Weihnachten ohne Oma — ein Essay

Weihnachten : Ohne Oma

Wenn die Familie unseres Autors Weihnachtslieder singt, fehlt Oma Ursel. Ihr Tod bedeutete, dass der Enkel erwachsen werden musste. Ein Essay.

Sie kannte alle Strophen. Mein Bruder rollte dann mit den Augen, kaum sichtbar, doch ich spürte sein Flehen. Aber sie hörte nicht auf, und weil ihre Wangen rot wurden vor Freude und ein bisschen vor Aufregung, hörte ich auch nicht auf. Ich spielte meist Klarinette, für das Klavierspielen war meine Geduld zu knapp, und die Finger waren zu breit. Oma Ursel sang.

Die Prozedur am Heiligen Abend war immer gleich: Kuchen, spazieren, Raclette, singen, Geschenke auspacken. Nimmt man aus diesem Ablauf einen Baustein heraus, wankt das ganze Haus. Meine Oma war der Zement, sie hielt all das zusammen. Es ist nicht ratsam, der Großmutter zu widersprechen. Es ist vor allem sinnlos.

Der Zement ist weg. Nach 94 Jahren konnte und wollte Oma Ursel nicht mehr. Als sie starb, war sie der letzte noch lebende Teil meiner Großeltern. Als sie starb, brach meine Vorstellung weg, es gebe noch diese eine schützende Instanz, meine Oma. Als sie starb, hinterließ sie nicht nur einfach einen hilflosen jungen Mann. Sie brachte die Prozedur am Heiligen Abend in Gefahr.

In der Zeit nach Omas Tod war die Liebe wahnsinnig schmerzhaft

Als mein Vater vergangenes Jahr anrief, es war früher Abend, war ich in Leipzig. Genauer gesagt saß ich in einem Bekleidungsgeschäft eines Einkaufscenters in Leipzig. Es konnte kein gutes Zeichen sein, dass mein Vater mich anrief, um diese Uhrzeit, an diesem Ort. Seine Botschaft stürzte mich in ein Loch. Sein Anruf brachte mein Selbstverständnis ins Wanken, irgendwo noch ein Kind sein zu dürfen.

Die Liebe, sagt man, ist wahnsinnig schön. Ich glaube das auch. Aber in der Zeit nach Oma Ursels Tod war die Liebe wahnsinnig schmerzhaft. Das Wissen darum, sie nie wieder in den Arm nehmen zu können, nie wieder mit ihr zu essen, sie nie wieder nach Hause zu fahren, sie nie wieder zu riechen, dieses Wissen brach mir das Herz.

Meine Oma war, das übersieht man als Enkel leicht, nur zu einem geringen Teil ihres Lebens überhaupt meine Oma. Vor allem war sie Mutter, Ehefrau und Lehrerin. Im Zweiten Weltkrieg hat sie ihren geliebten Bruder Willy verloren, dessen Gemälde ihrer Heimatstadt Schirwindt (früher Ostpreußen, heute Russland) mittlerweile in meiner Wohnung hängt. Und später ist sie aus der DDR geflohen.

Oma Ursel war für mich die beste Großmutter der Welt

Das sagt sich ja so leicht: aus der DDR geflohen. So oft aber hat Oma Ursel erzählt, was das für ein Wagnis war. Mit Mann und drei Kindern. Ein paar Habseligkeiten in die Koffer, in zwei Gruppen teilen, einen befreundeten Taxi-Fahrer einweihen, dann ab in die S-Bahn. Als Jugendlicher habe ich das nicht richtig verstanden, was sie meinte. Es klang cool zu sagen: Meine Oma ist aus der DDR geflohen. Heute wünsche ich mir, nur einen Teil ihres Muts zu besitzen.

Oma Ursel war für mich die beste Großmutter der Welt. Sie baute mit mir am Strand von Cuxhaven Sandburgen, sie backte mit mir Vanillekipferl und Spritzgebäck, sie ließ mich fernsehen, sie schenkte mir ihre Vorliebe für Mozart, überhaupt für klassische Musik, weil sie mir so oft etwas vorspielte am Klavier. Man müsste einfach sagen, sie tat das Beste, was eine Großmutter überhaupt tun kann: Sie schenkte mir Liebe.

Es fällt mir manchmal schwer, an Gott zu glauben. Wenn ich an meine Oma denke, dann wird es leichter. Gewiss, manchmal habe ich mich auch über sie geärgert. Weil sie eine alte Frau war, und alte Frauen eben manchmal anstrengend sein können. Ich wünschte, in diesen Momenten hätte ich gewusst, als wie lächerlich ich einmal dieses Ärgernis empfinden würde.

Der Zement fehlt

Ein paar Wochen nach ihrem Tod gab es diesen Moment, der den hilflosen jungen Mann, den meine Oma zurückgelassen hatte, antrieb. Dieser Moment bestand aus einem Gedanken, und der Gedanke nur aus ein paar Worten: Ich musste jetzt erwachsen sein. Von einem Tag auf den anderen war ich zur zweitältesten Generation meiner Familie gereift. Es gab nun niemanden mehr, der mich fernsehen ließ. Ich konnte fernsehen, wann immer ich wollte.

Nun ist an Weihnachten die Zeit, in der sich die Menschen gegenseitig ihrer Liebe vergewissern. Wäre das ganze Jahr über Weihnachten, es gäbe keine Kriege, so viel Liebe herrschte auf der Erde. Leider besteht Weihnachten nur aus ein paar Tagen. Es hilft, auch anlasslos an Menschen zu denken, die man liebt. Selbst wenn diese gar nicht mehr da sind. Ich denke oft an Oma Ursel.

Auch wenn der Zement fehlt, gelingt es meiner Familie erstaunlich gut, die präzise Prozedur des Heiligen Abends einzuhalten. Mein Bruder rollt zwar immer noch mit den Augen, aber wir singen eben auch immer noch alle Strophen. Und auch die Klarinette hole ich hervor. Meine Mutter singt vor allem mit, mein Vater auch, und sogar mein Bruder ein bisschen. Oma Ursel würde sich sicher freuen.

Zwei Dinge gibt es, die sie in ihrem Leben bereut, hat meine Oma einmal gesagt. Sie hätte gerne den Führerschein gemacht. Und sie hätte so gerne mal in einem Opernchor gesungen. Einmal dort stehen, wo sie als Zuschauerin oft bewundernd hingesehen hat. Bei uns zu Hause im Wohnzimmer hatte sie aber auch wirklich einen dürftigen Chor.

(her)
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