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Günther Jauch diskutiert über Prostitution: 30 Freier am Tag

Günther Jauch diskutiert über Prostitution : 30 Freier am Tag

SPD und Union reden derzeit auch über eine Verschärfung des Prostitutionsgesetzes. Deutschland nämlich gilt inzwischen als Paradies für Bordellbetreiber. Günther Jauch ermöglichte am Sonntagabend erstaunliche Einblicke ins deutsche Rotlichtmilieu.

Rot-Grün wollte vor elf Jahren Prostituierte zu ganz normalen Arbeitnehmerinnen machen, mit Sozialversicherung, Schutz am Arbeitsplatz und allem drum und dran. Der Versuch ist gescheitert, das mag heute niemand mehr bestreiten. Die Zahlen sprechen für sich: Schätzungen zufolge arbeiten in Deutschland rund 400.000 Frauen als Prostituierte. Offiziell erfasst sind in der Sozialversicherung gerade mal 40. Ein Hohn.

Stattdessen, so beklagen Sozialarbeiter und Polizei, ist das Ausmaß der Zwangsarbeit drastisch gestiegen. Aus verarmten Verhältnissen werden Frauen nach Deutschland verfrachtet, oftmals unter menschenunwürdigen Bedingungen.

"Großbordell Deutschland"

Am Sonntag nahm sich Günther Jauch des Themas an. Der medientaugliche Titel: "Großbordell Deutschland - muss Prostitution verboten werden?" Jauch lud dazu Gäste, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können. Auf der einen Seite: Zwei Profis aus dem Milieu, die Prostitution selbstbewusst als Geschäftsmodell betreiben.

Auf der anderen: Einen Fahnder aus München, eine Filmemacherin, die monatelang in Bordells recherchierte und die SPD-Politikerin Charlotte Britz, die vor elf Jahren das rot-grüne Gesetz mit vorangetrieben hatte und inzwischen Oberbürgermeisterin von Saarbrücken.

Das Erstaunliche: Die Schilderungen der Lebenswirklichkeit von Prostituierten widersprachen sich nahezu komplett. Ausbeutung, Menschenhandel, systematische Erniedrigung, erkennen die einen. Selbstbewusst, rechtlich sauber und wirtschaftlich ehrbar, sagen die anderen. Belastbare Daten gibt es nicht. Formal sind die meisten Frauen selbständig, arbeiten in einer Grauzone.

Sex als selbst gewählte Berufsentscheidung

Die wohl ungewöhnlichste Figur ist die Sexarbeiterin Lena Morgenroth, 29 Jahre alt. Die intelligente und selbstbewusste Frau hat Informatik studiert. Als das Stipendium auslief, finanzierte sie das Studium mit Massagen und durch Jobs in einem SM-Studio in Hamburg. Seit dem Ende des Studiums konzentriert sie sich ganz auf Sex als Beruf.

Von Familie und Freunden erhalte sie für diese Entscheidung sehr viel Zuspruch, erzählt sie bei Jauch. "Ich begehre diese Männer nicht", erläutert sie ihr Verständnis von ihrem Beruf. Aber sie wolle den Sex als Teil ihres Jobs und empfinde auch eine gewisse Befriedigung daran, jemandem Vergnügen zu bereiten. Auch bei ihren Kolleginnen will sie das so oder so ähnlich beobachtet haben, und zwar auch bei denen ohne Abitur. Selbst bei Frauen, die aus ärmlichsten Verhältnissen in die Rotlichtszene nach Deutschland gelangt sind, glaubt sie an eine bewusste Entscheidung. Nämlich eine gegen die Armut.

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Dicke Geldbündel

In der teilweise hochemotionalen Diskussion widerspricht sie so entschieden allen Kritikern, die Prostitution in Deutschland als frauenverachtendes Ausbeutungssystem betrachten. An ihrer Seite weiß sie dabei Jürgen Rudloff, einen erfolgreichen Bordellbetreiber, der über sein Unternehmen so seriös spricht wie ein Manager eines mittelständischen Unternehmens. Mit seinen "Wellness-Oasen" biete er selbständigen Frauen eine Plattform, auf der sie sich einmieten, sagt er.

Die links von Jauch sitzenden Kritiker machen solche Schilderungen wütend. Denn sie haben ganz andere Erfahrungen gesammelt. Am emotionalsten meldet sich immer wieder die Filmemacherin Rita Knobel-Ulrich zu Wort. Für zwei Dokus recherchierte sie monatelang in Bordellen in Deutschland und Osteuropa, sprach mit Schleusern, Freiern und Prostituierten.

Was sie erzählt, liefert ein ganz anderes, ein beklemmendes Bild der Lage von Frauen im Rotlicht-Geschäft. "Ich habe mit Frauen gesprochen, die haben mir heulend erzählt, dass sie am Tag 30 Freier bedienen mussten, um ihre Zimmermiete bezahlen zu können", berichtet sie. Da ist von dicken Geldbündeln die Rede, die die Frauen täglich abliefern, verwahrlosten Gebäuden, Elend.

Ein Bild moderner Sklaverei

Die Erfahrungen von Uwe Dörnhöfer stützt dieses Bild. Er arbeitet in München als Kriminalhauptkommissar im Dezernat für Organisierte Kriminalität, Bereich Prostitution. 140 von 180 Bordellen seien völlig heruntergekommen, sagt er. Deprimierend seine Klage, dass ihm als Ermittler oftmals die Hände gebunden seien. Denn vielleicht gerade mal fünf Prozent der Frauen seien so gebildet wie Sexarbeiterin Lena Morgenroth. Die meisten seien ungebildet, aus dem Ausland, ohne jegliche Sprachkenntnisse.

Er zeichnet ein Bild der modernen Sklaverei. Die Frauen sind demnach gefangen in einem System aus Abhängigkeiten. In Deutschland verfügen sie über keinerlei Sozialkontakte, alle Bindungen führen zurück ins Ausland. Angebote von Sozialarbeitern und Ermittlern verpuffen oft im Nichts. Denn weil die Frauen oftmals traumatisiert und sprachlich hilflos seien, seien ihre Aussagen oft widersprüchlich und damit wertlos. "Wir haben ganz oft bei Kontrollen ein schlechtes Gefühl. Wir sehen: Dieser Frau geht es nicht gut. Aber wir können nicht helfen", sagt Dörnhöfer.

Das Erschreckendste, was die Diskussion zutage brachte: Offenkundig existieren keine belastbaren Daten über die realen Zustände von Prostitution in Deutschland. Wie sehr die zwei geschilderten Welten auseinanderlagen, muss auch die Politik beschäftigen. Die Gesetzeslage, so viel wurde am Sonntagabend deutlich, ist derzeit vollkommen unzureichend. Denn selbst wenn die Bordells eines Jürgen Rudloff in zehn Jahren 50mal kontrolliert werden, wie der Unternehmer schildert — Gewissheit darüber, ob die Frauen dort freiwillig arbeiten oder nicht, hat derzeit niemand.

(pst)