1. Panorama

Ein Besuch bei Elvis in dessen Heim Graceland

Auf den Spuren des King : Zu Besuch bei Elvis

Graceland, das Anwesen des King in Memphis, ist eine Pilgerstätte für Fans. Und ein Riesengeschäft. Trotzdem ist es ein magischer Ort.

Elvis ist tot. Dass diese nicht gerade bahnbrechende Nachricht noch zu bewegen vermag, einen Nicht-Fan dazu, ist einem besonderen Ort zu verdanken: Graceland. Gut 20 Jahre lebte der King auf dem Anwesen in Memphis, Tennessee, heute ist es die wichtigste Attraktion der Metropole am Mississippi. Wer Memphis sagt, meint Graceland. So oft kommt man dort nicht vorbei. Once-in-a-lifetime-experience nennen das die Amerikaner. Einmal im Leben also, was soll‘s? Wenn auch die Skepsis überwiegt angesichts des Kommerz-Kultes rund um den King. Am Ende aber kommt alles anders, wirkt der Zauber von Elvis‘ Heim lange nach, wie ein Song, der einem nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Aber der Reihe nach.

Graceland liegt an einer der gesichtslosen Ausfallstraßen, die zum Repertoire jeder US-Großstadt gehören. Charme oder Schönheit sucht man hier vergebens, architektonische Zweckbauten prägen das Bild. Burgerbude neben Autohaus neben Supermarkt. Amerikanische Tristesse de luxe. Elvis‘ Zuhause wähnte man eher in einer lauschigen Parklandschaft, mit Brück­chen und Springbrunnen. Doch das Schild führt auf einen Parkplatz, dessen Ausmaße Disneyworld zur Ehre gereichen würden. Dahinter empfängt den Besucher ein Gebäudeensemble, dessen Hallen an gigantische, ineinander verschachtelte Baumärkte erinnern. „Welcome to Graceland“ verkünden meterhohe Buchstaben, und Unbehagen breitet sich aus. Wäre man Elvis besser nicht auf die Tolle gerückt?

Wer bis dorthin gekommen ist: Bitte nicht aufgeben. Klotzen gehört zum Geschäft. Mit dem King lässt sich bis heute Geld verdienen, sehr viel Geld, und das beherrschen die Amerikaner. Big Business. So bieten die diversen Hallen hunderte Elvis-Exponate vom Rasierapparat über Bühnenoutfits bis zu etlichen seiner Luxusschlitten, eine prallvolle wie seltsam seelenlose Presley-Erlebniswelt, alles verbunden durch überbordend mit Klimbim ausgestattete Souvenirshops. Für Fans ist das wahrscheinlich grandios, alle anderen müssen selbst entscheiden, wie tief sie eintauchen wollen ins Elvis-Universum. 600.000 Besucher kommen pro Jahr, nur ins Weiße Haus wollen mehr. Bis zu 150 Dollar pro Person kostet ein Ticket, das exklusive Einblicke verspricht. Los geht’s vor Ort bei 57,50 Dollar nur für die Graceland-Tour (vorab im Internet: 38,75). Das allerdings ist eine Investition, die sich lohnt.

Graceland thront auf einem Hügel auf der anderen Seite der Ausfallstraße, die großspurig Elvis-Presley-Boulevard heißt. Früher war hier Farmland, der Name geht auf die Tochter des früheren Besitzers zurück. Das Gebäude liegt nur einen Katzensprung entfernt von den Hallen, der aber trotzdem per Bus-Shuttle zurückgelegt wird. Als Führer dient ein Tablet, das zu jedem Raum im Haus Texte, Bilder und Videos parat hat. So streift man im eigenen Tempo durchs Anwesen, das von außen gediegen, aber nicht übermäßig imposant wirkt. Bescheiden fast, gemessen am Ruhm des einstigen Hausherrn.

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Vergleichbare Häuser findet man in den Südstaaten hunderte, und ebensoviele prächtigere. Elvis erstand Graceland inklusive 5,7 Hek­tar Land für 100.000 Dollar und bezog es im Frühjahr 1957. Mit zarten 22. Was das Gebäude dann doch wieder etwas imposanter erscheinen lässt. Vor dem Eintritt ins Reich des King of Rock’n’Roll steht nur noch die Selfie-Parade vor dem Säuleneingang. Danach schweigt der Spötter.

Denn mit dem Betreten des Hauses wird schnell klar, dass man hier – inszeniert, das schon, aber wohldosiert – eine andere Seite von Elvis erlebt. Das Interieur, das seinen Geschmack widerspiegelt und oft nach seinen Wünschen gefertigt wurde, ist eine Art Visitenkarte, eine Manifestation seiner Gedankenwelt. Es zeigt, in welcher Umgebung er sich wohlfühlte, welche Dinge ihm Sicherheit, Vertrauen gaben.

Graceland ist ein Gleichmacher, verwandelt die Ikone in einen Menschen, der Bedürfnisse hatte, Vorlieben und Träume. Und es füllt in bemerkenswerter Weise die Leerstelle aus, die Elvis hinterlassen hat – soll heißen, das von ihm gestaltete Umfeld macht ihn greifbarer, realer. Alles scheint so, als habe er gerade sein Heim verlassen, um in den nahen Sun Studios einen neuen Song aufzunehmen. Gemütlich. Einladend. Gleich wird er wieder auf der Matte stehen, ein souveränes Lächeln auf den Lippen, und sich auf sein weißes Sofa fläzen. Oder im Jungle Room einen Drink nehmen.

Die Räume sind eher klein als groß, auf jeden Fall überschaubar. Nur das Erdgeschoss ist zu besichtigen, die darüber liegenden Gemächer bleiben Besuchern verschlossen – angeblich auch US-Präsidenten, die sich einmal ansehen wollen, wie ein König lebt. Das war schon zu Elvis’ Lebzeiten so. Gelegentlich sollen aber heute noch Familienmitglieder vorbeischauen, Priscilla zum Beispiel, Elvis’ Ex-Frau, und Lisa-Marie, seine Tochter. Sofort stellen sich Fantasien ein, wie sie abends zusammen im Esszimmer sitzen und Elvis die Treppe heruntertänzelt, im weißen Bademantel und mit Sonnenbrille, „Heartbreak Hotel“ summend. Verwundern würde es nicht.

Dafür überrascht das Haus, weil es für die 70er geradezu zurückhaltend und für einen Popstar ungewöhnlich geschmackvoll eingerichtet ist. Und einzugsfertig dazu. Im Wohnzimmer dominiert ein 4,50 Meter langes Sofa, in der Küche steht eine der ersten Mikrowellen überhaupt, im gelb gehaltenen Fernsehzimmer sind drei Apparate in eine Schrankwand eingelassen (auf denen auch drei unterschiedliche Programme liefen), der Billard-Raum ist mit Stoffen ausgeschlagen. Auch im etwas zu opulenten Dschungelraum finden sich hochflorige Teppiche, an einer Wand plätschert ein Wasserfall, die Möbel sollen an Hawaii erinnern. Im Jungle Room hat er seine letzten beiden Alben, „From Elvis Presley Boulevard, Memphis, Tennessee“ und „Moody Blue“, aufgenommen. Selten waren die 70er so nah – und so hinreißend.

In den Nebengebäuden befinden sich unter anderem das Büro von Vater Vernon Presley, ein Schießstand und eine Racquetball-Halle. Dort saß Elvis am Morgen des 16. August 1977 noch am Klavier, bevor er sich für eine kleine Ruhepause zurückzog. Am Mittag fand ihn seine Freundin Ginger Alden tot im Badezimmer. Elvis‘ Grab liegt nur ein paar Schritte weiter, im sogenannten Meditationsgarten, gleich hinter dem Swimming-Pool.

Es ist vergleichsweise schlicht, und Besucher halten dort kurz inne, schweigend, als ob er gestern gegangen wäre. An diesem Tag ist auch ein Elvis-Darsteller dabei, eines der unzähligen Doubles, die in den USA durch die Clubs tingeln. Schwarze Hose, schwarzes, weit offenes Hemd, schwarzgefärbte Haare, breiter Gürtel, Elvis-Sonnenbrille, alles da. Er zieht aber keine Show ab, sondern erweist seinem Idol still die Ehre, kniet vor dem Grab kurz nieder, ein Moment voller Anstand und Würde. Graceland verpflichtet.

Später erzählt er, dass es gerade nicht so gut läuft mit seinen Auftritten und fotografiert sich selbst vor dem Eingang, was auch etwas Rührendes hat, und etwas Trauriges dazu. Wie der ganze Besuch. Sicher, in Graceland und vor allem in den 20.000 Quadratmeter großen Ausstellungshallen wird nur der Mythos Elvis bedient, wird kaum an der Fassade gekratzt, werden die Schattenseiten ausgespart, die Sucht, der Fall, die Paranoia.

Dennoch lässt sich der King dort anders erleben. Graceland zeigt, dass den als überirdisch Verklärten allzu irdische Sehnsüchte umtrieben – nach einem trauten Heim, nach Geborgenheit, nach privatem Glück, nach einem Rückzugsort fernab des wahnwitzigen Rummels um seine Person. Es war ihm wichtig, seine Eltern um sich zu haben, ihnen im Vergleich zu seinem Geburtshaus in Tupelo einen Palast bieten zu können. Familie ging ihm über alles, in Memphis hatte er alle Lieben um sich. Für Graceland gilt daher wie für keinen anderen Ort: Elvis is in the building. Elvis lebt.