden war - insbesondere angesichts des Ukraine-Konflikts.

Damit war die Eingangsfrage des Talks auch schon weitgehend abgehandelt. Was folgte, war der abermalige Versuch, Russland und seine politische Führung zu verstehen. Während Journalist Reitschuster versuchte, alles schlecht zu reden, übernahm sein russischer Kollege Tultschinski klar den Part des Verteidigers, der erklärte, die Presse in Russland sei frei und man dürfe durchaus Putin kritisieren.

Bartsch glaubt fest an Putin

Viel dazu tun musste Tultschinksi aber gar nicht, denn Bartsch übernahm seine Rolle durchaus mit. Während Röttgen und Leutheusser-Schnarrenberger wie so mancher deutscher Politiker wiederholten, dass sie Zweifel hätten, ob der Mord an Nemzow jemals aufgeklärt wird, zeigte der Linken-Politiker volles Vertrauen in die russische Justiz — auch wenn vergangene Morde gezeigt hatten, dass es um die Aufklärungsrate eher schlecht bestellt ist. Doch für Bartsch stand fest: Putin hat die Tat verurteilt, und so wird es auch Gerechtigkeit geben.

Tultschinski wiederum kritisierte die deutsche Regierung, dass sie nun betont Aufklärung verlange. Warum man das denn sagen müsse, fragte er, das sei oberlehrerhaft. Auch Reitschusters Anmerkungen, dass er selbst schon einmal Opfer von Polizeigewalt geworden sei, spielte der russische Journalist herunter, (ohnehin belächelte er seinen deutschen Kollegen immer wieder kopfschüttelnd) fragte, ob er denn ganz unschuldig gewesen sei. Und nicht zuletzt übte er Kritik an der aus seiner Sicht russlandfeindlichen Berichterstattung hierzulande.

Aber letztlich war es doch Tultschinski, der mit einem einzigen Satz für einen kurzen Moment eine Antwort gab auf die Frage, die Anne Will ihren Gästen eigentlich gestellt hatte: ob man als Oppositioneller in Russland gefährlich lebe. "Wer Putin kritisiert, spielt nicht unbedingt mit seinem Leben", sagte der Journalist, der lange für die staatliche Agentur Ria Novosti tätig war. Auf die Nachfrage von allen Seiten, wann man denn mit seinem Leben spiele, wollte er aber dann doch nicht wirklich eingehen.

Die Sendung zeigt die ARD als Aufzeichnung in ihrer Mediathek.

(das)
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