Uniklinik Düsseldorf: Erst kam die Chemotherapie, dann kamen die Zwillinge

Uniklinik Düsseldorf: Erst kam die Chemotherapie, dann kamen die Zwillinge

Zum ersten Mal hat in NRW eine Frau, die durch "Medical Freezing" behandelt wurde, auf natürlichem Wege Zwillinge geboren. Behandelt wurde sie an der Uniklinik Düsseldorf, die seit Januar eine eigene Kryobank für Eierstockgewebe hat.

Vor wenigen Tagen haben Leon und Marlon zum ersten Mal richtig gelacht. Die Zwillinge sind knapp drei Monate alt. Marlon hat ein paar mehr Haare, Leon ist ein bisschen schwerer. Für ihre Eltern Marion und Jochen Ulrich sind die beiden "ein Wunder" - und nicht nur für sie. Der Uniklinik Düsseldorf zufolge sind die Brüder etwas ganz Besonderes: Marion Ulrich ist die Erste in Nordrhein-Westfalen, die nach einem sogenannten Medical Freezing natürlich schwanger wurde und Zwillinge bekam.

Bei dem Verfahren wird Frauen, denen etwa durch eine Chemotherapie die Unfruchtbarkeit droht, Eierstockgewebe entnommen. Das Gewebe wird präpariert und in flüssigem Stickstoff bei Temperaturen von minus 196 Grad konserviert. Seit Januar ist die Kryokonservierung auch am Kinderwunschzentrum der Uniklinik möglich, wie Leiter Jan Krüssel berichtet. Vorher wurde das entnommene Eierstockgewebe nach Bonn oder Erlangen gebracht, jetzt hat Düsseldorf eine eigene Gewebebank.

"Die Erfolge sind da"

Die Patientinnen müssen für die Lagerung nicht in Düsseldorf behandelt werden. "Wir kooperieren mit 15 anderen Kliniken, die das Gewebe dann hier konservieren können", sagt Kryobankleiterin Jana Liebenthron. Das Eierstockgewebe werde der Patientin bei einer Bauchspiegelung entnommen und in mehreren Schritten vorbereitet und tiefgefroren. Billig ist das Ganze nicht: Die Lagerung kostet in Düsseldorf pro Jahr 350 Euro, Entnahme und Retransplantation zusammen rund 1000 Euro. Dazu kommen einmalig 670 Euro für Präparation und Aufbewahrung. Bislang zahlen die Patientinnen das selbst, nur Entnahme und Retransplantation können in Ausnahmefällen über die Krankenkasse finanziert werden. Geht es nach den Medizinern, soll sich das jedoch bald ändern: "Die Erfolge sind da", sagt Liebenthron. Bei rund 85 Prozent der Transplantationen arbeiten die Eierstöcke anschließend wieder normal.

Zudem schone das Verfahren die Eizellen, da sie im Gegensatz zu anderen Verfahren im Gewebe eingelagert eingefroren werden. "Eierstockgewebe kann außerdem sofort nach einer Krebsdiagnose entnommen werden", sagt Liebenthron. Eizellen hingegen müssten zuvor meist aufwendig stimuliert werden. 500 solcher Behandlungen gibt es der Klinik zufolge jedes Jahr in Deutschland. Nach erfolgreicher Chemotherapie wird untersucht, ob die Eierstöcke der Patientin wirklich keine Eizellen mehr produzieren können. Erst dann wird das Eierstockgewebe retransplantiert. Im Idealfall funktioniert das Organ dann wie vorher und die Frau kann auf natürlichem Weg schwanger werden.

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Auf natürlichem Wege

Marion Ulrich ist ein solcher Idealfall. Die 33-Jährige leidet an Lupus erythemathodes, einer schweren rheumatischen Erkrankung. Besonders ihre Nieren und die Knochen leiden unter der Autoimmunerkrankung. Die Chemotherapie sollte ihr Immunsystem regulieren - gefährdete aber gleichzeitig die Fruchtbarkeit. Gemeinsam mit ihrem Mann Jochen entschied sie deshalb im August 2010, Eierstockgewebe einfrieren zu lassen. Sechs Jahre später ließ sie sich wieder in Düsseldorf untersuchen. Diagnose: keine hormonelle Aktivität der Eierstöcke mehr. "Ohne den Fertilitätsschutz wäre keine Schwangerschaft mehr möglich gewesen", sagt Krüssel. So aber wurde Ulrich ihr Gewebe im Oktober wieder eingesetzt - wenige Monate später waren Leon und Marlon unterwegs. Auf natürlichem Weg, ohne hormonelle Behandlung.

Die Schwangerschaft verlief gut, am 23. Januar 2018 kamen die Zwillinge ein paar Wochen zu früh, aber kerngesund auf die Welt. Marion Ulrich möchte für andere Frauen, die eine Chemotherapie benötigen, ein "Mutmacher" sein: "Die Aussicht, trotzdem Kinder bekommen zu können, hat mir auch während der anstrengenden Therapie sehr geholfen." Jochen Ulrich ergänzt: "Damals wurde uns gesagt, wir sollten uns nicht zu viele Hoffnungen machen - umso größer ist jetzt unser Glück."

"2010 war die Behandlung noch ein Experiment", sagt auch Chefarzt Krüssel, "heute ist es eine Erfolgsgeschichte." Er und sein Team würden sich wünschen, dass mehr junge Frauen vor einer Chemotherapie über die Kryokonservierung informiert würden. In Düsseldorf ist das jetzt alles unter dem Dach der Frauenklinik möglich, sagt Leiterin Tanja Fehm: "Eine Chemotherapie sollte kein Grund sein, keine Kinder zu bekommen."

(kess)
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