Alarm für Cobra 11 - Mein Abend unter Männern

Vier Stunden „Alarm für Cobra 11“: Mein Abend unter Männern

Rasen, ballern, prügeln und sich ab und zu wegen einer Frau betrinken – RTL zeigt momentan jeden Donnerstagabend vier Folgen „Alarm für Cobra 11“ am Stück. Lässt sich auch nur eine davon aushalten?

Vater hatte das Dachfenster mit Pappe abgeklebt. Gegen die Sonne. Sonst hätte ich diesen Abend nicht überlebt. Außerdem waren drei Eise nötig, denn noch immer herrschten Temperaturen, die jenseits meiner Vorstellung waren. Ein Lappen auf einer Couch vor einem Fernsehgerät, das war ich.

Vorgesehen hatte ich einen Abend mit einem Übermaß an Nostalgie. Vier Folgen „Alarm für Cobra 11“ wollte ich gucken, dort, wo ich schon als Teenager vor 22 Jahren die erste Staffel geschaut hatte, auf dem Dachboden meiner Eltern. Die anderen Wiederholungen liefen im Sommerloch so schlecht, dass RTL das Programm umstellte und am Donnerstagabend zwischen 20.15 Uhr und Mitternacht nicht bloß zwei, sondern vier Folgen jener Serie zeigte, die vermutlich auch einen Atomkrieg überstehen würde. 22 Staffeln, 336 Folgen, eine eigene Autobahn für die Dreharbeiten. Ein asphaltiertes Monument des Privatfernsehens.

Mit 14 bestimmte RTL meinen Abend. „Balko“, „SK Babies“, „Und tschüss!“, „Die Camper“, „Der Clown“, „Dr. Stefan Frank“ und eben die beiden Autobahnpolizisten von „Alarm für Cobra 11“, das waren die Serien, die ich glaubte, sehen zu müssen. Nur die eine war noch übriggeblieben. Gesehen hatte ich sie seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr. Ich fuhr zum Haus meiner Eltern - die verreist waren - um mal wieder fernzusehen. Richtig fernzusehen. Zuhause schaute ich selbstverständlich ausschließlich Netflix. Einen Fernseher besaß ich nicht.

Die erste Folge, eine Wiederholung von 2013. Noch bevor ich Menschen sah, sah ich Autos auf Verfolgungsjagd. Hubschrauber. Maschinengewehre. Ein Polizist erschoss einen Polizisten. Na hoppla. Das war, weil die beiden Ermittler, von denen der eine namens Semir schon seit der dritten Folge dabei war und der andere Tom Beck hieß, einen Verbrecher ins Gefängnis gebracht und dabei dessen Frau, ebenfalls Verbrecherin, erschossen hatten. Daraufhin heckte der Verbrecher mit seinem noch in Freiheit befindlichen Bruder einen üblen Plan aus. Er entführte Semirs Familie und verlangte von ihm, seinen Kollegen, Serienname Ben, zu erschießen, um seine Frau und die beiden Töchter lebendig zurückzubekommen. Die Hälfte der Folge schien in Slow Motion abzulaufen. Am Ende schoss der Polizist nicht ohne List nur mit Platzpatronen auf den Kollegen. Der täuschte seinen Tod nur vor, um die Verbrecher an der Nase herumzuführen. In der letzten Szene scherzte er sogar: „Das nächste Mal erschieß ICH dich.“ Mir wurde früh klar, dass niemand in dieser Serie je an durch Gewalt hervorgerufene posttraumatische Belastungsstörungen leiden würde.

In der nächsten Folge ermittelten die beiden wegen eines TV-Reporters, der auf der Autobahn tödlich verunglückt war. Jemand hatte seine Bremsen manipuliert. Eine andere TV-Reporterin geriet in Verdacht. Zum Glück waren es dann doch chinesische Menschenschmuggler. Die Ermittler gingen mit gezückten Pistolen in eine Redaktion. Die TV-Reporterin öffnete Tom Beck später nur im Handtuch bekleidet die Tür, sie wälzten sich hernach sieben Sekunden auf dem Bett. Der andere Ermittler betrank sich recht ansehnlich, weil seine Frau die Kinder mitgenommen und ihn hatte sitzen lassen. Es fielen auch Sätze wie „Wenn Sie mich entschuldigen würden, ich habe noch zu tun“. Verfolgungsjagden, Schlussschießerei auf zwei fahrenden Lkw. Fertig.

Im Wikipedia-Eintrag heißt es zum Konzept der Serie: „Dabei werden typische Elemente des Genres Action verwendet, sodass es regelmäßig zu Verfolgungsjagden, Schusswechseln, Explosionen und Faustkämpfen kommt.“

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Ich sah auch die letzten beiden Folgen, von 2009, nur daran zu erkennen, dass Tom Beck wuscheligere Haare hatte. Weil keine Werbung die einzelnen Folgen trennte, fühlte ich mich in einer Endlosschleife aus Bumms und Bäng. Chemieunternehmer und der Chef vom städtischen Umweltamt steckten unter einer Decke. Der wuschelige Ermittler beobachtete in der Wohnung gegenüber einen Mord – oder doch nicht? Ich hörte Sätze wie „Wer hat der denn das Fleisch aus dem Döner geklaut?“ und „Du konntest sowieso nicht küssen“.

Dass Ausbleiben der Nostalgie führte ich zunächst auf die handwerkliche Schlichtheit der Serie zurück: Dialoge wie aus dem Kaugummi-Automaten gezogen. Böse Menschen, die noch böse guckten. Sinnloseste Zeitraffer vom Rhein. Die Geschwindigkeit der Drehs, die die Geschwindigkeit der Autos noch übertraf. Je weniger Blech und je weniger Menschen involviert waren, desto professioneller wirkte die Serie. Das Vorgehen der Ermittler orientierte sich nur grob an der Realität von Polizisten, an der von Polizisten in Afghanistan.

Doch da war noch etwas anderes. Als Lappen, der ich war, hielt ich es kaum auf dem Dachboden aus. Semir und Ben hingegen, diese Männer, hielten alles aus. Faustschläge, Schüsse, Auffahrunfälle, Vorschriften. „Alarm für Cobra 11“ feierte die Widerstandsfähigkeit des Mannes. Sie feierte, dass Männer es sind, die Dinge geschafft kriegen. Die Drehbuchautoren richteten die Geschlechterrollen zwar nicht an den 50ern aus, aber über die 90er kamen sie auch nie hinaus. Frauen durften zwar arbeiten, aber wenn's ernst wurde, wenn geschossen und gerast wurde, dann erledigten das Männer, echte Männer, stets am Rande der Suspendierung. Sie durften weinen, aber nur ab und zu, sonst wären sie doch keine echten Männer. Frauen durften zwar auch tough sein, aber nur in Ausnahmefällen, und dann betont tough und manchmal auch ins Humorlos-Herrische gehend, wie die Vorgesetzte der beiden.

An diesem Abend langweilte ich mich nicht einmal. Die Serie war schließlich solide genug, um im Gegensatz zu vielen anderen RTL-Serien der 90er zwei Jahrzehnte zu überstehen. Aber ich wusste, dass ich am Donnerstag darauf nicht noch einmal einschalten würde. Nostalgie ist manchmal nur der Versuch, sich nicht eingestehen zu müssen: So geil war’s damals gar nicht.

Auch am Donnerstag, 2. August, zeigt RTL ab 20.15 Uhr vier Folgen am Stück.