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Ministerin traf Hinterbliebene: "Estonia": Schweden lehnt neue Untersuchung ab

Ministerin traf Hinterbliebene : "Estonia": Schweden lehnt neue Untersuchung ab

Stockholm/Hamburg/Papenburg (dpa). Schwedens Regierung hat eine neue Untersuchung des „Estonia“-Unglücks als Konsequenz aus einer privaten deutschen Tauchaktion der TV-Journalistin Jutta Rabe am Wrack abgelehnt.

Gewerbeministerin Mona Sahlin erklärte nach einem Gespräch mit Hinterbliebenen und Überlebenden in Stockholm, es gebe keinen Anlass, nach einer „kriminellen Störung des Grabfriedens“ praktische Schritte einzuleiten. „Wenn Deutschland das Abkommen zum Schutz des Grabfriedens an der Estonia unterzeichnet hätte, wäre diese Aktion nicht möglich gewesen, meinte die Ministerin.

Sahlin lehnte auch die von einem Teil der Hinterbliebenen geforderte Bergung von Leichen ab, von denen nach Angaben Rabes sechs bis zehn außerhalb des Wracks von Tauchern gesehen worden seien. Die deutsche Fernseh-Journalistin führte ebenfalls am Freitag einem schwedischen Kollegen Videoaufnahmen vor. Dieser bestätigte im Rundfunk, dass darauf „eindeutig“ die Leiche eines männlichen Opfers zu sehen sei.

In einem am Donnerstagabend vom schwedischen Sender TV4 ausgestrahlten Bericht war der als „Estonia“-Experte für die Werft tätige Hamburger Kapitän und Schiffsachverständige Werner Hummel auf dem Tauchschiff „One Eagle“ zu sehen. Hummel hatte zuvor ebenso wie Rabe jede Zusammenarbeit bestritten. Beide erklärten nach bekannt werden der Aufnahmen, Hummel habe lediglich am letzten Tag mit einer dringend benötigten Unterwasserkamera ausgeholfen und sonst mit der gesamten Aktion nichts zu tun.

In der TV-Dokumentation war zu sehen, wie Hummel selbst an Bord versuchte, Filmaufnahmen von seiner Person zu verhindern. „Das hab' ich getan, um genau das zu vermeiden, was jetzt über mich hereinbricht. Und von meinen Auftraggebern hab' ich auch schon ein paar Zigarren verpasst bekommen“, sagte Hummel am Freitag im Büro seiner Hamburger Firma Marine Claims Partner.

Die Meyer-Werft wird im amtlichen Untersuchungsbericht zum „Estonia“-Unglück, bei dem am 28. September 1994 852 Reisende starben, als verantwortlich für eine Fehlkonstruktion an der Aufhängung des Bugvisiers bezeichnet. Das Visier öffnete sich bei der Unglücksfahrt und fiel ab. Hummel stellte im Auftrag der Werft eigene Ermittlungen an und meint, die „Estonia“ sei schlecht gewartet worden und in der Unglücksnacht zu schnell gefahren.

Die Ermittlungen des Hamburgers galten in der jahrelangen und heftigen Debatte um die Hintergründe des schlimmsten Schiffsunglücks in der europäischen Nachkriegsgeschichte als seriös - aber eben auch als parteiisch, um die deutsche Werft zu entlasten, wo das Schiff 1981 vom Stapel gelaufen war. Aus Papenburg gab es wie immer keine Stellungnahme zu den aktuellen „Estonia“-Berichten.

Ein Sprecher meinte, die Angelegenheit sei mit dem Bericht der von ihr beauftragten „Unabhängigen Untersuchungskommission“ für die Werft erledigt. Es handele sich bei Hummel auch nicht um einen Repräsentanten der Meyer-Werft. Hummel selbst meinte allerdings, er sei von „Herrn Meyer gehalten, weiter die Augen und Ohren offen zu halten“. Erledigt ist der Untergang der „Estonia“ für die Meyer-Werft auch deshalb nicht, weil sie von Hinterbliebenen vor einem Pariser Gericht auf Schadenersatz verklagt worden ist.

Ein nach Angaben von Rabe in der Schiffswand von Tauchern gesichtetes und gefilmtes Loch bezeichneten schwedische Experten in der TV4-Dokumentation einhellig als nicht existent.

(RPO Archiv)