Angela Merkel bei Anne Will: Sie weicht kein Stück von ihrer Flüchtlingspolitik ab

Angela Merkel bei "Anne Will" : Die zuversichtlichste Bundeskanzlerin aller Zeiten

Angela Merkel ist im Gespräch mit Anne Will keinen Millimeter von ihrer Linie in der Flüchtlingspolitik abgewichen. Ihre Zuversichts-Offensive wird allerdings viele überfordern.

Zu den seltsamsten Ritualen der Moderne gehört es, den Fernseher anzubrüllen. Es hört schließlich nur die Nachbarschaft. Brüllen, weil der, der dort spricht, etwas sagt, was einem so ganz und gar nicht gefällt. Spricht ein Politiker, dann erst Recht. Am Mittwochabend muss halb Deutschland den Fernseher angebrüllt haben. Angela Merkel war der einzige Gast bei Anne Will, es war ihr erster Besuch in einer Talkshow seit 2011 und sie nahm nichts von dem zurück, was sie bisher zum Thema Flüchtlinge gesagt hatte. Die Menschen, die Merkel Murksel nennen, müssen getobt haben. Und überhörten dabei vielleicht einen Satz, den sich sowieso alle hinter die Ohren schreiben sollten.

Ein Text über Angela Merkel ist immer interessanter, wenn man schreibt, was sie hätte sagen müssen, anstatt, was sie sagte. Weil sie sich, so ihr Ruf, so ungern festlegt. Auch bei der beharrlich nachfragenden Anne Will wich sie in den 60 Minuten einige Male aus, aber nur, wenn Will sie provozierte, gegen Seehofer auszuteilen oder zu sagen, ob sie bereit sei, für das Flüchtlingsthema ihre Kanzlerschaft zu riskieren ("Ich bin bereit, so hart zu arbeiten, wie ich kann."). Nebenschauplätze also, die gut für eine Schlagzeile sind, aber nichts zur Sache beitragen.

Ging es tatsächlich um ihre Ansichten zur Flüchtlingskrise, dann positionierte sie sich. Es sei die vielleicht schwierigste Aufgabe seit der Wiedervereinigung. Einen Aufnahmestopp hält sie für unmöglich. Sie wird den Flüchtlingen nicht Deutschlands unfreundliches Gesicht zeigen, bloß damit weniger zu uns kommen. "Ich bin Vorsitzende einer christlichen Partei." Vermutlich liegt sie gar nicht so weit von den Positionen der CSU entfernt. Bloß spricht sie mehr über die, die kommen dürfen. Die CSU hingegen mehr über die, die nicht kommen sollen.

Ihr eigentliches Anliegen aber war das: Bei 80 Millionen Deutschen Zuversicht zu verbreiten, dass Deutschland mit der Situation zurecht kommt. Zwar sei es gerade alles etwas ungeordnet, aber sie gab sich optimistisch, dass sich dies ändern werde. "Zugegebenermaßen, das dauert." Genau an dieser Stelle aber ist Merkel angreifbar, werden viele Leute ihre Zuversicht nicht teilen. Weil sie zwar ihre Pläne nannte - Flüchtlingsursachen bekämpfen, die Flüchtlingen in Europa fairer verteilen, die Türkei stärker einbinden - aber momentan noch völlig offen ist, wie sich das erreichen lässt.

Man darf also ihre Zuversichts-Offensive wahlweise für naiv, kitschig oder realitätsfern halten, man darf Sätze wie "So an die Sache herangehen, dass man es schafft" für banal oder arglos halten, das aber ändert nichts daran, dass es in dieser Situation eher mehr als weniger Deutschland in der Flüchtlingsfrage braucht, weil Länder wie Ungarn schon signalisiert haben, dass mit ihnen nicht zu rechnen ist.

Und da war dieser Satz gegen Ende des Gespräches, der vielleicht unterging, aber Beachtung verdient hat: "Jetzt zeigt sich plötzlich, dass es Menschen gibt, die so um ihr Leben rennen, dass die weiten Strecken zusammenschrumpfen." Deutschland ist nicht nur ein Teil von Europa, Deutschland ist auch ein Teil der Welt und diese Welt ist wahnsinnig klein geworden. Sie ist nicht nur durchs Internet näher zusammengerückt, auch die nationalen und internationalen Krisen führen dazu, dass das, was in Ländern am anderen Ende der Welt passiert, auch uns angeht.

Und weil sich an den Flüchtlingszahlen sobald ohnehin nichts ändern wird, ist es besser, eine Kanzlerin an der Spitze zu haben, die im Gegensatz zum Koalitionspartner nicht ununterbrochen vom Erreichen der Belastungsgrenze redet. Weil es ja nicht dazu führt, dass die Flüchtlinge dann sagen: "Ach so, ja dann bleiben wir natürlich in Ungarn." Sondern bloß die Stimmung aufheizt.

Ungefähr genau so sinnvoll ist es, seinen Fernseher anzubrüllen.

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(seda)
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