Wie fährt man bei 40 Grad unter null Rad?

Extrem-Radfahrer im Interview: Wie fährt man bei 40 Grad unter null in Sibirien Rad?

Wo die Straßen enden, beginnt für Richard Löwenherz der Weg. Der Berliner fährt mit seinem Fahrrad wochenlang durch die russische Wildnis, am liebsten im Winter, wenn die Zahncreme gefriert. Warum tut er sich das an?

Im April 1993 kaufte sich Richard Löwenherz eigentlich nur ein neues Rad, weil der damals 13-Jährige auf dem alten mit den Knien an den Lenker stieß. 600 Mark kostete das Teil im Nachbarort in der brandenburgischen Provinz. Nicht abzusehen war, dass er auf dem 18 Kilogramm schweren Stahlrad mit 18 Gängen mehr als 110.000 Kilometer fahren und es erst 2016 durch ein neues Rad ersetzen würde. Zu diesem Zeitpunkt hatte er längst sein Geografie-Studium abgeschlossen und arbeitete als Meteorologe in Berlin.

Seit 1999 bricht Löwenherz zu Touren in Skandinavien und Osteuropa auf, bevorzugt in Russland, mehrfach im Winter. 2017 fuhr er sieben Wochen durch die sibirische Kälte, 1790 Kilometer. Im Juni macht er sich wieder auf den Weg. Sechs bis sieben Wochen will der 38-Jährige durch den kurzen Hochsommer im östlichen Sibirien fahren. Auf seiner Website berichtet er regelmäßig von seinen Reisen.

Bei wie viel Kilometern stehen Sie gerade?

Richard Löwenherz Fast 140.000.

Den Großteil haben Sie mit einem einzigen Rad absolviert, das Sie Berserker getauft haben.

Löwenherz Die Leute haben schon vor Jahrzehnten gesagt: Kauf dir mal ein Neues.

Sie waren damit bis 2016 unterwegs. Ich tippe schwer darauf, dass Sie es noch besitzen.

Löwenherz Richtig. Das Rad steht im Keller. Der dritte Rahmenbruch wäre theoretisch zu schweißen, sagen Freunde mit Ahnung.

Löwenherz unternimmt seit 1999 mehrwöchige Radtouren.
Löwenherz unternimmt seit 1999 mehrwöchige Radtouren. Foto: Richard Löwenherz

Wie haben Sie es geschafft, auf dem Rad bei 40 Grad minus in Russland nicht zu erfrieren?

Löwenherz Das ist eine Gratwanderung zwischen Fahrradtour und Überlebenstraining. Sie müssen auf so viele Dinge achten. Sie dürfen nicht zu viel schwitzen, Sie müssen in den Pausen aufpassen, nicht auszukühlen. Ich habe immer das genommen, was im Schrank war, keine teure Daunenjacke oder Skihose, und mich ans Zwiebelschalenprinzip gehalten. So bin ich ohne Erfrierungen durchgekommen.

Sie haben auch gebastelt.

Löwenherz Aus alten Autositzbezügen aus Lammfell habe ich Taschen für die Lenker genäht, in die ich meine Hände legen kann. Dann reichen mir einfache Handschuhe, die ich nicht ständig ausziehen muss, selbst wenn ich nur fotografieren will. Ich habe vieles gelernt, zum Beispiel die Sache mit den Füßen. Dünne Socke, Plastiktüte drüber, dicke Socke, Wanderschuhe, damit ist der Fuß isoliert und die Tüte verhindert, dass der Schweiß nach außen dringt und gefriert. Sonst wird der Schuh hart und man kommt am nächsten Morgen kaum hinein. Außerdem isoliert ein vereister Schuh nicht mehr genug.

Sie mussten ja erst mal die Nacht überstehen. Wie geht das bei 50 Grad minus? Sie hatten damals nicht mal ein Zelt aufgebaut.

Löwenherz Wie ich das geschafft habe, frage ich mich selbst manchmal. Ein ganz wichtiger Punkt ist: Euphorie. Ich war wirklich begeistert, Erfahrungen mit der Kälte zu machen. Ich wollte wissen, wie sich das anfühlt. So hatte ich viel mehr Energie. Aber ich habe über die Jahre auch Kleinigkeiten gelernt, wie ich was händeln muss, damit ich keine Probleme bekomme. Wenn ich merke, dass die Finger kalt werden, kann ich nicht warten, sondern ziehe sie aus dem Handschuh und schiebe sie unter der Gesichtsmaske an den Hals, um sie aufzuwärmen. Für die Nacht habe ich ein Rentierfell auf einer Plane ausgebreitet, bin in meinen Winterschlafsack reingekrochen, der auf minus 10 Grad ausgelegt war, und habe mich mit einem Sommerschlafsack zugedeckt. Alle zwei Stunden bin ich aufgewacht, weil mir kalt war. Dann habe ich mich im Schlafsack bewegt, bis mir halbwegs warm wurde.

Abends haben Sie sogar noch versucht zu kochen.

Löwenherz Der Benzinkocher hat aufgrund der Kälte nicht funktioniert. Ich habe die Flasche mit in den Schlafsack genommen, um morgens damit kochen zu können. Abends gab es nur Kekse und luftgetrocknete Wurst. Die lässt sich auch bei diesen Temperaturen kauen. Die Zahncreme war allerdings gefroren.

Über diese Tour durch Nordrussland im Winter schreiben Sie: „Mir ist, als führte ich mit jedem Tag ein anderes Leben.“ Wie meinen Sie das?

Löwenherz Damit meine ich die Begegnungen in den abgelegenen Dörfern. Wenn die Russen mich eingeladen haben, steckte ich mittendrin in ihrem Leben. An einem Tag sind das arme Leute, die sich über die schlechten Zustände in ihrem Dorf beklagen und viel Alkohol trinken. Am nächsten Tag treffe ich Leute mit ein bisschen Geld, wir gehen in ihre Sauna. Und wieder einen Tag später bin ich beim Chef einer Wurstkonservenfabrik zu Gast. Der hat neben der Sauna noch einen Pool im Keller. Und dann schlage ich mich wieder allein durch die Kälte in der Tundra.

Die erste große Tour haben Sie im Frühling 1999 durch Südschweden gemacht…

Löwenherz … zwischen den schriftlichen und mündlichen Abiprüfungen. Wir waren vier Freunde und haben uns die Zeit einfach mal genommen, um zwei Wochen mit dem Rad durch die nordische Natur zu fahren.

Mit diesem Fahrrad fuhr er zwischen
Mit diesem Fahrrad fuhr er zwischen 1993 und 2016 mehr als 110.000 Kilometer. Foto: Richard Löwenherz

Ihre Mitfahrer sind in den folgen Jahren nach und nach ausgestiegen, Sie nicht. Warum?

Löwenherz Da waren diese starke Sehnsucht nach Einsamkeit und der Wunsch, noch tiefer in die Wildnis, in die Natur, in den Norden zu fahren. Ich wollte hoch an den Polarkreis, auch wenn das für mich zunächst unvorstellbar war. Mit der Erfahrung sieht man dann: halb so wild. Die wichtigste Feststellung: Ich kam gut mit mir selbst zurecht. Bei der Tour an den Polarkreis gelangte ich auch an die Grenze zu Russland und dachte: Das sieht noch wilder und abenteuerlicher aus. Ein Jahr später bin ich genau dorthin gefahren.

Sie fingen dann an, auch im Winter zu fahren, bevorzugt in Russland. Was reizt Sie daran?

Löwenherz Dieses Knirschen im Schnee, unterwegs zu sein, wenn sich die Nasenhaare beim Einatmen zusammenziehen, das Glitzern bei Mondschein. Das ist eine surreale Welt. Und in den ländlichen Gebieten Russlands fühlt man sich auch noch in eine andere Zeit versetzt.

Wie muss jemand veranlagt sein, um so etwas zu machen?

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Löwenherz Es ist schwer für mich, das in Worte zu fassen. Der eine hat diese Sehnsüchte, der andere jene.

Warum tun Sie sich die Einsamkeit an? Da zermartert man sich doch nur den Kopf.

Löwenherz Davor sollte man sich nicht fürchten, weil man erst dann erkennt, was einen ausmacht. Unterwegs verändert sich die Welt permanent, die einzige Konstante bin ich. Was übrig bleibt, das gehört zu mir.

Aber irgendwann will doch jeder mal wieder Menschen sehen.

Löwenherz Ich lege meine Routen immer so, dass ich wenig Zivilisation durchquere. Die Begegnungen in den Dörfern erlebe ich dafür umso intensiver. Nach einigen Tagen unter Menschen bin ich aber froh, wieder alleine zu sein.

Ist der Weg das Ziel?

Löwenherz Es braucht nach quälenden Abschnitten schon auch Momente, die einen belohnen. Schöne Landschaften, Lichtstimmungen, Erlebnisse mit Einheimischen. Irgendetwas, was einen bewegt, wo man versteht: Dafür bin ich aufgebrochen.

Was sind die ersten Bedürfnisse, die auf einer langen Tour verschwinden?

Löwenherz Bei der einen Sache muss man zurückstecken, bei einer anderen kann man seinem Bedürfnis voll und ganz nachgehen. Die Freiheit ist beispielsweise ein großes Bedürfnis, das ich auf meinen Reisen voll ausleben kann. Dafür muss ich andere Bedürfnisse den Umständen nach reduzieren. Gerade im Winter bin ich auch mal zwei Wochen unterwegs, ohne mich waschen zu können. Das muss ich einfach akzeptieren.

Interessiert Sie unterwegs, was im Rest der Welt passiert?

Löwenherz Wenn ich wegfahre, dann fahre ich richtig weg. Ich bin nur für mich unterwegs, ich führe keinen Instagram-Account. Ich nehme zwar ein Handy mit, aber ein Smartphone besitze ich nicht mal. Wenn ich mal in ein Internet-Cafe komme, schreibe ich Familie und Freunden eine Mail, damit sie wissen, wie es mir geht. Ich möchte ausschließlich in der Welt sein, in der ich gerade unterwegs bin.

Ein Krieg könnte ausbrechen, und Sie würden es nicht mitbekommen.

Löwenherz Am 11. September 2001 war ich mit einem Freund im Baltikum unterwegs. In Litauen haben wir schwarze Flaggen auf Halbmast gesehen, aber nicht weiter nachgefragt. Ende September haben wir in Polen eine Zeitung gesehen mit einem Foto, auf dem ein Flugzeug in einen Turm fliegt. Aber erst nach unserer Rückkehr Anfang Oktober haben wir erfahren, was passiert ist.

In Ihren Berichten schildern Sie die meisten Menschen als gastfreundlich. Hat das damit zu tun, dass Sie ein Reisender sind?

Löwenherz Sie sind auch häufig froh, überhaupt mal einen neuen Menschen zu sehen. Manchmal hatte ich das Gefühl, die zanken sich regelrecht darum, wer mich zu Gast haben darf. Die Aufgeschlossenheit der Leute in Sibirien ist aber auch größer als hier, die Leute nehmen sich die Zeit. Da habe ich mich schon gewundert, wie ein ganzes Dorf mitten unter der Woche plötzlich frei machen kann.

Die finden Sie genauso exotisch wie Sie die.

Löwenherz Ich hatte mich immer schlecht gefühlt, weil ich etwas von den Leuten bekam, ohne mich revanchieren zu können. Irgendwann wurde mir klar, dass ich den Leuten durch meine Anwesenheit auch etwas gebe.

Haben die Reisen Sie verändert?

Löwenherz Ich versuche, mich mehr als Teil meiner Umgebung, als Teil des Ganzen zu verstehen. Dann verhält man sich anders, rücksichtsvoller. Ich habe auch ein positiveres Bild von der Welt bekommen.

Das Sie vorher nicht hatten?

Löwenherz Ich musste erst mal eine Menge Vorurteile abbauen. Vor meiner ersten Reise nach Russland wurde ich gewarnt: Das ist gefährlich! Vielleicht bringt man dich um! In der ersten Woche war ich sehr vorsichtig. Da bin ich erst in den Wald, um ein Nachtlager zu finden, als gerade kein Auto auf der Straße war. Dann habe ich gecheckt: Das ist total entspannt. Ich habe nicht mal mehr mein Fahrrad abgeschlossen, wenn ich in einen Laden gegangen bin. Denn sollte jemand krumme Dinger drehen, weiß es direkt das ganze Dorf.

Wie häufig dachten Sie unterwegs daran, nicht mehr nach Hause zurückzukehren?

Löwenherz Mittlerweile gar nicht mehr, es ist schon beinahe Routine geworden: Rausfahren, zurückkehren, rausfahren. Ohne meinen Job hier könnte ich diese Reisen gar nicht machen. Ich mache mir auch bei Sibirien keine Illusionen. Als Reisender finde ich das toll, aber was ist, wenn ich dieses Leben dort dauerhaft führen müsste?

Trotzdem muss jede Rückkehr der Horror für Sie sein. Sie wohnen in Berlin.

Löwenherz Und zwar relativ zentral an der Ringautobahn. Früher war ich die ersten Wochen ein wenig deprimiert, aber der Job lenkt mich ab und die Träumerei geht bald wieder los. Wohin fahre ich im nächsten Jahr? Früher dachte ich, irgendwann würde ich wie alle „vernünftig“ werden und die Touren lassen – aber das hat mich unzufrieden gestimmt und ich habe meinen Sehnsüchten wieder freien Lauf gelassen.