München: Die TV-Helden der Kinder

München: Die TV-Helden der Kinder

Für Mädchen ist Hannah Montana mit Abstand die beliebteste Fernsehfigur, bei Jungen reicht keiner an SpongeBob heran. Auf den vorderen Plätzen spielen ARD und ZDF für die Sechs- bis Zwölfjährigen kaum noch eine Rolle.

Zu ihrem 40. Geburtstag kommt die WDR-Maus bei Mädchen und Jungen in der Rangfolge der beliebtesten Fernsehfiguren insgesamt erst auf Platz 9, bei Mädchen immerhin auf Platz 7. Den teilt sie sich mit der Zeichentrick-Figur Lisa Simpson: "Über keine andere Figur sagen so viele Mädchen: Der passiert das gleiche, was auch mir passiert. Gemeint ist das Erlebnis, die Einzige zu sein, die sieht, was richtig und was falsch ist", sagt Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI).

Für die Studie zur Beliebtheit der Fernsehfiguren befragte das beim Bayerischen Rundfunk angesiedelte Institut 716 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren, zusätzlich wurden mehr als 300 Kinder eingehend interviewt. Deutlichster Trend: Die Fernsehwelt von Mädchen und Jungen fällt immer extremer auseinander. "Das liegt vor allem daran, dass Mädchen verstärkt als Zielgruppe entdeckt werden und eigene TV-Formate angeboten bekommen", so Götz. Gerade "Hannah Montana" spiegele das emotionale Erleben der Neun- bis Zwölfjährigen besonders gut wider.

Mädchen erkennen laut der IZI-Studie in der Doppelfigur der Schülerin Miley Stewart, die sich abends in die Popsängerin Hannah Montana verwandelt, eigene Identitätsausprägungen: Einerseits erlebten sie sich als "ausgesprochen kompetent" wie Hannah, andererseits seien sie es aber gewohnt, sich auf ihre Schwächen zu konzentrieren wie Miley. Jungen haben sich dagegen laut Götz auf ein ganz anderes Modell festgelegt: Sie bevorzugen den Typ des Technikfreaks und des "lustigen Losers" – den Mädchen gänzlich unmöglich finden. Ein typischer "Unten-durch-Typ" ist Bart Simpson: "Er spiegelt das wider, was Jungen ihrer Ansicht nach jeden Tag erleben: Alle wollen etwas, was man doch nicht leisten kann. Aber mit Streichen und List ist es möglich, trotzdem viel Spaß zu haben." Gleichzeitig wüssten die Jungs, dass das nicht die richtige Art sei, mit Problemen umzugehen.

"Ben 10" löst seine Probleme mit Technik: Die Zeichentrick-Figur kann sich mit Hilfe einer außerirdischen Uhr in zehn verschiedene Monster verwandeln und solcherart gestärkt fiese Ganoven bekämpfen und die Welt vor schurkischen Aliens beschützen. Unangefochten auf Platz eins steht bei Jungen wie schon in der IZI-Befragung 2007 ein Schwamm: Der kauzige "SpongeBob" ist ihre absolute Lieblingsfigur. Die Erklärung des IZI: "Seine Beliebtheit ist durch die positiv naive Art und den kindernahen Humor zu erklären. Dabei setzt der gelbe Schwamm sich auch mit tiefen Kinderthemen wie Selbstüberschätzung, Verlusterfahrung oder den Folgen falscher Vorbilder auseinander. Gerade weil er dies auf so humorvolle Art tut, bietet die Sendung auch Jungen eine Möglichkeit, sich mit schwierigen Themen zu befassen."

Für das öffentlich-rechtliche Fernsehen sind die Ergebnisse der IZI-Studie ein Weckruf: "Es lohnt sich, sich mit den Identitäts-Themen der Kinder zu beschäftigen. Und es gibt einen klaren Nachholbedarf beim Thema Humor. Kinder lachen einfach gern", sagt Maya Götz. Bei "Hannah Montana" gebe es alle sechs bis sieben Sekunden einen Gag, unterstützt von eingespielten Studiolachern. Vor allem reiche es aber längst nicht aus, eine reine Fernsehfigur zu haben, um Kinder zu erreichen: "Der Trend geht immer weiter zu 360-Grad-Figuren, bei denen Lizensierung und Produktvermarktung von Anfang an als Teil des Formates mitgeplant werden." In der aktuellen Studie habe es keine einzige Fernsehfigur auf die vorderen Plätze geschafft, die nicht auch von den Freunden der befragten Kinder bevorzugt werde und die Kinder nicht auch überall im Alltag erleben könnten – sei es als Stofftier, Hörspiel-CD oder als Butterbrotdose.

Irritierend fanden die IZI-Befrager, für wie viele Kinder Dieter Bohlen eine wichtige Bezugsgröße darstellt – und warum: Von ihm, so erklärten die Befragten häufig, könnten sie prima lernen, wie man mit Freunden umgeht.

(RP)
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