Düsseldorf/Meerbusch: Eltern kritisieren teure Schul-Rechner

Düsseldorf/Meerbusch : Eltern kritisieren teure Schul-Rechner

Viele Schulen haben zum neuen Schuljahr den grafikfähigen Taschenrechner eingeführt. Das Schulministerium hatte das Gerät oder eine vergleichbare Alternative für verbindlich erklärt. Eltern protestieren gegen die teure Anschaffung.

Johanna Strunz* musste schwer schlucken, als ihr Sohn ihr den Bestellzettel für Schulmaterial fürs neue Schuljahr in die Hand drückte. Neben einigen Lehrbüchern war ganz oben auf der Liste das benötigte Equipment für den Mathematikunterricht aufgeführt: ein Grafik-Taschenrechner. Kosten: 90 Euro - für die Hartz-IV-Empfängerin "eine Riesensumme". Doch ihr 13-jähriger Sohn, der in die siebte Klasse kommt, braucht das Gerät. Die Fachkonferenz der Schule ihres Sohnes hat den Grafik-Taschenrechner zur Pflicht gemacht.

Ministerium erklärt Grafik-Rechner für verbindlich

Das Schulministerium NRW hat die Anschaffung eines grafikfähigen Taschenrechners (GTR) für die gymnasiale Oberstufe und Berufliche Gymnasien ab dem Schuljahr 2014/15 verbindlich gemacht. Er soll erstmals beim Mathematik-Zentralabitur 2017 als Hilfsmittel zum Einsatz kommen. Eltern und Lehrer hatten gegen die laut Schulministerium im Durchschnitt 70 Euro teuren Rechner protestiert. Daraufhin veröffentlichte das Ministerium einen ergänzten Erlass, der den Schulen eine gewisse Wahlfreiheit gewährt: Sie können alternativ zum GTR etwa Tablets oder Laptops mit Grafik-Anwendungen nutzen, allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. Die Anschaffung der Geräte darf nicht teurer sein als der Grafik-Taschenrechner. Außerdem muss laut Ministerium sichergestellt sein, dass die Geräte prüfungssicher sind. Wenn eine Schule die Einführung eines alternativen Modells plant, muss ein Konzept erarbeitet und später in der Schulkonferenz vorgestellt und beschlossen werden.

Die Meerbuscher Mutter fühlt sich überrumpelt. "Ich wurde von der Schule nicht informiert, dass ich so viel Geld für den Unterricht ausgeben muss", sagt Strunz. "Die Bücher sind schon teuer genug. Jetzt auch noch solche Spielereien. Wo soll das enden?" Von der Notwendigkeit des neuen Geräts, das komplexe Matheaufgaben auf einem Display darstellen kann, ist sie nicht überzeugt. "Warum braucht mein Sohn das Ding ausgerechnet ab der siebten Klasse? Da sind die Aufgaben doch noch viel zu simpel."

Tablets und Grafik-Apps als Alternative

Das Schulministerium schreibt die Einführung des Grafiktaschenrechners erst ab der Sekundarstufe II vor. "Allerdings kann die Anschaffung von der einzelnen Schule bereits in der Sekundarstufe I empfohlen werden. Dies hat unter anderem auch den Vorteil, dass Kosten für die Anschaffung eines anderen Taschenrechners entfallen", heißt es in einer Mitteilung des Schulministeriums.

Christian Gutjahr-Dölls, Schulleiter desMataré-Gymnasiums in Meerbusch, glaubt an den Nutzen des Grafik-Taschenrechners: "Die Kinder benutzen dieses Gerät von der siebten Klasse bis zur Abiturprüfung. Wir müssen unseren Kindern im schulübergreifenden Vergleich dieselben Chancen bieten." Die Fachkonferenz habe daher in Abstimmung mit den Elternvertretern beschlossen, einen Rechner verpflichtend für alle 120 neuen Siebtklässler einzuführen. Darüber sei ausreichend auf Elternabenden sowie im Elternbrief informiert worden. "Außerdem können die Eltern jederzeit auf uns zukommen, wenn Fragen offen sind", versichert Gutjahr-Dölls. Der Hersteller des Taschenrechners habe zugesagt, allen Schülern, deren Eltern Geringverdiener sind, das Gerät gratis zu überlassen. "Deshalb ist die Entscheidung absolut vertretbar", sagt Thomas Martens, stellvertretender Schulleiter.

Grafikfähige Taschenrechner sind in der Regel programmierbar und ermöglichen die Installation von Software und die Speicherung von Dateien. Der Möglichkeiten mit dem Gerät zu pfuschen ist sich das Schulministerium bewusst. Vor der Prüfung sei daher sicherzustellen, dass im Gerätespeicher keine Daten abgelegt sind. Dazu habe die zuständige Fachlehrkraft unmittelbar vor der Prüfung bei allen Taschenrechnern einen vollständigen Speicher-Reset durchzuführen oder sich davon zu überzeugen, dass die Geräte auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt wurden.

Das Max-Planck-Gymnasium in Düsseldorf möchte statt des Taschenrechners auf Tablets und Grafik-Apps setzen. "Wir halten diese Lösung für effektiver, da die Schüler iPads auch für andere Fächer und auch für Hausaufgaben nutzen können", erklärt Schulleiterin Edith Reusrath. Das Konzept sei mit den Eltern erläutert und begrüßt worden. Jedoch gebe es derzeit in der Schule erhebliche Netzprobleme, sodass noch unklar ist, ob und wann damit gestartet werden kann. "Eventuell müssen wir deshalb doch auf den Grafik-Taschenrechner zurückgreifen."

Auf den Vorschlag des NRW-Schulministeriums, dass anstelle des Taschenrechners auch etwa ein Tablet für die Aufgaben verwendet werden darf, wird am Mataré-Gymnasium verzichtet. "Wir möchten ein einheitliches Gerät für alle Schüler", erklärt Martens. "Nur so ist Chancengleichheit bei Prüfungen garantiert."

*Name geändert

(RP)