Als die Holländer Reality-TV erfanden, und es die Welt nicht mitbekam

„Nummer 28“ : Als die Holländer Reality-TV erfanden, und die Welt es nicht mitbekam

Sieben Teenager und ein Haus in Amsterdam – 1991 erfand ein Niederländer das Reality-TV, fast ein Jahrzehnt, bevor „Big Brother“ in die Wohnzimmer flimmerte. Doch selbst in seiner Heimat weiß das bis heute kaum jemand.

Die Zeitenwende läutet der Bürgermeister von Amsterdam in einem beigen Sakko ein. Dass es eine Zeitenwende ist, ahnt Ed van Thijn an diesem Freitagnachmittag im Oktober 1991 allerdings nicht. Kaum jemand tut das. Er soll sieben Teenagern die Schlüssel überreichen für das Haus in der Texstraat mit der Nummer 28, vor dem er gerade steht. Van Thijn trägt seine Amtskette. Die Fotografen sind da. Die Worte, die er an die neuen Bewohner richtet, sind nicht gerade klein. „Es liegt an Ihnen, in den kommenden Monaten die kleinste Form einer demokratischen Gesellschaft zu bilden – miteinander in einem Haus zu leben.“ Danach schlägt der Bürgermeister eine Filmklappe zusammen. Action! Neun Tage später strahlt das niederländische Fernsehen die erste Folge von „Nummer 28“ aus.

Das Genre „Reality-TV“ kam nicht im Jahr 2000 in einem Container in Hürth auf die Welt. Auch nicht im Jahr zuvor, als in den Niederlanden die weltweit erste Staffel von „Big Brother“ ausgestrahlt wurde. Eine Auswahl von Menschen über einen längeren Zeitraum an einem Ort zusammenzubringen und zu filmen, was passiert – diese Idee stammt nicht von John de Mol, sondern einem anderen Niederländer Anfang der 90er. Doch selbst die Holländer vergaßen „Nummer 28“ bald wieder.

Auf Youtube sind zwar alle möglichen Auswüchse der Fernsehgeschichte zu begutachten, doch von dieser Serie nicht eine einzige Sekunde. Wer sie sehen möchte, muss ins niederländische TV-Archiv nach Hilversum fahren (hier gibt es ein paar Szenen zu sehen). Dabei wäre es wichtig, sie wieder auszugraben. Nicht nur, weil „Nummer 28“ deutlich macht, wie harmlos das Zeitalter des Reality-TV begann, sondern auch, weil selbst der harmlose Beginn schon nahelegte, welche negative Entwicklung das Genre nehmen würde.

Die Sache begann mit einem Witz. So jedenfalls erzählte es Wim Beijderwellen, einer der drei Produzenten von „Nummer 28“, einer Zeitung. In einem Meeting lesen sie eine Zeitungsanzeige, in der ein Hotel für die Wintermonate Zwischenbewohner sucht. Beijderwellen, Jan van der Zanden und Erik Latour blödeln herum: Warum denn nicht für eine Gruppe junger Leute ein Haus in Amsterdam finden? Damit steht im Grunde das Konzept für „Nummer 28“, die Idee wird Latour zugeschrieben. Sieben junge Leute, die sich nicht kennen, würden ihr Elternhaus verlassen und für sieben Monate eine WG im Amsterdam bilden. Die Kamera soll sie begleiten, das beste Material einmal wöchentlich in einer Show ausgestrahlt werden. Die Hoffnung der Produzenten: Dass das Abenteuer Erwachsenwerden genug Stoff abwirft.

Latour ist bewusst, dass sie TV-Geschichte schreiben. „Es ist etwas, was noch nie zuvor gemacht wurde“, sagt er damals. Klar, das Fernsehen hat schon ganz normale Menschen über einen längeren Zeitraum begleitet. 1971 strahlte der US-Sender PBS „An American Family“ aus, Ende der 80er tauchen „Die Fussbroichs“ im WDR auf, eine Kölner Arbeiterfamilie. Doch während die Sendungen den Alltag von Menschen dokumentieren, greift „Nummer 28“ in den Alltag ein – wenn auch bloß dadurch, dass die Macher sieben Menschen auswählen und zusammen in ein Haus stecken.

Mit diesen Eingriffen in die Wirklichkeit hat Latour Erfahrung. Kurz zuvor hat er eine Sendung verantwortet, für die er Menschen hundert Tage lang das Auto wegnahm, um zu schauen, wie sie damit zurechtkommen. Beim Casting zu „Nummer 28“ orientieren sich die Produzenten auch an einem Format, das in den Niederlanden gerade in Mode kommt. Die Soap „Goede tijden, slechte tijden“ geht im Oktober 1990 auf Sendung, zwei Jahre vor der deutschen Version. Vom Prinzip Soap schauen sie sich ab, möglichst unterschiedliche Charaktere zusammenzubringen. Damit erhalten sie nicht nur einen Querschnitt der holländischen Jugend, sondern erhöhen auch das Konfliktpotential.

Per Annonce in Zeitschriften suchen sie nach Interessenten, die bereit sind, sich im Tausch gegen eine kostenlose Wohnung mehrere Monate von der Kamera begleiten zu lassen. Wohnraum in Amsterdam ist begehrt. Aus 450 Rückmeldungen wählen sie 36 Personen aus, schließlich entscheiden sie sich für sieben Teenager zwischen 17 und 19, die meisten von ihnen Studenten: Der künstlerisch veranlagte Sander Buckers, der coole Business-Student Jan Jaap, der alternative Joris, der Schiffskapitän werden will, die schüchterne Rowena, die selbstbewusste Carolien, Deborah, die gerade ihr Studium der Bildenden Künste begonnen hat, und Brenda, die sich gerne aufbrezelt. „Zo echt als het leven zelf“, das ist das Motto der Show. So echt wie das Leben selbst. „Niemand weiß, wie es ausgehen wird“, sagt Latour zum Start.

Ende Oktober 1991 ziehen die Bewohner ein. Sie sind frei, zu tun und zu lassen, was sie wollen, nur einmal in der Woche müssen sie einzeln vor der Kamera Fragen beantworten. Das Prinzip des „confessional“ (Beichtstuhl) wird später zum Standard jedes Reality-Formats. Viel Geld ist nicht da. Das Kern-Team hinter den Kulissen besteht neben den drei Produzenten aus dem Regisseur Joost Tholens, der zuvor Kunstformate und Dokumentationen gemacht hat, und Kameramann Ron Toekook, dem genau eine Kamera, aber kein Tonmann zur Verfügung steht.

Toekook wohnt nicht im Haus, braucht aber nur ein paar Minuten mit dem Rad und soll die Bewohner auch bei Terminen außerhalb des Hauses begleiten. Er filmt nicht einfach ungefragt, sondern spricht sich mit den Bewohnern ab. Für den 3. November 1991 kündigt die Fernsehzeitschrift die erste Folge an als „Soap über sieben junge Leute“. Von da an läuft sie sieben Monaten lang jeden Sonntag gegen 18.30 Uhr im ersten Programm des niederländischen Fernsehens.

Wie in einer Soap werden die Protagonisten zu Beginn jeder Sendung einzeln eingeblendet, außerdem fasst ein Rückblick die letzte Folge zusammen. Am Schluss wirft die Sendung einen Blick auf die nächste Folge. Die Hoffnung, dass es auch zugeht wie in einer Soap, erfüllt sich immerhin zum Teil. Aus einer Gruppe von sieben wird eine Gruppe von fünf. Deborah zieht sich früh zurück, genervt von den Regeln, die die anderen aufstellen. Brenda hingegen will dazugehören, doch die Gruppe kann wenig mit ihrer Art anfangen.

Auch eine Liebesgeschichte gibt es zu erzählen. Carolien und Jan Jaap bleiben sogar mehr als zehn Jahre zusammen. Die Show greift das auf, ohne es auszuschlachten. „Die Liebe zwischen Carolien und mir wurde sehr diskret behandelt“, sagt Jan Jaap später einem Journalisten. Dass die Sendung allerdings eine Affäre außen vor lässt, die Brenda mit einem der bekanntesten Musiker der Niederlande hat– heute unvorstellbar. Der besucht sie sogar im Haus Nummer 28.

Die Bewohner gewöhnen sich schnell an die Kamera, manchmal zu schnell. Carolien erzählt in einem „confessional“, dass sie raucht. Ihre Eltern erfahren davon im Fernsehen. Nur Rowena ist clever genug, ihre Eltern vor der Ausstrahlung einer neuen Folge anzurufen, wenn etwas zu sehen ist, von dem sie noch nicht wissen. Manchmal stört die Bewohner die Anwesenheit der Kamera noch, insgesamt aber kommen sie damit klar. Sie inszenieren sich auch nicht. „Wir waren niedlich und naiv und unverblümt wir selbst”, sagt Sander im Jahr 2019.

Ihr Ziel ist es damals nicht, durch die Sendung berühmt zu werden, es wird auch niemand berühmt. Die Quoten liegen laut Latour bei knapp 800.000 Zuschauern pro Folge, das ist ordentlich für ein Land von 15 Millionen Einwohnern. Sander erinnert sich, dass einmal zwei Mädchen die Adresse des Hauses herausfanden, durchs halbe Land reisten und an der Tür klingelten. Sander öffnete, sie tranken etwas zusammen, dann gingen sie wieder. Manchmal werden die Bewohner auch auf der Straße erkannt. Das war’s. Nur ein bisschen fangen sie an, mit dem Fernsehen zu spielen. Fürs Interview setzt sich immer ein anderer Bewohner dieselbe Drahtbrille auf.

Doch auch das Leben von jungen Menschen in Amsterdam ist nur bedingt abwechslungsreich. Latour äußert zwar in einigen Zeitungsartikeln seine Zufriedenheit mit der Sendung, räumt aber auch ein, das Medium Fernsehen eigne sich nicht so gut zur Seelenschau wie ein Tagebuch. Nach und nach wird es schwieriger für das TV-Team, interessante Szenen zu finden.

Kameramann Ron ist dabei, wenn die Bewohner ein Fahrrad reparieren, zum Praktikum gehen, in die Disco, auf Jobsuche, in den Supermarkt. Eine Folge handelt davon, dass sie Mäuse in der Wohnung haben. Diese Durststrecken lassen die Macher zwar nicht vom Konzept abweichen, doch sie geben den Bewohnern Anregungen, was sie tun könnten. „Es war keine große Sache“, sagt Jan Jaap, aber wenn man 19-jährigen Jugendlichen kleine Vorschläge mache, werden sie sich nicht sehr dagegen wehren. Manchmal hätten sie auch Material benutzt, das nicht aus der aktuellen Woche stammte, räumt Kameramann Ron heute ein.

Das alles ist nichts im Vergleich zu dem, was das Genre später hervorbringt – als aus Bewohnern Kandidaten und Gegner in einem Wettbewerb werden und sie auf Inseln gebracht, in den Dschungel verfrachtet oder in Containern eingesperrt werden. Als sie Spiele spielen müssen und von den Zuschauern rausgewählt werden, als Reality-TV-Darsteller eine Jobbeschreibung wird, kein vorübergehender Zustand, als Fernsehleute alles daran setzen, die Konflikte zu verschärfen, als Teilnehmer berühmt werden. Aber ein Anfang ist gemacht. Vielleicht war „Nummer 28“ einer der wenigen Versuche, Reality-TV anständig zu machen. Vielleicht war aber auch darin schon der Niedergang des Genres angelegt. Weil die Wirklichkeit eben selten so abwechslungsreich ist wie eine Soap, und das Bedürfnis wächst, diese Wirklichkeit zu manipulieren.

Diese Pionierarbeit allerdings wird nicht „Nummer 28“ zugeschrieben, sondern einer Sendung, die nur wenige Monate später läuft – mit einer viel größeren Reichweite. In „The Real World“ schickt MTV sieben junge Leute für mehrere Monate in eine Wohnung in New York und filmt sie dabei. Und weil es MTV ist, ist die Show viel hipper aufgezogen, mit mehreren Kameras, schnellen Schnitten, mehr Musik, cooleren Protagonisten. Im Kern aber ist es doch dieselbe Idee. „The Real World“ ist „Nummer 28“ so ähnlich, dass die Holländer überlegen, vor Gericht zu ziehen – lassen sich aber von ihren Anwälten davon abbringen.

Drehbeginn von „The Real World“ war im Februar 1992. Dass eine niederländische Serie vorm Internetzeitalter innerhalb von Wochen den Weg in die USA findet, ist eher unwahrscheinlich. Auch die Erfinder von „Big Brother“ um John de Mol beziehen sich nie auf „Nummer 28“ als Inspiration, obwohl die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass sie als Niederländer von der Sendung gehört haben mussten.

Vielleicht ist es angesichts der Nachfolger aber sowieso das Beste für „Nummer 28“, einfach vergessen worden zu sein.

(Mitarbeit: Marielle van Veen)

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