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Kölner Erzbischof: Wer folgt auf Kardinal Meisner?

Kölner Erzbischof : Wer folgt auf Kardinal Meisner?

Wird es Georg Gänswein, der smarte Privatsekretär Benedikts XVI., oder Franz-Josef Overbeck, der "Ruhrbischof", oder Reinhard Kardinal Marx, der Erzbischof von München und Freising? Voraussichtlich im Februar 2014 endet die Amtszeit des Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner. Noch kann man nur spekulieren, wie es weitergeht.

Ein Kapitel deutscher Kirchengeschichte geht bald zu Ende. Der streitbare, umstrittene Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner, nimmt nach seinem 80. Geburtstag am Weihnachtstag seinen Bischofshut, wenn man das bei einer Eminenz der Römischen Weltkirche so profan formulieren darf. Papst Franziskus, den Meisner im März-Konklave nicht auf dem Schirm hatte (er favorisierte zwei andere Kardinäle, vermutlich den Mailänder Angelo Scola und den Wiener Christoph Schönborn), wird dem Wunsch Meisners nachkommen, der als bald Achtzigjähriger ganz lapidar erklärt hatte, irgendwann müsse es auch mal gut sein.

Wenn er im September aus dem Jahresurlaub zurückkehrt, wird der Erzbischof, der nach dem Kirchenrecht mit 75 Jahren offiziell seinen Rücktritt eingereicht hatte, den dann Benedikt XVI. erwartungsgemäß nicht angenommen hatte, ein erneutes Schreiben an den Vatikan richten und darin bitten, ihn nunmehr zu entpflichten.

Besonders bekannt, besonders häufig karikiert

Im Februar 2014 hätte Meisner erzbischöfliches Silberjubiläum. Ob dann schon ein Diözesan-Administrator die Zeit der Vakanz auf einem der weltweit bedeutendsten Bischofsstühle der Weltkirche überbrückt, liegt ebenso in den römischen Sternen wie die Entscheidung über die Nachfolge Meisners. Darüber später.

Wie gerne hätte der 79-Jährige Kölner Kardinal Papst Franziskus beim Abschlussgottesdienst des Eucharistischen Kongresses in Köln am 9. Juni begrüßt! Der Kongress war Meisners Idee. Die fünftägigen Feiern des Allerheiligsten stellen das große Schlusskapitel eines eindrucksvollen Priesterlebens dar. Meisner, der zunächst Bankkaufmann war und als Spätberufener zu Theologie und Philosophie fand (Dr. theol. an der römischen Gregoriana), gehört zu den bekanntesten, meistbefehdeten, meistkarikierten deutschen Gottes- und Kirchenmännern.

Aber Franziskus wird nicht nach Köln kommen; Meisner, der den ihm fremden Argentinier eingeladen hatte, ahnte das wohl, aber ein wenig hatte er doch auf den Besuch des neuen Papstes zu "seinem" Kongress in seinem "heiligen Köln", dem "Rom des Nordens", gehofft.

"Sein" Köln? Es war keine Liebe auf den ersten Blick, eher fast Abneigung am Anfang der längst intakten Zweierbeziehung zwischen Erzbischof und Erzbistum. Das legendäre Heimweh-Lied "Ich mööch zo Foß noh Kölle jon" hätte Joachim Meisner vor einem Vierteljahrhundert nicht einmal im Traum gesungen. Das hatte zwei Gründe: Der damalige Bischof im noch geteilten Berlin stammt nicht vom Rhein, sondern aus Breslau in Schlesien. Und Bischof Meisner wollte aus tiefster Überzeugung nicht Erzbischof in dem ihm zunächst so wesensfremden rheinisch-liberalen Köln werden. Aber eben das wollte Papst Johannes Paul II., der seit Jahren große Stücke auf seinen Ost-West-Hirten hielt. Und der Jahrhundert-Papst setzte sich natürlich durch.

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Meisner, der ein wunderbar humorvoller Erzähler sein kann, berichtete einmal in Neuss von der entscheidenden Begegnung mit Johannes Paul II. am Swimmingpool in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo. Die geistlichen Herren lagen nebeneinander in Liegestühlen, und der energische Pole auf dem Stuhl Petri duldete keinen Widerspruch. Joseph Ratzinger, damals noch Kurienkardinal, machte seinem geschätzten deutschen Mitbruder endgültig klar, dass Widerstand wohl zwecklos sei.

Keine Zweidrittelmehrheit für Meisner

Dem 16-köpfigen Metropolitankapitel ("Domkapitel") von Köln, das gemäß dem fortgeltenden Preußenkonkordat von 1929 zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Freistaat Preußen den Kölner Erzbischof zu wählen hat, sagte der Neuankömmling am Rhein Anfang 1989 auf seine schnörkellose Art: "Ihr habt mich nicht gewollt, und ich wollte nicht zu euch kommen." Das Domkapitel, in dem es nie eine Zweidrittel-Mehrheit für den Papst-Kandidaten gegeben hatte, war von Rom in einem monatelangen Machtpoker ausmanövriert, ausgetrickst worden.

Im März dieses Jahres sagte Meisner seinem als Bischof nach Dresden entsandten Weihbischof Heiner Koch: "Lieber Heiner, der Weg zum Himmel ist von Sachsen aus genauso weit wie vom Rheinland. Du wirst in Dresden dasselbe Evangelium verkünden und für denselben Christus den Kopf hinhalten."

"Den Kopf hinhalten" — ein passendes Stichwort zu Meisners Verständnis vom Priestertum, vom Christentum überhaupt. Der Kirchenmann mit der durch nichts zu erschütternden Überzeugung, man müsse Gott mehr gehorchen als irgendjemandem sonst, schon gar nicht dem gerade wehenden gesellschaftlichen Zeitgeist, bezeichnet in diesen Tagen Aufbruch als das christliche Gebot der Stunde — Aufbruch und tapferen Widerstand gegen die Maßstäbe der herrschenden politischen Meinungen. Ein echtes Meisner-Credo: "Gottesfurcht macht frei vor Menschenfurcht."

Der Kölner Kardinal wurde wie niemand sonst im deutschen Episkopat für seine konservative Haltung angefeindet. Man schalt ihn gar "Hassprediger". Der große Prediger vor dem Herrn war nicht davor gefeit, sich zu vergaloppieren, etwa wenn er hunderttausendfache Abtreibungen in einem Atemzug mit den rassistischen Massenmorden der Nazis nannte. Bischöfliche Mitbrüder zürnten ihm, als er listig mit Hilfe seiner bis heute blendenden Kontakte zum Vatikan Versuche der deutschen Bischofskonferenz zunichte machte, im staatlichen System der Schwangerschafts-Konfliktberatung zu bleiben.

Kirchliches Ja zur "Pille danach"

Derselbe Meisner war es aber auch, der jüngst seine Bischofskollegen in Trier gleichsam im Sturm dafür erobern konnte, nicht mehr Nein, sondern ein kirchliches Ja zur "Pille danach" zu sagen, wenn zum Beispiel eine vergewaltigte Frau damit die Zeugung verhindern kann. Nicht nur linksliberale Kabarettisten und Politiker, die sonst in einer merkwürdigen Hassliebe ihren nicht immer niveauvollen Spott über Kardinal Meisner ergossen, waren sprachlos, einige konnten sich ein "Chapeau, Eminenz!" nicht verkneifen.

Es bleibt eine überstrapazierte Metapher, dennoch ist es so: Der Nachfolger Meisners schlüpft in große Schuhe. In Köln reagierte man gestern entgeistert über die heftig einsetzenden Spekulationen: "Alles Kaffeesatz-Leserei. Hat jemand damit gerechnet, dass Weihbischof Woelki 2011 Erzbischof von Berlin, Weihbischof Koch 2013 Bischof von Dresden-Meißen werden würde?"

Ginge es nach Meisner, der im Jahresdurchschnitt alle sechs Wochen Rom besuchte und dort jedes Mal wie um zehn Jahre verjüngt wirkte, würde wohl sein jüngster Weihbischof, Dominikus Schwaderlapp, sein Nachfolger. In der Sprache der Aktienhändler wäre Erzbischof Georg Gänswein, badisch-römischer Kirchenrechtler und Benedikts XVI. Privatsekretär, ein hochspekulatives Kölner "Wertpapier". Um die weitere Verwendung Gänsweins, der momentan mit dem emeritierten Papst Benedikt ein abgeschiedenes Dasein im Klosterhaus hinter St. Peter fristet, ranken sich viele Gerüchte. Wurde nicht auch der Privatsekretär Johannes Paul II. erst Erzbischof und dann von Benedikt zum Leiter der Erzdiözese Krakau befördert?

Käme Gänswein nach Köln, erhielte das Erzbistum einen Bischof, der laut "hier" gerufen haben muss, als der liebe Gott die Wohlgestalt verteilte; aber an konservativer Haltung würde der Priester, der einst im Schwarzwald Skilehrer war und römische Damen in Verzückung setzt, Meisner nicht nachstehen.

Womöglich läuft die Nachfolge also doch auf jemanden wie wie den Essener Bischof ("Ruhrbischof") Franz-Josef Overbeck hinaus. Overbecks Name fiel in den vergangenen Monaten immer wieder, wenn über die herausragenden nachwachsenden Persönlichkeiten des deutschen Katholizismus gesprochen wurde. Auch einen Wechsel von Reinhard Kardinal Marx von München-Freising an den Rhein halten einige Propheten für denkbar. Wer immer Meisner nachfolgen wird, kann, falls er ihn noch nicht hat, mit dem Kardinalspurpur rechnen. Außerdem ist er Anwärter auf die im Laufe des Jahres 2014 frei werdende Position des Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz.

(RP/csi)