Düsseldorf: Die Crux mit der Castingcouch

Düsseldorf: Die Crux mit der Castingcouch

Die Film- und Theaterbranche steht durch Missbrauchvorwürfe im Fokus. Wir haben mit Schauspielerinnen über das Arbeitsklima gesprochen.

Eine private Szene mit einem Schauspieler improvisieren, nur mit ihm und dem Regisseur in einem Hotelzimmer - das ist eine Situation, die sich keine junge Schauspielerin wünscht. Karin Jansen* hat sie erlebt. Die heute 35-Jährige sollte für einen TV-Film vorsprechen, das Casting fand in einem Hotel statt. Übergriffig oder unangenehm wurde zwar keiner der Männer. Als überflüssiges "Affentheater" habe Jansen dies aber schon empfunden, erzählt sie. "Weil wir als Schauspieler abhängig sind, ausgeliefert, darauf angewiesen, dass ein Regisseur uns gut findet", sagt sie. Eine Gemengelage also, die Machtmissbrauch und Grenzüberschreitungen begünstigen kann.

Seit den Missbrauchsvorwürfen gegen den US-Produzenten Harvey Weinstein sowie weitere prominente Schauspieler und Regisseure wie hierzulande Dieter Wedel, hat sich die TV-, Film- und Theaterwelt als ein bevorzugter Schauplatz derartiger Attacken herauskristallisiert. Aus vielerlei Gründen, von denen manche systemimmanent sind - dass Schauspieler Grenzen auch ausloten müssen, um Emotionen hervorzurufen etwa, oder Regisseure ihre Macht vielleicht unangemessen ausreizen, weil sie wissen, dass sie am längeren Hebel sitzen. Jansen, die viel am Theater arbeitet, berichtet von Regisseuren, die immer einen Prellbock brauchen. "Und leider gibt es nur wenige Kollegen, die sich dann vor einen stellen - mich eingeschlossen. Die meisten Schauspieler haben Angst, dass sie als Nächster dran sind."

Sich in diesem Umfeld zu behaupten, seine Integrität zu bewahren, ist nicht einfach - zumal es ja dazugehört, aus sich herauszugehen, Tabus zu überschreiten. Etwa, indem man sich, wenn es Rolle oder Regisseur verlangen, nackt auf die Bühne stellt. Jansen hat das sowohl positiv als auch negativ erlebt. Einmal hat eine Regisseurin das Umfeld so eingerichtet, dass Jansen sich "beschützt" fühlte - Lampen waren ausgestellt, der Bereich hinter der Bühne gesperrt. Ein anderes Mal wurde sie vor anderen Ensemblemitgliedern vom Regisseur gefragt, ob sie auf der Bühne auch ihre Brüste zeigen würde. "Das habe ich als Machtmissbrauch empfunden", sagt sie. Ähnliche Erfahrungen hat Katharina Koch* gemacht. Die heute 53-jährige Schauspielerin sollte als junge Darstellerin im Theater eine sexuelle Verführerin spielen. Der Regisseur verlangte von ihr, dies ohne Unterhose zu tun. "Das hat mich damals total verunsichert", erzählt sie. "Die Frage für mich war: Wo ist die Grenze? Wie weit lässt du dich darauf ein?"

Eine Frage, die viele Nachwuchs-Schauspielerinnen umtreibt, weil sie in der Filmindustrie Fuß fassen wollen und nur eine Chance haben - das Casting. "Die Branche arbeitet aber heute viel professioneller als früher", sagt Marc Schötteldreier, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands Casting (BVC). Die Räume seien geschützter, in denen sich die Schauspieler bewegen, zudem gebe es hierzulande nicht so große Machtkonzentrationen etwa auf einen Produzenten wie in den USA. Von der sogenannten Casting- oder Besetzungscouch, auf der sich junge Darstellerinnen tummeln und die zu einem Synonym für Machtmissbrauch geworden ist, gar nicht zu reden.

"Es ist doch im eigenen Interesse des Casting-Directors, ein gutes Umfeld für die Bewerber zu schaffen, weil sie am Erfolg gemessen werden." Teilweise seien, zumeist in vorhandenen oder angemieteten Casting-Studios, mit Regisseur, Kameramann, Produzent und anderen bis zu sechs Personen anwesend. "Das ist eine Arbeitsatmosphäre." Gehe es um eine Szene, in der körperliche Nähe verlangt werde, würden sich die Schauspieler in der Regel untereinander absprechen. Das bestätigt auch Jansen, die etwa für die Serie "In aller Freundschaft" an einem hochprofessionellen Casting teilgenommen hat. Und die meisten Spielpartner würden vorher fragen, wenn es darum gehe, sich zu berühren. Bei einem Casting sei das generell nicht nötig, sagt Schötteldreier. "Das kann man auch anders lösen."

Gemeinsam mit dem Bundesverband Schauspiel will der BVC nun eine Beschwerdestelle für Schauspieler einrichten, die sich sexuell genötigt fühlten. Das Projekt heißt "Unter der Gürtellinie". Dazu noch einen Verhaltenskodex für die Branche aufzustellen, hält Schötteldreier aber für übertrieben. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu viele Barrieren im Kopf errichten und das freie Aufspielen erschweren", sagt er. "Durch die Diskussion ist die Branche ohnehin sensibilisiert."

Es ist eine Gratwanderung, gerade im Showmilieu. Dort ist man schnell per Du, begrüßt sich mit Küsschen. Schötteldreier sagt, man dürfe diesen lockeren Umgang nicht verlieren. Es bedeutet aber auch, dass man unter Schauspielern, die intensiv an einem Projekt arbeiten, sehr schnell "wahnsinnig vertraut" miteinander ist, sagt Schauspielerin Jansen. "Da verwechselt man schon mal schnell, was gespielt ist und was real."

Katharina Koch hat sich ihre Frage nach den Grenzen, die sie zu überschreiten bereit ist, früh beantwortet. "Ich habe mir das Versprechen gegeben, dass ich Machtmissbrauch nicht zulasse, mich nicht verletzen lasse", sagt sie. "Wir gehen auf die Bühne mit unserem Körper und unserer Seele, und dies müssen wir um jeden Preis beschützen."

*Namen geändert

(RP)