Düsseldorf: Ehrensache Ehrenamt

Düsseldorf: Ehrensache Ehrenamt

Einer Umfrage zufolge engagieren sich heute 15 Prozent der Deutschen mehr für karitative Projekte als vor 17 Jahren.

Ehrenamt bedeutet für Bodo Fuhrmeister auch Entspannung. Der 72-Jährige betreut im Düsseldorfer Verein "Jung trifft Alt" jeden Freitagnachmittag Kinder, deren Eltern nach der Schule keine Zeit haben, hilft beim Basteln und Malen oder liest ihnen etwas vor. "Mit Kindern zu arbeiten, ist mein Hobby", erzählt der frühere Telekom-Mitarbeiter. "Wenn sie glücklich sind, bin ich auch glücklich." Am Wochenende begleitet er mit anderen Senioren auch mal Ausflüge, gemeinsam gehen sie in Parks oder ein Museum. Die Kinder profitieren genauso davon wie Fuhrmeister - eine klassische Win-Win-Situation also. Immer mehr Menschen sehen das genauso und engagieren sich ehrenamtlich. Laut einer Umfrage des Bundesfamilienministeriums üben 43 Prozent der Deutschen ein Ehrenamt aus. Das entspricht etwa 31 Millionen Menschen und ist verglichen mit einer Erhebung von 1999 ein Anstieg um 15 Prozent.

Dieter Kriegeskorte unterstützt seit zehn Jahren die Bahnhofsmission in Düsseldorf. Einmal die Woche ist der 64-Jährige sieben Stunden lang für Menschen da, die Hilfe am Hauptbahnhof brauchen. Obdachlose zum Beispiel, aber auch Sehbehinderte, Rollstuhlfahrer oder Senioren, die etwas wackelig auf den Beinen sind. Kriegeskorte bekommt durch dieses Engagement viel zurück, sagt er. "Ich gehe immer mit einem guten Gefühl hier raus", erzählt der frühere Banker. Nach einer längeren Krankheit hat der Düsseldorfer nach einem sozialem Engagement gesucht und ist in der Bahnhofsmission fündig geworden. Für seine seelsorgerischen Aufgaben wurde der 64-Jährige in Seminaren geschult.

Das Ehrenamt boomt. Mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingshilfe dürfte die Zahl der Ehrenamtlichen noch weiter gestiegen sein. Am liebsten engagieren sich die Deutschen in Sportvereinen (16 Prozent), gefolgt von Schulen und Kindergärten sowie Musik und Kultur (jeweils neun Prozent). Laut der Studie gehen 58 Prozent der Ehrenamtlichen bis zu zwei Stunden in der Woche ihrem Amt nach, 24 Prozent engagieren sich für drei bis fünf Stunden und 18 Prozent mehr als sechs Stunden in der Woche. 80 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen das Ehrenamt Spaß macht. Andere Gründe sind Gemeinschaft mit anderen Menschen, Generationenaustausch und Mitgestaltung von Gesellschaft.

Bewohner aus ländlichen Regionen gehen eher einem Ehrenamt nach als Städter, und Eltern sind sozial aktiver als Kinderlose. So verzeichnen etwa Freiwillige Feuerwehren und Vereine auf dem Land einen Mitgliederschwund. Dies liegt unter anderem daran, dass gerade von jungen Erwachsenen immer mehr Mobilität im Beruf gefordert wird. Ein Problem, das so auch Ulrich van Oepen vom Landesportbund NRW kennt. Vor allem für Wahlämter, bei denen man sich langfristig einbringen muss, sei es sehr schwierig, jüngere Nachwuchskräfte zu bekommen, so van Oepen. Das hänge aber vor allem mit den sich ändernden Rahmenbedingungen zusammen. In der Ganztagsschule und später im Studium gebe es oft einfach zu wenige Freiräume für regelmäßiges Engagement. Ein weiterer Grund sei die veränderte Motivlage bei denen, die sich engagieren. So wollen Menschen Anerkennung für ihren Einsatz und einen speziellen Nutzen. Bei reiner Schreibtischarbeit sei das jedoch nicht gegeben.

Am generellen Trend zum Ehrenamt ändert das jedoch nichts. Nur die Betätigungsfelder verschieben sich. Eine Studie der Firma betterplace.lab, die Freiwilligenarbeit in Deutschland analysiert hat, spricht gar von einem Strukturwandel. Sie bestätigt, dass die Motive der Freiwilligen heute konkreter geworden sind. Menschen wollen mit anderen Menschen aktiv in Kontakt treten und ihren Horizont erweitern. So wie Dorothea Delpino. Die 63-jährige Beamtin arbeitet im Landesamt für Umwelt in Düsseldorf. Über das Lotsenprojekt des Sozialdienstes Katholischer Frauen und Männer (SKFM) hat sie zudem zu einem sozialen Engagement gefunden. Der Dienst hilft Menschen in Not und vermittelt diese an Menschen, die helfen können und wollen.

Delpino gibt Kindern Nachhilfe, die starke Probleme in der Schule haben und sonst keinerlei Unterstützung bekommen. Sie will mit einzelnen Menschen arbeiten, so dass ein Vertrauensverhältnis entsteht. "Mir ist Schule immer leicht gefallen", sagt sie. Da sie berufstätig ist, geht sie zweimal in der Woche für eine gute Stunde zu ihrer Schülerin. "Ich habe kein Helfersyndrom", sagt Delpino. "Aber ich leiste gerne einen kleinen Beitrag."

(RP)
Mehr von RP ONLINE