Kurdische Rockerbande in Köln: "Wer den Konflikt scheut, ist kein Rocker"

Kurdische Rockerbande in Köln : "Wer den Konflikt scheut, ist kein Rocker"

Eine neue Rockerbande sorgt in Köln für Aufsehen. Die überwiegend kurdischstämmigen Mitglieder des "Median Empire MC" drohen mit den Hells Angels aneinander zu geraten. Eine Zuspitzung des Konflikts zwischen rivalisierenden Rockerbanden in NRW könnte die Folge sein.

Ein Spaziergang über den Kölner Ring ist nicht ungefährlich. Zumindest, wenn man eine schwarze Lederweste mit der Aufschrift "Median Empire" trägt. Erhan* ist momentan viel mit dieser Weste unterwegs. Er trägt Jeans und T-Shirt, darüber die Kutte, die ihn als Mitglied seiner Gang identifiziert. Ein weißer Totenkopf ist darauf zu sehen, darüber die Zahl 135. Der 13. Buchstabe im Alphabet ist das M, der fünfte das E. Die Zahlen stehen für die Insignien des Clubnamens Median Empire MC — und sie stehen für eine gewaltbereite Gruppe von Motorradfans, die unter Polizeibeobachtung steht.

"Es ist wichtig, in der Stadt präsent zu sein", sagt Erhan. Als Rockerbande wird man nur ernst genommen, wenn man von sich reden macht. Er und seine Freunde unternehmen darum regelmäßig Ausflüge und patroullieren auf den Kölner Ringen. Sie wissen, dass sie damit andere Rocker provozieren, die die Kölner Innenstadt als ihr Revier betrachten. Tatsächlich hat es bereits einige brenzlige Situationen gegeben: "Es deutet sich an, dass die Hells Angels ein Problem mit uns haben", sagt Erhan. "Wir wollen herausfinden, ob das stimmt."

Hells Anges dulden keine anderen Rocker neben sich

Sollte das der Fall sein, droht Köln Schauplatz eines erneuten Rockerkrieges zu werden. Denn die Hells Angels sind dafür bekannt, dass sie keine anderen Rocker neben sich dulden. Erst im Januar waren Hells Angels und Bandidos in Mönchengladbach aneinandergeraten, dabei wurden vier Menschen verletzt. Und Ende Mai starb ein Bandidos-Mitglied in Bottrop an einer Schussverletzung — wahrscheinlich durch einen Hells Angel.

Die Untergrund-Welt der Rocker mit ihrem eigenen Moralkodex und eigenen Regeln ist spätestens 2009 mit der Ermordung eines Bandidos-Mitglieds in Duisburg auf die politische Agenda gerückt. Doch bis heute hat die Politik noch keine wirksame Antwort auf die Gewalteskalation gefunden. Das NRW-Innenministerium hat jetzt damit begonnen, einzelne Rockervereine zu verbieten. Ende April wurden das Bandidos-Chapter in Aachen und fünf seiner Supporter-Clubs geschlossen.

Parallel begannen mehrere hundert Polizisten mit Razzien gegen Einrichtungen der Rocker in NRW. Am Dienstag wurden bei einer Razzia in Krefeld, Solingen und Düsseldorf Clubheime der Rocker durchsucht. "Ihre Methoden sind Bedrohung, Erpressung und Gewalt. Das können und werden wir nicht dulden", sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD).

Neue Niederländische Rockerbande in Duisburg

Schwierigkeiten bereitet der Polizei, dass beinahe zeitgleich ein weiterer neuer Rockerclub gegründet wurde. In Duisburg hat die niederländische Rockerbande Satudarah ihr Clubhaus eröffnet. Die Bande ist mit den Bandidos verbunden, die Ansiedlung der Niederländer in direkter Nachbarschaft zu den Erzfeinden Hells Angels sei als "offene Kriegserklärung" zu verstehen, so die Polizei.

Doch ein bundesweites Verbot der Rocker lässt die derzeitige Rechtslage nicht zu. Darum werden bei entsprechenden Anlässen lediglich einzelne Chapter vom Innenministerium verboten. "Ein Vereinsverbot für Rockerbanden ist ein Werkzeug in der Maßnahmenpalette. Aber ein solches Verbot muss einer verwaltungsrechtlichen Prüfung standhalten", sagt LKA-Experte Jungbluth.

Motorradpflicht

Die Motorradclubs haben in Deutschland eine lange Tradition. 1973 wurde in Hamburg die erste deutsche Ortsgruppe (Charter) der Hells Angels gegründet, die ihre größte Gemeinschaft in den USA haben und weltweit inzwischen in mehr als 32 Ländern vertreten sind. Seitdem ist die Zahl der Rocker in Deutschland beständig gestiegen, heute gibt es mit den Hells Angels, Bandidos, Gremium MC, Outlaws , Mongols und Median Empire insgesamt sechs große Rockergruppen.

Die beiden größten, Hells Angels und Bandidos, haben in Nordrhein-Westfalen jeweils 140 und 200 Mitglieder, die zahlreichen Unterstützer nicht mit eingerechnet. Zu den klassischen Eigenschaften der Clans gehören nicht nur Motorradpflicht und gemeinsame Ausflüge, sondern auch die gegenseitigen Anfeindungen und Revierkämpfe mit den anderen Gruppen.

Verschwiegen wie ein Grab

Einmischung von Außen ist nicht geduldet — auch nicht von Seiten der Polizei. Es gehört zu den seltsamen Regeln der Szene, dass ein verwundeter Hells Angel sich eher die Zunge abbeißen würde, als der Polizei den gegnerischen Rocker zu verraten, der ihm die Verletzung zugefügt hat. Und nun haben die Hells Angels in Köln einen weiteren potentiellen Gegner.

Warum die Rocker von Median Empire und die Hells Angels keine Freunde mehr werden, liegt in der Geschichte der beiden Clubs begründet. Zwar hat Frank Hanebuth, Deutschland-Chef der Hells Angels, erst kürzlich in einem Interview erklärt, dass sein Rockerclub keine Rechtsextremisten duldet, doch die Mitglieder des Median Empire haben in Köln andere Erfahrungen gemacht. Die überwiegende Mehrheit seines Clubs Median Empire sind Kurden.

"Dann wären wir nur ein Karnevalsverein"

Erhan möchte unerkannt bleiben, auch wenn die Polizei seine Akte längst kennt. Er selbst hat kurdische Wurzeln, lebt seit vielen Jahren in Köln und hatte schon als Jugendlicher das Bedürfnis, in einer Gruppe das Gefühl von Zusammengehörigkeit zu spüren. Gemeinsam mit Freunden wurde er vor einigen Jahren Mitglied der Kölner Rockergruppe "Mongols MC" — fühlte sich dort aber um seine Werte betrogen. Erwartet hatte er Ehrlichkeit, Respekt und Vertrauen, stattdessen fand er Missgunst und Konkurrenzkampf. "Unter Bruderschaft hatte ich mir etwas anderes vorgestellt." Die Folge: Erhan und seine Freunde traten aus dem Verein aus und gründeten ihren eigenen Club.

Im November 2011 wurde in Köln das deutschlandweit erste Chapter des Median Empire MC gegründet. Inzwischen gibt es weitere Ableger in Nürnberg und Karlsruhe, in der Gründungsphase befinden sich aktuell Charter in Bonn und Düsseldorf. Und sie machen keinen Hehl daraus, dass es ihnen bei weitem nicht nur ums Motorradfahren geht: "Wenn wir nur Harley fahren und bunte Kutten tragen wollten, wären wir ein Karnevalsverein", sagt Erhan. Es geht um Geld, um Kontrolle und Macht — unter Hinnahme von Gewalt. "Wenn wir den Konflikt scheuen würden, wären wir keine Rocker."

Die Polizei ist machtlos

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Rockerbanden ihre Motorradbegeisterung lediglich als Vorwand nehmen, um ihre Verwicklungen in die organisierte Kriminalität zu kaschieren. Wer es in den Club geschafft hat, auf den warten neben Motorrad-Folklore und Easy-Rider-Spielen der Einstieg in die gesellschaftliche Unterwelt. Rockergruppen sind im Türstehermilieu aktiv, ihnen werden Verbindungen zur Drogenmafia und ins Rotlichtmilieu nachgesagt. Die Polizei ist weitestgehend machtlos: Nur selten lassen sich die illegalen Seilschaften der Rocker nachweisen.

Denn das Geschäftsmodell der Rocker ist trotz ihres martialischen Auftretens subtil: Oft machen sie sich gar nicht direkt selbst strafbar, sondern fungieren als Drohkulisse. Mancher Geschäftspartner lässt sich schneller von einem Deal überzeugen, wenn gleichzeitig 30 bewaffnete Rocker vor dem Haus stehen, in dem sich seine Frau und seine Kinder aufhalten.

Gleichwohl beobachtet die Polizei die Rocker genau — und verstärkt die Razzien, um den Druck auf die Rocker zu erhöhen. "Im Moment werden in NRW wöchentlich Kontrollmaßnahmen durchgeführt", sagt Thomas Jungbluth, Experte beim Landeskriminalamt NRW, im Gespräch mit RP Plus. Denn in den vergangenen Jahren ist die Szene stark gewachsen. Nicht nur die Zahl der Mitglieder in Rockerclubs stieg, sondern auch die ihrer Fans, den so genannten Supportern. "Die Zahl der Supporter-Gruppen von Hells Angels und Bandidos hat in den vergangenen Jahren zugenommen", bestätigt Jungbluth.

Die Polizei beobachtet die Rocker

Auch die neue Kölner Rockerbande Median Empire steht im Fahndungslicht der Ermittler. Zwar sind sie laut LKA bisher noch nicht auffällig geworden, "aber wir beobachten sie genauso wie die anderen Motorradclubs", sagt Polizeisprecher Carsten Möllers. Inzwischen konnte die Polizei den Rockern bereits mehrfach in die Parade fahren: Erhan berichtet, wie Uniformierte seine Wohnung stürmten und ihn und seine Freundin aus dem Schlaf rissen.

Ein anderes Mal war er gerade auf dem Weg zu einer Auseinandersetzung mit verfeindeten Rockern, als die Polizei ihn auf dem Handy erreichte: "Wir wissen, wo Ihr Euch treffen wollt und sind schon am Treffpunkt. Wollt ihr es wirklich drauf ankommen lassen?" Ein Sprecher der Kölner Polizei bestätigt, dass es gelegentlich zu so genannten Gefährdungs-Ansprachen kommt, wenn die Polizei von geplanten Schlägereien im Vorfeld mitbekommt.

"Dann gibt es einen Aufstand"

Doch Erhan scheut den Konflikt nicht. Was soll schon passieren, wenn ihn die Einsatzkräfte tatsächlich einmal bei einer Schlägerei festnehmen? "Eine Nacht in der Zelle mit den Kumpels macht doch Spaß." Gefährlich wird es dann, wenn einer seiner Gangmitglieder verletzt oder gar getötet werden sollte. "Dann gibt es einen Aufstand. Und wenn mir etwas passieren sollte, weiß ich, dass mich Hunderte rächen werden."

Erhan weiß: Ein Anruf genügt, und er hat mehr als 100 gewaltbereite Hünen hinter sich, die alles andere als konfliktscheu sind. Zwar zählt seine Bruderschaft selbst derzeit lediglich 17 Mitglieder, doch die Zahl der Supporter geht in die Hunderte. Sie sind ein wichtiger Bestandteil der Rockerclubs: Supporter sind keine offiziellen Mitglieder und dürfen demzufolge nur in Ausnahmefällen das Clubhaus betreten. Doch im Konfliktfall müssen sie erreichbar und schnell zur Stelle sein. Als Gegenleistung dafür, dass sie ständig Aufträge erledigen müssen, winkt irgendwann die Aufnahme als vollständiges Mitglied.

Ein Ausstieg ist nicht vorgesehen

Doch bis dahin ist es ein weiter Weg: Wer sich als Supporter bewährt hat, darf ein halbes Jahr lang als "Hangaround" arbeiten, anschließend kommt die einjährige Phase als "Prospect". Erst dann folgt der Status "Probitionary" (Mitglied auf Probe) und dann als Vollmitglied. Anschließend ist man berechtigt, die offizielle Kutte zu tragen. Wichtigste Voraussetzungen dafür: Man muss mindestens 21 Jahre alt sein, eine Harley Davidson besitzen — und vor allem: "Man sollte nicht anders sein als wir", sagt Erhan.

Ab und zu kommt es vor, dass ein Rocker der Szene den Rücken kehren und ein neues Leben anfangen will. Doch das ist leichter gesagt als getan — denn so etwas wie einen offiziellen Austritt ist bei den meisten Clubs nicht vorgesehen. Das sei bei Median Empire nicht anders, erklärt Erhan. "So etwas wird nicht toleriert."

* Name von der Redaktion geändert

(RP/csi/pst)
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